Der Umwelt zuliebe

An den Rändern teils ausgefranster Zettel aus festem Papier, der mit eigentlich durchsichtigen, aber braun verwittertem Klebeband an einem Hausbriefkasten befestigt ist. Der Text: "...der Umwelt zuliebe! Bitte _keine_Werbung, Postwurfsendungen und kostenlose Zeitungen einwerfen! Danke!"

Werbung, Postwurfsendungen oder kostenlose Zeitungen (d.h. mit ein paar redaktionellen Feigenblättern meist eher schlecht als recht getarnte Anzeigenblätter) nicht im Briefkasten haben zu wollen ist nicht ungewöhnlich. Entsprechende Aufkleber gibt es in jedem Schreibwarenladen zu kaufen.

Vermutlich dürfte dieser Werbemüll in vielen Fällen unbesehen im Altpapier landen; am ehesten werden wohl noch die wöchentlichen Schnäppchenblätter großer Einzelhandelsketten gezielt nach Schnäpchenpreisen für Dinge durchsucht, die man sowieso kaufen will und für die man mögliche Preisnachlässe natürlich gern mitnimmt. Zum Glück für die Produzenten kann man kaum messen, was eine Anzeige in solchen Wurfsendungen tatsächlich bringt. Wahrscheinlich hält sich der Nutzen in Grenzen – die Anzeigenblätter landen erfahrungsgemäß fast alle ungelesen im Altpapier, jedenfalls in den Wohnhäusern, in denen ich so verkehre.

Dass die Produktion und Verteilung von dem Mist deshalb erstens eine immense Ressourcenverschwendung und zweitens umweltschädlich ist, dürfte unstrittig sein.

Daraus folgt, dass man auch „der Umwelt zuliebe“ schon auf die Produktion dieser Erzeugnisse verzichten sollte. Wenig umweltschützerischen Effekt dürfte der Verzicht auf den Einwurf beispielsweise in diesen Briefkasten haben. Hergestellt ist das Zeug zu dem Zeitpunkt ja schon. Das Papier wandert dann eben in den nächsten Briefkasten, und was am Ende der Tour übrig ist, wird bestenfalls im Papiermüll, häufiger aber wild am Straßenrand entsorgt.

Und solange die Hersteller von Werbeblättern ihren Kunden Reichweite vorgaukeln können (Man google die Webseite des idiotischen, zu allem Überdruss auch noch in Plastikfolie verpackten Einkauf aktuell der Post – da ist von Reichweite für den Handel die Rede, man erreiche wöchentlich bis zu 20 Mio. Haushalte mit über 14,86 Mio. Lesern. Der geneigte Werbekunde solle seine Zielgruppe mit seinen jeweils aktuellen Angeboten aktivieren und regionale Haushaltswerbung mit nützlichem Mehrwert, einem kostenlosen TV-Programm, für Ihre Kunden verbinden.), solange die ihren Kunden also Reichweite und Aufmerksamkeit der Leserschaft vorgaukeln können, werden Werbekunden dort Anzeigen schalten, und so lange wird das Zeug gedruckt und in Briefkästen (oder, bei Überschuss, direkt in Mülltonnen) gestopft. Wo das Papier dann abgeworfen wird, ist umwelttechnisch weitgehend egal.

Aufkleber wie der oben ändern daran nichts. Dass Leute keine Werbung haben wollen, hat die Werbetreibenden noch nie interessiert. Werbung ist trotz großer Bandbreite grundsätzlich übergriffig und rücksichtslos, und bevor es entsprechende gesetzliche Regelungen gab, wurden Keine-Werbung-Aufkleber weithin ignoriert (werden sie immer noch, nur nicht mehr ganz so ungehemmt; große Ketten akzeptieren das, nur kleine Läden scheinen sich nicht dran zu halten, der neue Dönerladen um die Ecke, der 27. Pizzadienst in der Stadt und natürlich Gebrauchtwagenaufkäufer, die viel zu gewinnen und wenig zu verlieren haben).

Solange Zusteller ihr Altpapier irgendwie loswerden und die Auftraggeber sich vormachen können, dass das Zeug tatsächlich in den Haushalten landet und dort inhaltlich zur Kenntnis genommen wird, wird sich nichts ändern. Und deshalb greift der Text auf dem Briefkasten – bei aller Sympathie – leider zu kurz.


One Comment on “Der Umwelt zuliebe”

  1. gnaddrig sagt:

    Zum Thema „Ignorieren von Bitte-keine-Werbung-Aufklebern“: Werbetreibende umgehen das Problem durch eine Art unpersönliche Adressierung. „Ihr Fachhändler für Tierfreunde“ schreibt mich heute an mit einem Flyer, der so adressiert ist:
    An alle Tierfreunde des Hauses
    Beispielstraße 1
    12345 Meckerstadt

    Das lag heute im Briefkasten, dabei heiße ich gar nicht alle Tierfreunde des Hauses, und ich habe einen Bitte-keine-Werbung-Aufkleber am Briefkasten. Ich finde das irgendwie unverschämt von denen und von der Post, die diese Sorte pseudoadressierter Wurfsendung als Produkt anbietet.

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.