Wesentliche Vermeidungseffekte

Vor einer Weile hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sich öffentlich für ein allgemeines Tempolimit von 130km/h auf deutschen Autobahnen ausgesprochen. Damit würde die gegenwärtige Praxis ins Gegenteil verkehrt: Statt dass wie bisher Geschwindigkeitsbegrenzungen auf einzelnen Autobahnabschnitten konkret gerichtsfest begründet werden müssen, müssten nach dieser Empfehlung örtlich begrenzte Ausnahmen vom Tempolimit ausreichend begründet werden.

Der Verkehrssicherheitsrat hat natürlich seine Gründe für diesen mit knapper Mehrheit beschlossenen Schwenk. Die F.A.Z. zitiert aus dem betreffenden Beschluss:

Ein Tempolimit „lässt wesentliche Vermeidungseffekte schwerer Unfälle erwarten“, heißt es in dem Beschluss, der der F.A.Z. vorliegt.

Wesentliche Vermeidungseffekte – was für ein Ausdruck! Der Zusammenhang legt nahe, dass der Verkehrssicherheitsrat einen Rückgang der Zahl schwerer Unfälle erwartet, dass das vorgeschlagene Tempolimit also ein Beitrag zur Vermeidung schwerer Unfälle sein soll. Aber beim ersten Lesen war ich dann doch verwirrt.

Der Satz klingt ziemlich verquast und unnötig kompliziert. Das ist sozusagen eine textliche Illustration der Wendung für „von hinten durch die Brust ins Auge“. Man könnte nämlich auch direkt und allgemeinverständlich schreiben, was man meint. Vielleicht so:

Wir erwarten, dass ein Tempolimit wesentlich zur Senkung der Zahl schwerer Unfälle beitragen wird.

Falls unpersönliche Formulierungen und Nominalstil gewünscht sind, das geht auch:

Es steht zu erwarten, dass ein Tempolimit einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung schwerer Unfälle leisten wird.

Weniger Unfälle, weniger schwere Unfälle, mehr Verkehrssicherheit – gutes Ziel, finde ich gut. Unfallfreies Texten in Pressemitteilungen wäre vielleicht auch ein überlegenswertes Ziel.
Jedenfalls gilt – Achtung, jetzt arbeite ich mit dem lustigen Kunstgriff, das, was ich bemängele, selbst in übertriebener Form zu tun und dadurch die Absurdität des von mir angeprangerten Sprachgebrauchs vorzuführen und zugleich meine eigene sprachgewaltliche Überlegenheit herauszustellen, ähnlich wie Robin Macgregor in Robert Louis Stephensons Kidnapped bei dem von ihm selbst provozierten Dudelsackduell* die Fehler von Alan Breck Stewart nachspielt, ausschmückt und als Stilmittel einbaut (ein lesenswertes Buch übrigens!) – dass ein ein Mindestmaß an Stilgefühl oder ersatzweise ein halbwegs gutes Lektorat wesentliche Vermeidungseffekte unnötig komplizierter Aussagesätze und ratlosen Publikums erwarten lässt. Das schlägt sich dann meist in höherer Leserzufriedenheit nieder, außer es geht nicht in erster Linie um die Mitteilung von Inhalten, sondern um das Prahlen mit der eigenen Gebildetheit. Letzteres würde ich selbst ja nie tun…
——-
*: Die betreffende Stelle kann man hier nachlesen (auf Englisch), fängt ungefähr bei Fußnote 16 an.

