Rattenfängertage

Was ich überhaupt nicht mag, ist, auf der Straße angesprochen zu werden. Damit meine ich nicht Leute, die nach dem Weg oder der Uhrzeit fragen oder einen Euro „für die Fahrkarte nach Hause“ schnorren wollen, sondern Leute mit, sagen wir, organisierten Absichten.

Dabei ist es mir egal, ob mir jemand politische oder religiöse Pamphlete in die Hand drücken will, gern meine Unterschrift für eine Petition hätte oder mich von den Vorteilen egal welcher Organisation, Partei, Kirche, Freizeitaktivität überzeugen möchte, mir ein Abo verkaufen oder mich in einen bestimmten Laden locken will. (Mir sind die aggressiven Pressgangs des Bertelsmann Buchclubs in den späten 80ern noch unangenehm in Erinnerung, die haben bei uns eine Weile lang systematisch die Fußgängerzone dichtgemacht. War wirklich nicht schön.)

Wenn ich durch die Stadt gehe, möchte ich nicht mit sowas belästigt werden, genausowenig wie ich von Hunden beschnüffelt, angesabbert oder angekläfft werden will. Dabei ist mir fast egal, wofür die Leute in der Fußgängerzone werben. Sogar Organisationen, die ich gut und deren Tätigkeit ich wichtig finde, lasse ich abblitzen. Wenn ich solche Drückerkolonnen sehe, mache ich meistens einen großen Bogen – ich will nicht einmal erklären müssen, dass (oder warum) ich kein Interesse habe. Ich will mit den Leuten gar nicht interagieren müssen und auch nicht als das Arschloch gesehen werden, das freundliche Ansprache ignoriert oder Leute angnätzt, die doch nur Gutes von mir oder für mich wollen.

Manchmal ist wenig los, aber es gibt Zeiten, da ist die Fußgängerzone voll mit Leuten, die was von einem wollen, als wäre irgendwo ein Nest geplatzt. Neulch etwas, da gehe ich arglos durch die Stadt und an allen Ecken stehen welche. Erst ein paar Zeugen Jehovahs mit ihren fahrbaren Buchständern. Die lassen einen wenigstens in Ruhe. Auf dem Platz zwei Ecken weiter predigt einer mit angestrengter Stimme ohne Verstärker seine Version des Evangeliums. Da muss man aufpassen, nicht den zugehörigen Traktateverteilern in die Arme zu laufen. Ein Stück weiter steht die AfD in der Fußgängerzone, direkt daneben informieren ein paar Bärtige über den Islam. (Wer war zuerst da, oder ist es Zufall, dass die sich direkt nebeneinander aufgebaut haben?) Noch ein Stück weiter hat Scientology einen Stand (die scheinen in der letzten Zeit auch wieder aktiver zu werden).

Dann ist da noch eine Gruppe schwarzgekleideter Figuren, die schweigend neben ein paar flach auf dem Boden liegenden Bildschirmen herumstehen, umwabert von schwummriger Musik. Wenn man wissen will, worum es denen geht, muss man direkt hin und hoffen, dass die Bildschirme irgendwas Informatives hergeben und man sich nicht erst von einem eifrigen Aktivisten einen Knopf an die Backe reden lassen muss bis man weiß, warum man die nicht braucht.

Dagegen war am Tag danach geradezu harmlos: Nur ein Trupp von Amnesty International, ein aufgekratzter Zettelverteiler für einen Sale und ein Stand von ver.di. Alle gut zu erkennen und daher leicht zu umschiffen.

Von dem dummen Zeug, das hier ständig im Briefkasten landet, fange ich jetzt gar nicht erst an. Die örtliche AfD mit der gewohnten Empörtheit, ein Jörg aus Rostock mit seuchenfördernder Querdenkerei, der Bund gegen Anpassung mit, ach, lass gut sein, Gebrauchtwagenaufkäufer (rund um die Uhr, immer bar auf die Hand, auch verkehrsuntaugliche Fahrzeuge!), Pizzadienste – querbeet alles dabei. Aber mir ist es lieber, die stopfen mir ihr Altpapier in den Briefkasten als dass sie versuchen, es mir auf der Straße in die Hand zu drücken.

Online mit Adblocker einzukaufen hat vor dem Hintergrund durchaus seine Vorteile…


8 Kommentare on “Rattenfängertage”

  1. cimddwc sagt:

    Da bräuchte man einen Offline-Adblocker – ich stell mir da so einen Bodyguard à la Football- oder Eishockeyspieler vor, der Zettelverteiler & Co. richtig wegblockt. 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Klingt gut. Ist aber wohl eine Kostenfrage…

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  3. Martin sagt:

    Hey, da ist ja richtig was los bei Dir 🙂 Ich werde mit sowas ja nicht zwangsgeglückt, liegt aber vielleicht auch daran, dass es bei uns im Kaff nicht mal eine Fußgängerzone gibt. Aber AgD, Scientologen und Bärtige sind schon harter Tobak. Und im Briefkasten liegt zum Glück nur das völlig unsinnige „Einkauf aktuell“ mit seiner noch unsinnigeren Plastikhülle und vielleicht ab und zu mal ein nichtsnutziges Faltblatt vom Küchenstudio.

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  4. gnaddrig sagt:

    Das war auch ein Ausnahmetag, ganz so geballt ist es meist nicht. Aber irgendwer ist immer unterwegs und will was.

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  5. Yadgar sagt:

    Der „Bund gegen Anpassung“?!? Diese wirre Psycho-Politsekte gibt es immer noch? In einer Liga mit dem VPM und BüSo/Schiller-Institut/EAP/Patrioten für Deutschland oder was es sonst noch für LaRouche-Tarnorganisationen gibt!

    Na ja, Freiburg scheint wirklich im Spinnerwinkel Deutschlands zu liegen…

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  6. gnaddrig sagt:

    Ja, die gibt es noch. Haben auch eine sehr, hm, interessante Webseite. Hier landet immer mal wieder Altpapier von denen im Briefkasten, muss ein Nest in der Nachbarschaft sein…

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  7. Yadgar sagt:

    Also, ihre Zeitschrift „Ketzerbriefe“, erscheinend beim „Ahriman-Verlag“ (sic!) hat ja echt ein tolles Logo: Satan mit prall erigierter Latte, kreisförmig umrahmt von den Slogans „Arbeitszeitverkürzung“, „Gleichheit weltweit“, „Geburtenkontrolle“… das ist derart balla-balla, das könnte fast von mir sein!

    Macht Höllental-Föhn gaga? Oder ist Herr Hoevels anno 1971 in der Bockenheimer Sponti-WG an gepanschtes LSD geraten und auf dem Trip hängengeblieben? Fragen über Fragen… muss mal meine andere Krawallsatire-Sockenpuppe joe flametti fragen, der kennt eine Reihe von den alten SDS-Genossen…

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  8. gnaddrig sagt:

    Ja, völlig abgedreht. Haben die noch den Nachruf auf den armen Saddam Hussein auf der Startseite? Neulich haben sie da noch des verflossenen großen Kämpfers für einen säkularen Irak gedacht.

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