Von zwingender Anziehungskraft

Als Kind hatte ich zwei oder drei Bände von Geheimagent Lennet von einem Cousin geerbt und gern gelesen. Vergangenes Jahr ist mir in einem offenen Bücherschrank in der Nachbarschaft der erste Band der Reihe wieder in die Hände gefallen, Geheimagent Lennet wird ausgebildet. In einer langweiligen Stunde habe ich angefangen, meiner Tochter das Buch vorzulesen, und sie fand die Geschichte auch spannend. Leider war das Buch viel zu schnell zuende, und deshalb haben wir uns über das ZVAB (sehr nützliche Einrichtung!) noch ein paar Bände der Serie besorgt.

Seitdem lesen wir immer mal wieder Geheimagent Lennet, und da fallen mir verschiedene Dinge auf. Der erste Band liest sich sehr gut, die Sprache ist flüssig, die Geschichte im Rahmen der üblichen erzählerischen Freiheiten einigermaßen stimmig. Der zweite Band ist sprachlich teilweise sehr holperig, obwohl von derselben Übersetzerin ins Deutsche gebracht wie der erste, und die Geschichte ist voll von Unstimmigkeiten und Lücken, durch die man ganze Mähdrescher fahren könnte. Das mag auch daran liegen, dass die deutschen Versionen teils großzügig gekürzt wurden und man dabei vielleicht eher grob vorgegangen ist. Jedenfalls ist das schade.

Der dritte Band – von wem anders übersetzt – ist sprachlich ebenfalls oft ungelenk, und die Folgerichtigkeit der Ereignisse darin hat so ihre kleinen Macken. (Die Geschichte beschreibt einen Fall, in dem typische Polizeiarbeit geleistet wird und es keinen Grund gibt, weshalb ein französischer Geheimdienst einen Agenten nach Großbritannien entsenden sollte, um dort in Zusammenarbeit mit einem britischen Geheimdienst den Fall zu lösen, und dass dort alle möglichen Beteiligten mit Handfeuerwaffen herumlaufen, passt sicher auch nicht ins Großbritannien der 60er Jahre.)

Der vierte Band, Geheimagent Lennet und der Satellit, ist wesentlich besser geschrieben, zumindest soweit wir bisher gekommen sind. Die Handlung ist ziemlich kohärent und die Übersetzung – wieder von einer neuen Übersetzerin angefertigt – liest sich sehr flüssig.

Da gibt es wenig dran auszusetzen, darum nochmal zurück zum dritten Band, Geheimagent Lennet und die Saboteure. Der liegt mir in einer Taschenbuchausgabe von 1982 vor, und auf der Rückseite des Einbands steht der folgende Text:

Das Besondere dieses Buches: Die Spionagegeschichten von „Geheimagent Lennet“ sind so spannend, daß er mit Recht von seinen Freunden als der „James Bond aus Frankreich“ bezeichnet wird.

„Die abenteuerliche, spannungsgeladene Buchreihe ist besonders aktuell und von zwingender Anziehungskraft, der sich niemand, alt oder jung, entziehen kann oder wird!“
(Vereinigte Jugenschriftenausschüsse, Bayern)

Wunderschön amtsstaubige Formulierungen, mit denen ein Trupp (wie ich vermute) älterer Herrschaften „der Jugend“ diese spannungsgeladene Buchreihe ans Herz legen wollte. Oder haben da junge Leute versucht, den offiziellen Stil nachzuahmen?

Egal, so oder so haben sie vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen – es sind ja doch nicht wirklich alle der Anziehungskraft der Buchreihe erlegen. Zwar ist die Reihe mit 40 Bänden in 20 Jahren recht umfangreich geworden und hat einigen Erfolg gehabt, aber so richtig allgemein bekannt ist sie doch nicht – in meiner Klasse war ich damals der einzige, der Geheimagent Lennet kannte. Aber gut, die Heldentaten eines jungen „James Bond aus Frankreich“ sind vielleicht auch nicht so massentauglich wie die Eskapaden von Hanni und Nanni oder den Fünf Freunden.

Der Klappentext erscheint mir für 1982 allerdings ein wenig aus der Zeit gefallen. Vielleicht stammt das ganze aus der Zeit, als der Band zuerst erschien. Andererseits, Band 1 habe ich als Taschenbuch von 1967, und da steht nichts Vergleichbares.

Im Buch selbst ist noch etwas auffällig – der Gebrauch von Anführungszeichen für bestimmte Vokabeln:

wurde bereits vom englischen Geheimdienst „durchleuchtet“.

hätten sich die Explosionen immer kurze Zeit nach solchen „Spielchen“ ereignet…

Außerdem soll ich Ihnen „aus der Nase ziehen“, was Sie zu tun gedenken.

Sollten sie es wagen, bei der englischen Polizei zu „singen“, würden sie sofort disqualifiziert.

wir sind sozusagen die „schwarzen Schafe“ in der Familie

und Musik, die unaufdringlich den Raum „berieselte“.

ein Kinderspiel, den Versicherer der Firma „festzunageln“.

Vielleicht nur, um Zeit „totzuschlagen“.

kurz vor dem Ziel seiner Mission noch „auszusteigen“

mal war ich Kanadier, mal „Ami“ oder Neuseeländer.

Vielleicht war man bei der Übersetzung bemüht, sich einer einigermaßen lockeren, jugendkompatiblen Ausdrucksweise zu befleißigen. Immerhin richtet sich die Buchreihe ja „an die Jugend“. Dabei hat man anscheinend auch auf Vokabular zurückgegriffen, das damals, also ab Mitte der 60er Jahre, in der Umgangssprache schon gängig war, es aber noch nicht ganz in die Schriftsprache geschafft hatte.

Weil man sich dabei aber nicht ganz wohl fühlte, das zu drucken, hat man diese im Schriftlichen noch als gewagt empfundenen Vokabeln in Anführungszeichen gesetzt. Das ist jedenfalls meine Vermutung.

Am Ende zählt für mich aber sowieso vor allem der Lesespaß, und der kann auf verschiedene Arten zustandekommen: Der Idealfall ist natürlich eine spannende, gut erzählte Geschichte in flüssiger Sprache. Aber beim Vorlesen gemeinsam an einer mehr schlecht als recht zusammengeschusterten Geschichte und holperiger Sprache herumzumeckern kann auch Spaß machen.


2 Kommentare on “Von zwingender Anziehungskraft”

  1. Mindsplint sagt:

    Lesespaß? Ja, den hatte ich. 🙂 LG Bea

    Gefällt 1 Person

  2. gnaddrig sagt:

    Was will ich mehr 😉

    Gefällt 1 Person


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