How to…

Manche Geräte haben eine Gebrauchsanweisung, andere eine Bedienungsanleitung. Dann gibt es weit weniger häufig Gebrauchsanleitungen, und ziemlich selten auch Bedienungsanweisungen. Im großen und ganzen dürften alle diese Vokabeln austauschbar sein, sie werden jedenfalls meistens synonym verwendet.

Dabei könnte man schon überlegen, ob das eigentlich so gehört. Die Bedienung eines Geräts könnte etwas anderes sein als der Gebrauch. Nehmen wir den Rasenmäher. Zur Bedienung gehören die Antworten auf Fragen wie:

  • Welchen Krafstoff fülle ich wo ein?
  • Wie starte ich das Gerät?
  • Wie ändere ich die Drehzahl?
  • Wie schärfe ich das Rotiermesser?
  • Wie verstelle ich die Griffhöhe?
  • Wie sorge ich für möglichst sonoren, kernigen, weittragenden Klang?

Das kann ich auch alles sehr schön im Keller machen oder den Rasenmäher auf dem Dachboden völlig korrekt bedienen. Mit dem bestimmungsgemäßen Gebrauch hat das zunächst nichts zu tun. Bedienenkönnen ist zwar Voraussetzung für den bestimmungsgemäßen Gebrauch (nicht bestimmungsgemäßer Gebrauch geht natürlich ganz ohne Bedienenkönnen und sogar ohne Bedienen des Geräts – vom Dach werfen, um aus Rache die Windschutzscheibe meines falsch geparkten Nachbarn einzuwerfen kann ich das Ding auch ohne zu wissen, wie der Gashahn oder irgendwelche Schalter und Hebel funktionieren), aber bestimmungsgemäßer Gebrauch ist nicht zwingende Folge des Bedienenkönnens.

Zum Gebrauch gehören die Antworten auf Fragen wie:

  • Wozu brauche ich überhaupt einen Rasenmäher?
  • Was mache ich mit dem Ding, wenn ich es dann habe?
  • Kann ich nasses Gras mähen?
  • Wie hoch darf ich das Gras wachsen lassen, bevor ich mähen sollte?
  • Gibt es als Zubehör ein Rollgestell zum Heckenschneiden mit dem Rasenmäher?

Das sind teils Dinge, die zumindest grundsätzlich für alle Rasenmäher gelten, teils Dinge, die zwar vom konkreten Rasenmähermodell abhängen, aber deren zugrundeliegende Prinzipien doch wieder für alle Rasenmäher gelten. Diese Dinge kann ich im Prinzip mit jedem Rasenmäher machen, egal was für ein Modell es ist und wie es im Einzelnen bedient wird.

Zwischen Gebrauch und Bedienung liegt ein weites und fruchtbares Feld lexikologischer Differenzierung, das von der Linguistik nach meinem (allerdings eher unvollständigen) Kenntnisstand bisher weitgehend unbeackert geblieben ist. Da steckt Stoff für Seminararbeiten drin, wenn nicht sogar die eine oder andere Abschlussarbeit denkbar wäre. Aber ich lasse diesen interessanten Faden jetzt mal als loses Ende hier liegen und widme mich dem eigentlichen Thema dieses Beitrags.

Hier geht es nämlich um die vier oben genannten Vokabeln, in der Regel synonym gebraucht, und ihr Aufkommen und Auftreten im allgemeinen Sprachgebrauch. Wo sie herkommen, weiß ich nicht, das Etymologiewörterbuch von Pfeifer bei DHDS schweigt sich aus und bietet nur Erklärungen zu den Komponenten Gebrauch, Bedienung, Anleitung, Anweisung an, die hier aber für sich genommen nicht interessieren.

Immerhin können wir im Google Books Ngram Viewer nachschauen, wann die Wörter im Druck aufgetaucht sind und wie sich ihre Verwendung entwickelt hat:

Screenshot von der Ergebniskurve des Google Books Ngram Viewer. Suchwörter: Bedienungsanleitung, Gebrauchsanweisung, Gebrauchsanleitung, Bedienungsanweisung. Suche "case insensitive". Zeitraum 1700 bis 2008. Korpus: German (2012). Smoothing: 3.

(Hier dasselbe nochmal mit den Suchinformationen im Screenshot.)

