Formen

Form folgt Funktion ist ein berühmter Designgrundsatz. Klar – was nützt mir die schönste Form, wenn sie der Funktion entgegensteht? Funktionieren muss es, die Form ist da nachrangig bzw. ergibt sich aus der Funktion. Deswegen ist die Form von Dingen aber nicht notwendigerweise egal, erst recht nicht, wenn es um Dinge geht, bei denen mehr als nur die Funktion wichtig ist. Musikinstrumente zum Beispiel.

Natürlich können nach rein funktionalen Gesichtspunkten gebaute Instrumente großartig klingen, sich hervorragend spielen lassen und damit eigentlich perfekt sein. Aber wenn sie dabei hässlich sind? Es gibt sicher Leute, die sich daran nicht stören, solange das Ding tut, was es soll. Ich gehöre nicht dazu. Ich finde es – bei gleicher Klangqualität und Spielbarkeit – viel angenehmer, ein Instrument zu spielen, das gut aussieht als ein hässliches, das komische Proportionen hat oder billig aussieht. Und ich sehe als Zuschauer auch viel lieber schöne Instrumente im Einsatz als hässliche. Dabei kann eine absichtlich schmuddelige Steampunk-Gitarre durchaus reizvoll sein, z.B. diese von Cyberpunk 2077 inspirierte Extravaganz!

Wobei hässlich natürlich sowieso relativ ist. Viele nach klassischer Kunst geformte Gitarren etwa finde ich langweilig und nicht besonders schön. Die zackigen, grell lackierten Metal-Äxte der 80er finde ich zwar nicht besonders schön und argwöhne, dass sie teils recht unhandlich sind, aber sie haben einen gewissen Witz. Als Element überdrehter Hair-Metal-Inszenierungen funktionieren sie sicher oft besser als die auch bei schriller Lackierung doch immer eher bieder wirkende Strat.

Auch andere, tontechnisch supertolle Instrumente überzeugen mich oft nicht recht. Die berühmte Ovation etwa, die nach vorne wie eine gewöhnliche Westerngitarre aus Holz aussieht, hinten einen runden Plastikkorpus hat, der verhindert, dass man die Klampfe irgendwie gescheit vor dem Bauch hängen haben kann – mir hat sich die beim Spielen immer verdreht, man hat ja keinen Halt, und die Griffhand hat meist anderes zu tun als das Instrument gegen Verdrehen zu sichern. Da mag die Klampfe noch so tolle Klänge zu Gehör bringen, ich würde sie nicht wollen.

Das komische Kopfbrett von Ovation kommt noch erschwerend hinzu, das sieht so unmöglich aus, dass das allein die Gitarre schon disqualifiziert, obwohl man das natürlich selbst mit Feile, Sandpapier und etwas Klarlack nachbearbeiten könnte…

Grundsätzlich dieselben Überlegungen gelten auch für den E-Bass. Dessen klassische Bauform kommt wie die Strat ebenfalls von Fender. Und dieser Precision Bass mag zwar ein technisch hervorragendes Instrument sein, er ist aber zugleich ein entsetzlich unansehnliches Gerät, optisch absolut uncharismatisch, eine lieblos nachgezeichnete, aber gründlich missglückte Strat. Und als Krönung zerschießt der klotzige Kopf im Grobmotorikerdesign mit seinen als Stimmwirbel missbrauchten Suppenlöffeln dem ohnehin schon klobigen Apparat optisch das letzte bisschen Balance. Das ganze Ding ist – Klang hin, Kult her – eine einzige Designkatastrophe. Mit sowas würde ich nicht nachts allein bei Stromausfall und Nebel im Keller einer verlassenen Berghütte musizieren wollen. Da könnte man genauso gut Fiat Multipla fahren.

Wozu sollte man sich so eine Scheußlichkeit umhängen, wenn es Instrumente gibt, die richtig gut aussehen? Bei denen einem jedesmal das Herz aufgeht, wenn man sie sieht und anfasst – es gibt ja genug Auswahl. Man muss sich nur mal so etwas in der Hand gehabt haben oder so etwas, dann ist man für Strat-Derivate dauerhaft verdorben. Oder einen Warwick Fortress, dann fasst man ohne Not keinen Fenderklotz mehr an.


