Komplementärfliegerei

Heute mal ganz was anderes: Teppichfliegerei. Weit verbreitet, bei den einen beliebt, bei den anderen verhasst. Gelobt und kritisiert, vehement verteidigt und aggressiv angegangen. Hier nun ein paar Zeilen über eine faszinierende Methode, die seit tausendundeiner Nacht polarisiert wie kaum eine andere.

Seit Prinz Husain das Teppichfliegen entdeckte (Quelle), hat diese erstaunliche Technologie weite Kreise gezogen und eine große Anhängerschaft gefunden. Unzählige Berufs- und Hobbypiloten, Reiseveranstalter, Logistiker und Passagiere nutzen Fliegende Teppiche.

Dabei gibt es bis heute keine Erklärung der Funktionsweise Fliegender Teppiche. Genau genommen gibt es auch keine Belege dafür, dass sie überhaupt funktionieren. Mehrere großangelegte Versuchsreihen konnten keine Flugfähigkeiten feststellen. Alle getesteten Bauformen, Formate und Flugmethoden schnitten ähnlich schlecht ab. Platt gesagt: Es ist kein echter Teppichflug zweifelsfrei belegt.

Die Befürworter der Teppichfliegerei lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie verweigern sich dem Diktat der Schulwissenschaft und fliegen einfach trotzdem, ähnlich wie die Hummel, die ja bekanntlich auch eigentlich gar nicht fliegen kann, es aber seit Menschengedenken trotzdem eifrig tut (hier übrigens ein hübscher Soundtrack dazu.)

Der Verband Deutscher Teppichflieger teilt mit, angesichts ermutigender Ergebnisse eigener Testreihen sehe man keinen Grund, an der Technologie zu zweifeln und empfehle Fliegende Teppiche für praktisch jede Transportsituation als umweltschonende und natürliche Alternative zur konventionellen Fliegerei. Gleichwohl solle man sich der Grenzen der Teppichfliegerei bewusst sein und bei der Planung logistischer Prozesse und konkreter Flugereignisse sicherheitshalber immer auch einen Schulpiloten zu konsultieren, um den Transportbedarf möglichst umfassend abdecken zu können.

Beim Dachverband der Deutschen Flugteppichindustrie verweist man stolz auf eine lange Reihe von Meilensteinen bei der Entwicklung alternativer Flugkonzepte und sieht sich auf einem guten Weg. Man stehe kurz vor einem bedeutenden Durchbruch, der die Teppichfliegerei auf Augenhöhe mit der konventionellen Fliegerei bringen werde.

** * **

Aber wie sieht die Teppichfliegerei im Detail eigentlich aus? Es gibt gar nicht die eine Teppichfliegerei, sondern es haben sich eine Reihe von Richtungen herausgebildet, die sich teilweise stark unterscheiden und deren Vertreter sich gegenseitig nicht anerkennen.

Die älteste und tiefgreifendste Trennlinie verläuft zwischen geknüpft und gewebt. Die ersten Fliegenden Teppiche zu Prinz Husains Zeit sind traditionell geknüpfte Perserteppiche, obwohl meist allgemein Orientteppiche akzeptiert werden. Verschiedene Knüpftechniken werden verwendet, wobei nach allgemeinem Konsens gilt: je feiner und dichter, desto bessere Flugeigenschaften hat der Teppich.

Später entwickelt sich eine Schule, die statt Teppichen durchgängig gewebte Matten ohne geknüpften Flor verwendet. Die Matten werden allerdings auch Teppich genannt. Diese Schule spaltet sich auf in die Anhänger der Einfadenmethode (der Teppich muss aus einem einzigen, ununterbrochenen Schussfaden gewebt werden) und der Mehrfadenmethode (es können beliebig viele Schussfäden in beliebigen Farben verwendet werden; je kleinteiliger das resultierende Muster, desto bessere Flugeigenschaften soll der Teppich haben.

Für die Herstellung Fliegeder Teppiche werden meist die traditionellen Materialien der handwerklichen Teppichherstellung verwendet: Wolle, Seide, Baumwolle. In jüngerer Zeit wird gelegentlich mit Beimischungen von Kunstfasern experimentiert, aber die Ergebnisse werden bisher nicht als zufriedenstellend empfunden. Die Verwendung von Hanf, Sisal oder Kokosfaser ist in der Teppichfliegerei geächtet und führt in der Regel zum Ausschluss aus der Internationalen Vereinigung der Teppichflieger. Die Vertreter dieser Materialien haben sich in mehreren konkurrierenden aber insgesamt unbedeutenden Verbänden organisiert.