Die Häufigkeitskurven der verschiedenen Ausdrücke passen dazu, wie ich sie interpretieren würde. Anweisung ist was amtschimmelig Behördliches, da sehe ich den pickelbehaubten Schutzmann mit hoheitlichem Habitus Erlasse der Verwaltung runterrasseln, das Publikum im Habacht, die Hände an der Hosennaht.

Folgerichtig tritt die Gebrauchsanweisung laut der Grafik im Jahr 1805 zuerst auf und ist lange absolut marktbeherrschend. (Was der komische Buckel zwischen 1760 und 1780 soll, weiß ich nicht, wird irgendein Artefakt sein.) Hat erst seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts überhaupt wahrnehmbare Konkurrenz und verliert erst in den letzten Jahren an Boden.

Eine Anleitung ist eine Erklärung, eine Einweisung in die Besonderheiten eines Geräts, da passt es, dass die Bedienungsanleitung und die Gebrauchsanleitung erst in der Hippiezeit an Fahrt aufnahmen. Bedienungsanweisung hört sich dagegen nach was Höchstoffiziell-Technokratisch-Unangenehmen an, eine kleine autoritäre Nische in der friedlichen, inklusiven Gegenwart. Vielleicht glaubte jemand, da die verbliebene Lücke der Matrix aus Anweisung, Anleitung, Gebrauch und Bedienung füllen zu müssen.

Man könnte das natürlich noch um Handbuch und ein eventuell zu entlehnendes Manual erweitern und die andere Achse um Benutzung ergänzen, aber die Brücke überquere ich (vielleicht), wenn der Volksmund sie gebaut hat.


6 Kommentare on “How to…”

  1. nömix sagt:

    @ komischer Buckel zwischen 1760 und 1780:

    Im “Leipziger Intelligenz-Blatt auf das Jahr 1779“ werden etwa »Compositionslichtgen [Öllämpchen zur Verwendung als Nachtlichter] in Schachteln mit 100 Stück und gedruckter Gebrauchsanweisung« annonciert:  ▶️
    Da der Ausdruck in einer an ein breites Käufer-Publikum gerichteten Annonce Verwendung findet, scheint er also zu jener Zeit durchaus gebräuchlich gewesen zu sein.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Interessant. Dass so ein Ausdruck gängig ist, bevor er in Büchern und den damals gerade erst aufkommenden Zeitungen auftaucht, ist wohl nicht ungewöhnlich. Auch weiß ich jetzt nicht, was genau in dem verwendeten Korpus enthalten ist. Aber dieser Block ist merkwürdig, wo das Wort praktisch aus dem Nichts auf einen Sockel springt und nach ein paar Jahren wieder im Nichts verschwindet, um dann ein paar Jahre später wieder aufzutauchen und in langem auf und ab an Fahrt gewinnt, wie man es sonst erwarten würde.

    Gefällt mir

  3. Achim sagt:

    Von dir als Übersetzer würde ich mir noch den komparatistischen Ansatz wünschen, aus dem man jede Menge hobbyethnopsychoanalytischen Honig saugen kann 😉 Während in Germanien „Anweisungen“ entstehen, verfasst der Franzose ein Stückchen mit der Überschrift „mode d’emploi“, und das italienische „istruzioni“ kann sowohl „Anleitung“ als auch „Anweisung“ sein…

    Gefällt 1 Person

  4. gnaddrig sagt:

    Stimmt, auf die Idee hätte ich auch kommen können. Dann das Englische (germanisch-romanisch-gemischte) instruction manual, also Anweisungshandbuch. Und die Russen haben ein rukowodstwo po expluatazii (руково́дство по эксплуата́ции), also einen Leitfaden für die Nutzung/den Betrieb. Aber ich sag ja, da steckt Material für mindestens ein paar Seminararbeiten drin.

    Gefällt mir

  5. Yadgar sagt:

    „Man könnte das natürlich noch um Handbuch und ein eventuell zu entlehnendes Manual erweitern“

    Vorsicht, da wären dann auch Orgel- und Cembalo-Manuale mit drin!

    Gefällt mir

  6. gnaddrig sagt:

    Oh ja, nach dem Muster ließen sich sicher lange Wortketten bilden…

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.