Pentatonisches

Vor einer Weile hatte ich ja ein schon etwas älteres Gedankenspiel zur Übertragung der grundlegenden Idee der Zwölftonmusik auf die Sprache wieder aufgenommen. Und jetzt frage ich mich pünktlich zum heutigen Internationalen Tag der Muttersprache, ob man nicht auch in die andere Richtung gehen und ein sprachliches Äquivalent zur Fünftonmusik bauen könnte, sozusagen als Muttersprachgymnastik.

Anderswo wird nur wieder (und oft reichlich larmoyant) über den unmittelbar bevorstehenden Untergang der deutschen Sprache wegen Anglizismenschwemme und Gendersprech gejammert. Das halte ich für völlig verfehlt – die deutsche Sprache hat weltweit die elftmeisten Muttersprachlerinnen, verfügt über eine sehr reichhaltige Literatur und ist nach wie vor sehr produktiv. Sie wird in mehreren Ländern für alle Beiche des Lebens aktiv verwendet, und zwar gesprochen und geschrieben, und zeigt wenig Neigung unterzugehen oder sich von irgendeiner invasiven Sprache einverleiben zu lassen.

Aber wenn schon so eine Sprache durch eine angebliche, von mutterspracheverachtenden Sprachverderbern aktiv vorangetriebene Ablösung durch das Englische vom Aussterben bedroht sein soll, kann für die sprachliche Vielfalt auf der Erde kaum noch Hoffnung bestehen. Sprachen wie Urdu, Malaiisch, Türkisch, Tamil oder Italienisch mit 50 bis 80 Millionen Muttersprachlerinnen hätten demnach noch weniger Zukunft als das Deutsche, und wer Griechisch, Tschechisch, Dänisch oder Malagasy als Muttersprache hat, sollte ganz dringend fleißig Englisch lernen, um nach dem vermutlich für nächstes Jahr vorgesehenen Untergang ihrer jeweiligen Muttersprache nicht plötzlich sprachlos zu sein. Zur Auflockerung hier ein Lied über den Verlust von Muttersprache, geschrieben in einer Sprache, die im Gegensatz zur deutschen wirklich einen schweren Stand hat.

Aber zurück zum Thema: Sprachgymnastische Spielereien ohne praktische Anwendbarkeit, und heute geht es wieder um die Übertragung kompositorischer Verfahren auf das Schreiben von Texten.

** * **

Wenn man beim zwölftoninspirierten Prinzip versucht, alle verfügbaren Buchstaben zu verwenden, bevor man den ersten wiederholen kann, könnte man jetzt, ja, was? Nur einen bestimmten Teil der verfügbaren Zeichen überhaupt verwenden? Und wenn ja, welchen Teil?

Schon die Menge ist nicht so einfach zu bestimmen – unser übliches heptatonisches System verwendet für eine Tonleiter ja nur sieben der verfügbaren zwölf Töne, also kaum mehr als die Hälfte. Je nach kompositorischem Einfallsreichtum wird das in einem Stück dann beliebig auf bis zu elf erweitert, aber nur punktuell. Die sieben Töne zählen als „vollständig“ und man kann perfekte Musik komponieren, ohne auch nur einen zusätzlichen Ton zu verwenden.

Wenn also sieben von zwölf Tönen der abendländische Normalfall sind und mit dem vollständigen Buchstabeninventar der jeweiligen Sprache gleichgesetzt werden (z.B. 30 in meinem früheren Artikel), könnte man die Zahl der verwendbaren Zeichen für eine pentatonikinspirierte Textgattung einfach per Dreisatz ermitteln: Wenn 7/12=30 dann 5/12=((5/12)*30)/7/12=150/7=21,43. Ein pentatonischer Text müsste also mit gerundet 21 Buchstaben auskommen.

Da fragt sich natürlich, welche 21 wir da nehmen. Umlaute und ß weglassen und durch ae, oe, ue und ss ersetzen wäre billig und rechtschreibtechnisch prekär, brächte uns aber immerhin von 30 auf 26. Welche fünf anderen lassen wir weg? Das wird ja schnell holperig. Man muss ja nicht gleich wie George Perec auf den häufigsten Buchstaben verzichten und einen ja dann doch eher knitterig zu lesenden Roman ohne e schreiben, zumal wir dann ja immer noch vier Buchstaben zu viel hätten.

Man könnte natürlich das Prinzip der Pentatonik mit den Regeln des Zwölftonschreibens verbinden und einfach Buchstabenzyklen aus 21 Buchstaben bilden, die erst aufgebraucht werden müssen, bevor der nächste Zyklus beginnt, und für jeden Zyklus könnte man eine andere Auswahl von 21 Buchstaben verwenden. Das wäre vielleicht ein bisschen gemogelt, würde aber den Sprachartisten mehr Gestaltungsspielraum verschaffen.

Andererseits könnte man Fünfton-Dada schreiben, dann wäre es egal, welche Buchstaben man eingangs aussortiert…

 


10 Kommentare on “Pentatonisches”

  1. smurfix sagt:

    Ich hab mir als Kind angesichts der Einführung anderer Zahlenbasen in der Schule (damals bestanden die Hornochsen darauf, dass man fürs Zweiersystem L und O verwendet statt 1 und 0. LOL) ein pentatonisches Zahlensystem ausgedacht, mit Stellenwert -2 bis +2. OK, geschummelt, das Komma braucht’s auch noch, und dann habe ich zu den fünf Vokalen noch fünf Konsonanten dazugesellt damit man die Zahl aussprechen kann.