** * **

Viele Berufspiloten machen eine Zusatzausbildung zum Teppichflieger, um ergänzend zur herkömmlichen Fliegerei eine weitere Transportoption zu haben und nicht durch die Gesetzmäßigkeiten der Physik übermäßig eingeschränkt zu sein. Die meisten Fluggesellschaften fördern diese Zusatzausbildungen. Außerdem hat sich ein sehr ausgedehntes Ökosystem von Hobbypiloten, Drachenfliegern und Fallschirmspringern gebildet, die ebenfalls Teppichfliegerei betreiben.

Obwohl die Plausibilität des Teppichfliegens in der Wissenschaft umstritten ist, halten Teppichflieger diese Technik für sehr zuverlässig und sicher. Anders als Motorflugzeuge verursachen Fliegende Teppiche keinen Lärm und keine Abgase, sind wartungsärmer, verbrauchen weniger Platz am Boden und in der Luft. Unfälle oder gar Abstürze sind extrem selten und lassen sich immer auf Bedienfehler zurückführen, etwa wenn nicht vom Boden aus gestartet wird sondern wie Fallschirmspringer aus einem Lastflugzeug, oder bei Überladung oder Missachtung der notwendigen Rituale.

Versuche, die Teppichfliegerei mit der konventionellen Fliegerei zu verbinden, sind bisher durchweg gescheitert. Ein vielversprechendes Projekt, bei dem die Tragflächen konventioneller motorgetriebener Flugzeuge mit Fliegenden Teppichen beschichtet werden sollte, um so den nötigen Auftrieb zu erzeugen (weniger Motorleistung nötig, da nur noch Vortrieb produziert werden muss) und eine Absturzsicherung bei Triebwerkausfall bereitzustellen, ist kürzlich endgültig eingestellt worden. Ebenso hat sich die Ausstattung Fliegender Teppiche mit klimatisierten Kabinen mit Druckausgleich als nicht machbar erwiesen. Die Teppichfliegerei bleibt damit auf relativ niedrige Flughöhen beschränkt, Teppichraumfahrt ist bis auf weiteres nicht möglich.

P.S.: In jüngster Zeit erhält die etablierte Teppichfliegerei Konkurrenz durch die neu aufgekommene Sofakissen- und Polsterfliegerei. Diese alternative Flugtechnik wird von den Vertretern der Teppichfliegerei durch die Bank als unseriös abgetan.

P.P.S.: Die gelegentlich gehörte Behauptung, Teppiche würden nicht fliegen sondern ihre Besatzung an den gewünschten Zielort teleportieren, entbehren jeglicher Grundlage und sind selbstverständlich dem Reich der Phantasie zuzuordnen, genau wie die Geschichte des Lampengeistes. Teppichgestützte Teleportation ist Unfug. Teppiche fliegen, sonst nichts.


3 Kommentare on “Komplementärfliegerei”

  1. Yadgar sagt:

    Brüll!!!

    Also, ich fliege ja nur auf echten Afghanteppichen, vorzugsweise sogenannte Goldafghanen (am besten die mit Salor-Göl), würde auch gerne mal einen der wenigen erhalten gebliebenen „Zahir Shahis“ probieren, aber da ranzukommen ist ungefähr so einfach wie ein Orgel-Probespiel-Date mit einer Yamaha Electone GX-1 zu bekommen. Es müssen aber von Turkmenen geknüpfte Teppiche sein, Belutschen fliege ich nur, wenn es gar nichts anderes gibt… und über die massenproduzierten Imitate aus Pakistan müssen wir nicht reden, da hat es schon tödliche Abstürze mit gegeben, vor allem auf Flügen nach Indien! Perserteppiche können übrigens gar nicht fliegen, alle anderslautenden Aussagen beruhen auf IRNA- und PressTV-Propaganda…

    Gefällt 1 Person

  2. gnaddrig sagt:

    Perserteppiche können übrigens gar nicht fliegen

    Das ist Deine Wahrheit, Yadgar, ich halte mich dagegen an die vielen guten Erfahrungen, die ganz viele Leute mit fliegenden Perserteppichen gemacht haben. *treuherziger Augenaufschlag*

    Liken

  3. nömix sagt:

    Fliegende Auslegware für den Massen-Passagiertransport fand bislang noch keine Akzeptanz bei den Fluggästen.

    Gefällt 1 Person


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.