Wörter, die drölfzigste

Nach Jahr und Tag nun wieder ein paar sortierte Wörter, die gefühlt drölfzigste, tatsächlich erst vierte Folge.

Wörter die ich nicht ausstehen kann:

Pubertier für pubertierende Heranwachsende. Das mag witzig klingen und ist als launische Verbalisierung des pubertätsbedingten Leidensdrucks in der Eltern-Kind-Beziehung auch durchaus verständlich. Aber trotzdem, meine Kinder sind keine Tiere, und ich mag sie nicht so nennen, auch nicht zum Spaß und schon gar nicht in angespannten Zeiten.

vermögen für können: Er hat dies oder das zu tun vermocht o.ä. Das ist so eine Marotte in journalistischen Texten, ähnlich wie das allgegenwärtige & Co., wenn jemand die Möglichkeit andeuten möchte, dass die davor erfolgte Aufzählung womöglich nicht ganz vollständig sein könnte, v.a. wenn der Text in dem beliebten locker-flockig-humorigen Tonfall gehalten ist, der Feierabendtauglichkeit und Nahbarkeit signalisiert.

Aber zurück zu vermögen – ich weiß gar nicht, wo man das sinnvoll einsetzen kann außer ironisch oder um absichtlich gestelzt zu klingen. In normalen Zeitungstexten ist eigentlich immer können besser weil klarer und von der Konstruktion einfacher. Dann gibt es noch in der Lage sein, das ähnlich wie vermögen mit Infinitiv mit zu konstruiert werden kann, das finde ich auch umständlich, klingt aber wesentlich weniger abgehoben.

TV (Teh-Vau, niemals Tie-Wie!) als Abkürzung für das Fernsehen (die Institution, nicht die Tätigkeit oder das konkrete Gerät). Lassen wir Überschriften und Schlagzeilen beiseite, in denen die Verwendung von Abkürzungen oft kaum vermeidbar ist – das ist ein saurer Apfel, in den man wohl manchmal beißen muss. Aber in normalem Fließtext hat sowas nichts zu suchen. Wenn man irgendetwas aus dem Fernsehen kennt, kennt man es aus dem Fernsehen, nicht aus dem TV. Im TV klingt für mich auf plumpe Art affektiert.

(Wieso heißt das übrigens das TV, wenn TV doch eine Abkürzung für das englische television ist und Vision im Deutschen ganz klar feminin? Da strahlt wohl das deutsche Neutrum Fernsehen ab.)

Schräges:

konspiranoid, Konspiranoiker (conspiranoico, ist mir zuerst hier begegnet), entspricht dem (mir bis dato auch nicht bekannten) englischen Substantiv conspiratard (Quelle).

Ausscheidungskommunikation (habe ich hier gefunden) – das ist der maßgebliche Inhalt der Ausbildung zum Windelcoach (aka Fachmann/-frau für Ausscheidungskommunikation), wo man anscheinend lernen kann, wie man Babys dazu bringt, schon ganz früh ohne Windeln auszukommen. Vielleicht funktioniert das, keine Ahnung. Aber das Wort ist auf befremdliche Weise schön. Auch wenn ausgebildete Windelcoaches sicher was anderes drunter verstehen – als erstes Beispiel fällt mir die Aussage ein: Das war Kacke

Wörter, die ich mag:

aguafiestas – das spanische Wort für Spielverderber. Ein aguafiestas ist jemand, der rains on someone’s parade, also jemandem das Fest verregnet. Ein sehr bildhafter und eindrücklicher Ausdruck.

holterdiepolter – schön lautmalerisch

koppheister (gehen) – das Wort, nicht die Tätigkeit

drölfzig – für irgendwie nicht näher bestimmt viele (Quelle), ein sehr nützliches Wort, wie Dingenskirchen für an irgendeinem Ort oder Anno Dunnemals für irgendwann früher, oder Leipzig/Einundleipzig für in einem bestimmten, mir nicht genau bekannten Jahr in der Vergangenheit.

Neue Wörter oder, wie wir Fachleute gern sagen, Neologismen:

suchten (Verb, kurzes u) – wie süchtig etwas tun. In den Ferien habe ich wie blöd Minecraft gesuchtet. Habe ich ungefähr im Mai zum erstenmal von meinen Töchtern gehört. Da es dazu einen Wiktionary-Eintrag von 2010 gibt, haben sie sich das offensichtlich nicht selbst ausgedacht. Elegantes Wort aber, füllt auf jeden Fall eine Lücke.


15 Kommentare on “Wörter, die drölfzigste”

  1. cimddwc sagt:

    Hm, ich vermag jetzt nicht zu sagen, ob mir „suchten“ oder ein denglischisiertes „bingen“ (bindschen) besser gefällt… immerhin eine Anglizismusvermeidung…

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  2. ich schenk dir zu deinem drölfzig mein ypzig oder in platt üppzisch. weil kein mensch das schreibt, isses egal.

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  3. gnaddrig sagt:

    @cimddwc: Hm, gegen Anglizismen habe ich an sich gar nichts. Aber einfach ein englisches Verb zu übernehmen ist ein bisschen langweilig, während „suchten“ ein gewisses Maß an Kreativität zeigt. Deshalb würde ich mich hier für suchten entscheiden.

    Und glaub nicht, ich hätte Dein „vermag ich nicht zu“ nicht bemerkt!

    @erphschwester: Auch nicht schlecht, aber nie gehört. Eigenbau?