    Die Umrechnung von sowas ins Dezimalsystem ist ein bisschen haarig, aber rechnen kann man damit locker. Gibt halt Überträge in beide Richtungen.

    Gefällt 1 Person

  2. gnaddrig sagt:

    Das Fünfersystem mit Silben finde ich klasse. Und das Zweiersystem mit L und O zu bauen hat auch seinen ganz eigenen Charme…

    Gefällt mir

  3. smurfix sagt:

    Aus heutiger Sicht sind L und O eher charmant bis niedlich, da stimme ich dir zu, aber damals war das ein mehr als deutlicher Hinweis darauf, dass wer-auch-immer-das-Buch-schrieb keinerlei Plan von garnix hatte. Zumal drei Seiten weiter ternäre und oktale Zahlen mit stinknormalen Ziffern und einer schnöden runtergestellten 3 bzw. 8 eingeführt wurden.

    NB, die Konsonanten hatte ich nicht zum Silbenbauen verwendet, sondern als alternative Ziffern. Als Silben gelesen wäre es ein 25er-System von -12 bis +12. Wobei das strenggenommen auch nicht stimmt, weil es nach dem Komma-K mit einem Vokal weiterging. Ein zweites K hatte ich glaube ich auch vorgesehen, um den Anfang des periodischen Teils eines Bruchs zu markieren. Nachdem man in diesem System nicht mal 1/2 „ohne“ darstellen kann, war das auch nötig. 😛

    Ich sollte mal einen Konverter schreiben … das Dezimalsystem ist überbewertet.

    Gefällt 1 Person

  4. gnaddrig sagt:

    Vielleicht könnte man auch Farben statt Laute nehmen?

    Gefällt 1 Person

  5. smurfix sagt:

    Also wenn schon obskur, dann Farbdifferenzen. Wir stellen uns einen Farbkreis vor, von rot auf gelb sind zwei Schritte rechtsrum (über orange), folglich Stellenwert +2. Gedanklich kann man mit Violett anfangen, das kann man außerdem als Komma verwenden.

    Sowas hätte mir damals echt Spaß gemacht (macht es heute ja auch noch 😛 ) … und die Hälfte meiner Mitschüler komplett durcheinandergebracht.

    Die Zahl 42 wäre damit orange-blau-orange. Fast so hübsch wie dual (101010).

    Auch als Siebenersystem verfügbar, wenn man magenta und cyan dazunimmt, dann wären wir mit der 42 bei magenta-blau-blau. Aber schon mit fünf bzw. sechs Farben wird es für Leute mit Farbsehfehler *etwas* problematisch.

    Gefällt mir

  6. gnaddrig sagt:

    Hm, man könnte die Farben mit Texturen unterlegen, wie in der Heraldik, dann wäre es farbunabhängig lesbar.

    Gefällt 1 Person

  7. gnaddrig sagt:

    Oder, wenn schon obskur, dann richtig. Wir nehmen Farbdifferenzen, aber nicht einfach orange-blau-orange, sondern die Zahlenwerte der Farben im RGB-Farbraum. Man könnte sich auf eine Reihenfolge einigen, in der mal R, mal G, mal B verändert wird. Oder einer der drei Werte wird zum Markieren der Reihenfolge verwendet und steigt mit jedem darzustellenden Zeichen einfach um 1, und Kombinationen aus den beiden anderen werden dann zur Kodierung von was auch immer verwendet – Zahlen mit irgendeiner Basis zwischen 2 und vermutlich 255 oder eben Buchstaben.

    Egal, so oder so könnte man dann Texte oder Zahlen in Farbfolgen kodieren, die sich als Karten mit vielen kleinen farbigen Quadraten darstellen ließen. Oder als 3D-Schlange in einem Würfel mit R, G und B als Achsen. Das wäre sogar als Skulptur möglich. Wenn jemand also demnächst merkwürdige JPEGs aus vielen kleinen Farbquadraten verschickt, wisst Ihr bescheid…

    Gefällt mir

  8. smurfix sagt:

    Die RGB-Idee ist auch nicht schlecht, aber ich befürchte bei zu vielen Werten fällt dann die Redundanz hinten runter. Ich will die Skulptur verstehen können, ohne mit dem Colorimeter drangehen zu müssen. Zwei Bits pro Kanal dürften das Maximum sein.

    Und nein, Dinge die keine Fotos sind kodiert man nicht als JPEG. 😛

    Gefällt 1 Person

  9. gnaddrig sagt:

    Dann eben ein anderes Format, da hängt mein Herz nicht dran, und mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Formate kenne ich mich gar nicht aus.

    Gefällt mir

  10. Yadgar sagt:

    @smurfix:
    „Und nein, Dinge die keine Fotos sind kodiert man nicht als JPEG.“

    Nein, PNG (oder GIF, für die Traditionalisten) ist das Format der Wahl… umgekehrt ist PNG (am besten noch mit der niedrigsten Kompressionsrate!) für Fotos purer Overkill, ein sehr guter Freund von mir mag einfach nicht einsehen, dass Digitalfotos mit jeweils 5 MiB nur nerven…

    Gefällt 1 Person


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.