7 Kommentare on “Formen”

  1. gnaddrig sagt:

    Schecter hat übrigens Instrumente im Programm, bei denen ich weniger an Bands und Bühnen denke, sondern an ein großes skandinavisches Möbelhaus…

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  2. Yadgar sagt:

    Ich als Tastenmann muss da vor allem an das Gros der elektronischen Orgeln ab ungefähr 1985 denken: Leichtbauweise, abgeschrägte Registerpanels neben den Manualen – und dann alles trostlos-proficool schwarz in schwarz! Nicht einmal Hammond (oder besser das, was nach dem Tod des Firmengründers Laurens Hammond 1973 und dem Verkauf der Firma erst an Marmon und später an Suzuki von Hammond übrig geblieben ist) bildet da eine Ausnahme… Lowrey ist der einzige noch produzierende Hersteller, der bis heute der Theaterorgel-Opulenz treu geblieben ist! Hingegen viele Orgeln der 1970er und frühen 1980er Jahre: wahre Augenweiden, nach Klanggruppen farblich unterschiedene Registerschalter über Nussbaumfurnier (wie z. B. meine erste Orgel, die GEM Wizard 327 L – und das war „nur“ eine dreichörige Unterklasse-Orgel – oder heute meine Technics SX-G5), die Gehäuse vor allem bei Oberklasse-Modellen teilweise aufwendig gestaltet (etwa die „Rembrandt“-Ausführung der Eminent 2000 Grand Theatre… oder diese Schönheit hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Farfisa_Pergamon)

    Sicherlich haben die modernen Digital-Presetschleudern dank 16-Bit-Sampling, FM-Synthese und was es sonst noch heute an Synthesizer-Technologien gibt viel realistischere Orchesterklänge als die alten Analog-Schiffe – aber vom Design her wirken sie beliebig und austauschbar, wie heutige Autos (die ja auch meistens schwarz sind). Und als Hardcore-Hammondfan, der sich keine B3 leisten kann, will ich eigentlich auch nicht 960 Naturinstrumente pro Speicherbank haben und auch keinen Steinway-Flügel aus der Dose, sondern Sinus-Sound, möglichst mit Leslie und mit echten Zugriegeln!

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  3. Wolf Niese sagt:

    Bring doch mal ein Gitarrensolo hier auf Link.

    Frohes Neues
    Wolf

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  4. ranthoron sagt:

    Bin ich froh, einen Spirit by Steinberger-Bass zu haben…
    Sozusagen das kleine Schwarze unter den E-Bässen 😉

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  5. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: Tasten sind nicht so mein Ding, aber ich verstehe Dich schon. Die Farfisa hat jedenfalls Charme.

    @ Wolf Niese: Mal sehen. Auch ein frohes Neues!

    @ ranthoron: Nicht so mein Ding, aber „das kleine Schwarze“ hat was 🙂

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  6. nömix sagt:

    Sie haben recht, das Fender-Design besticht durch herausragende Abscheulichkeit. (Wobei das Kopfbrett der Telecaster das der Strato an hässlicher Unförmigkeit sogar noch übertrifft.)
    Ich besaß mal einen Archtop-E-Bass (Fabrikat nicht eruierbar) von erlesener Schönheit, der allerdings extrem schwer zu bespielen war. Hier geriet die Funktion gegenüber der Form eindeutig ins Hintertreffen.*)

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  7. gnaddrig sagt:

    Oh ja, die Telecaster mit ihrem abgenagten Knochen am Ende des Halses. Und dem Korpus kann ich auch wenig abgewinnen, nett gesagt.

    Wenn übrigens so ein unspielbares Instrument nach was aussieht, kann man es wenigstens als Ornament an die Wand hängen, jedenfalls wenn man rechtzeitig auf die Idee kommt und Platz dafür hat…

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