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  4. nömix sagt:

    Ich sehe mich außerstande es zuwege zu bringen, Ihrem Urteil über das schöne Verb vermögen etwas abgewinnen zu können, das will mir nicht gelingen: ▶️ ; )

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  5. gnaddrig sagt:

    Hm, vielleicht war mein Urteil zu vermögen doch zu pauschal. An den Stellen hinter dem Link passt es. Aber das ist wohl auch eine Form ironischen Sprachgebrauchs, wo der Autor das alles nicht so bierernst nimmt, zumal er da ja auch, sagen wir, journalistische Verpeiltheiten verschiedener Art aufspießt.

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  6. sonst könnte ich es dir ja nicht schenken. 😉

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  7. gnaddrig sagt:

    Ah 🙂

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  8. „Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte!“ ( E.T.A. Hoffmann; Der Sandmann)
    „Mein Vater war überhaupt lebhafter Natur und bei seiner Entfernung von Geschäften wollte er gern, was er wuszte und vermochte, auf andere übertragen. (Goethe, Zwölf Briefe von Goethes Eltern an Lavater)
    So leistet er, wie du siehst, sehr viel, sobald man ihn stört, vermag er gar nichts. (Lessing)

    „Vermögen“ ist sicher eher literarisch, aber es wäre schade, es nicht mehr zu verwenden. Warum die Sprache um ein schönes Wort verarmen?

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  9. Achim sagt:

    Noch ein schönes Wort: Wir kamen zu Hause neulich auf den „Tümpel“ zu sprechen und gelobten, häufiger davon zu sprechen! Bei der Gelegenheit kamen wir auf noch ein unterschätztes Lemma im deutschen Sprachschatz, aber wie das so geht mit den voranschreitenden Jahren: Vergessen, wie weggeblasen.

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  10. gnaddrig sagt:

    @JvdL: Ein schönes Wort, wo es hinpasst. Und das ist in Nachrichtentexten eher selten der Fall, finde ich. Die gehören nüchtern, und da wirken solche Vokabeln dann auf mich schnell prätentiös. Und auch im Feuilleton und in Leitartikeln muss man nicht mit aller Gewalt versuchen, „literarisch“ zu schreiben. Wenn das Wort nicht wenigstens einen Aspekt beleuchtet, der beim einfachen „können“ nicht ausreichend zur Geltung kommt, ist es überflüssig. Dabei gebe ich zu, dass ich da keinen klaren Kriterienkatalog habe und das meist eher intuitiv einordne.

    @Achim: Tümpel ist schön, geloben auch. Letzteres mit denselben Einschränkungen wie vermögen; allerdings muss geloben deutlich seltener zum unnützen Aufblasen ansonsten gewöhnlicher Texte herhalten 😉

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  11. gnaddrig sagt:

    Apropos prätentiös und unnötig – dieses Zitat bringt es schön auf den Punkt:

    (…) there is a difference between a masterful use of vocabulary and replacing every word in a sentence with the longest synonym you can find in the thesaurus.

    (Quelle)

    Die Autorin (selbst Architektin) schreibt in ihrem Blog McMansion Hell auf Tumblr über architektonische Fehlleistungen, die beim Bau von Eigenheimen für neureiche US-Bürger so passieren. Sehr unterhaltsam, wenn man die Bissigkeit mag.

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  12. gnaddrig sagt:

    Noch ein Gedanke zu Anglizismen: Wenn man lange genug zurückschaut kann man alle Anglizismen, die auf germanischen Wörter basieren, schlicht als Reimport deklarieren. „Echte“ Anglizismen wären dann nur noch Wörter, die auf nichtgermanische Wurzeln haben. Bei den von skandinavischen Eroberern eingeschleppten Wörtern müsste man sich überlegen, ob auf denen basierende Anglizismen als Sonderfall eines Reimports gelten sollen oder ob sie wie die gallischstämmigen Anglizismen als echte Anglizismen anzusehen und daher im Interesse der Sprachpflege* tunlichst zu vermeiden sein sollen.

    *: Nach Ansicht mancher Leute, deren Meinung ich in dieser Hinsicht in der Regel nicht teile. Krampfhafte Anglizismenvermeidung durch Einzelne bringt genau wie wohl alle anderen sprachpolizeilichen Bestrebungen wenig bis nichts.

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  13. Yadgar sagt:

    Suchten? Suchtisfactory! Was geht eher zu Ende – die Pandemie oder meine aktuelle Satisfactory-Partie? Ich glaube, es sieht nicht gut für die Pandemie aus…

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  14. gnaddrig sagt:

    Was baust Du denn so? Impfzubehör? Wittere ich da einen Interessenkonflikt?

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  15. Yadgar sagt:

    Na ja, Satisfactory ist eine Industrie-Simulation ohne definiertes Ende, man kann im Prinzip spielen, bis man die gesamte Map (ungefähr 6 x 5 km groß) bis zur einer Höhe von 2000 Metern mit Produktionsanlagen, Förderbändern und Lagerhallen vollgebaut hat… und das dauert dann durchaus ein paar Jahre! Gut möglich, dass Corona schon vorher kein Thema mehr ist…

    (wenn ich daran denke, dass ich bei „Ultima IV“ (mit Unterbrechungen) 27 Jahre bis zur Lösung gebraucht habe… und bis jetzt noch keine einzige (von solchen mit ganz kleinen Spielfeldern, 32 x 16 oder so, mal abgesehen) Freeciv-Partie zum Maximalausbauzustand gebracht habe…)

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