3 Kommentare on “Wesentliche Vermeidungseffekte”

  1. Raul Katos sagt:

    Der verquaste Satz mag seinen Ursprung in der Unsinnigkeit der Maßnahme haben. Denn je klarer die Aussage, umso eher wird ihr dünner Sinngehalt entlarvt.
    Ein Tempolimit in Deutschland ist in Bezug auf die Vermeidung schwerer Unfälle vermutlich so effektiv wie der Abschreckungseffekt der Todesstrafe in den USA. Davon abgesehen würde ich gerne die Unfallstatistik sehen, die belegt, dass tödliche Unfälle primär auf Autobahnen bei Höchstgeschwindigkeit resp >130 km/h passieren. Nicht falsch verstehen. Obwohl innerorts i. d. R. nur 50 km/h vorgeschrieben sind, passieren immer wieder Unfälle. Gleiches auf Landstraßen. Dort sind i. d. R. max. 100 km/h vorgeschrieben. Trotzdem gibt es tödliche Unfälle. Und oft hört man von Unfällen auf Autobahnen, wo LKWs in Stauenden krachen, wo Geisterfahrer täglich schwere Unfälle verursachen. All diese Dinge sind geregelt und dennoch vermeiden sie nicht offensichtlich Unfälle. Vermutlich wären es mehr, wenn es diese Regeln nicht gäbe. Und dennoch ist ein Tempolimit auf der Autobahn so sinnlos wie ein Kropf. Denn die Möglichkeit, schneller als 130 km/h unterwegs zu sein, ist mittlerweile aufgrund der Verkehrssituation (Baustellen, Staus, erhöhtes Verkehrsaufkommen, bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen) sehr unwahrscheinlich. Wie mein seliger Fahrlehrer zu sagen pflegte: damit es kracht müssen sich in der Regel zwei Idioten treffen. Er starb vor einigen Jahren auf der A8, wo er regelkonform mit seiner Ape mit 60 km/h unterwegs war und von einem Benz mit 160 km/h von hinten gerammt wurde und an einem Autobahnschild zerschellt ist. Am Ende hat er vermutlich Recht behalten. Auch mit 130 km/h hätte er die Beschleunigung nicht überlebt.

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  2. gnaddrig sagt:

    Davon abgesehen würde ich gerne die Unfallstatistik sehen, die belegt, dass tödliche Unfälle primär auf Autobahnen bei Höchstgeschwindigkeit resp >130 km/h passieren.

    Naja, das behauptet ja niemand, auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat nicht. Das Tempolimit auf den Autobahnen wird auch nicht als das Allheilmittel gegen Unfalltote angepriesen, sondern als eine von vielen Maßnahmen, mit denen man die Zahl der Unfälle, Verletzten und Toten senken will.

    Wie viel Tempo 130 da jetzt bringen würde, weiß man nicht so genau. Aber es dürfte unstrittig sein, dass die Zahl der schweren Unfälle mit hohen Aufprallgeschwindigkeiten zurückgeht, wenn nur noch 130 gefahren werden darf und so gut wie niemand mehr mit über 200 Sachen tieffliegt. Und das dürfte dann auch zu einem messbaren Rückgang der Todesopfer führen.

    Außerdem hätte so ein Tempolimit noch ein paar hübsche Nebeneffekte: Weniger Lärm und Feinstaub im Umland, weniger Kraftstoffverbrauch und damit weniger CO2-Ausstoß. Die Kapazität der Autobahnen wird größer, wenn die Geschwindigkeitsunterschiede geringer sind. Außerdem gäbe es dann weniger Grund, übermotorisierte Fahrzeuge zu kaufen. Vielleicht würde dann die durchschnittliche Motorisierung mittelfristig etwas bescheidener ausfallen, was den durchschnittlichen Energieverbrauch senken würde.

    Insgesamt sehe ich da einigen Nutzen und praktisch keinen Schaden. Wer unbedingt Bleifuß fahren will, kann das auf dem Nürburgring oder ähnlichen Strecken tun, ohne andere zu gefährden (oder nur andere Hobbyraser, die dort wohl auch wüssten auf was sie sich einlassen).

    Denn die Möglichkeit, schneller als 130 km/h unterwegs zu sein, ist mittlerweile aufgrund der Verkehrssituation (Baustellen, Staus, erhöhtes Verkehrsaufkommen, bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen) sehr unwahrscheinlich.

    Dann sehe ich nicht, wieso man sich derart gegen eine Maßnahme sperren sollte. Wenn man sowieso kaum je schneller fahren kann, kann einem das Tempolimit doch egal sein. Es ist aber nicht so, es kann an vielen Stellen häufig schneller gefahren werden, und darauf wollen viele nicht verzichten. Das kann ich einerseits verstehen – schnell zu fahren macht Spaß. Aber nötig ist es nicht, und besonders viel Zeit gewinnt man damit auch meist nicht.

    Dabei ging es mir hier wirklich mehr um die Formulierung als um die Sinnhaftigkeit eines allgemeinen Tempolimits 🙂

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  3. Achim sagt:

    @ Raul: „Ein Tempolimit in Deutschland ist in Bezug auf die Vermeidung schwerer Unfälle vermutlich so effektiv wie der Abschreckungseffekt der Todesstrafe in den USA.“

    Nun, der DVR hat sich micht mit Vermutungen aufgehalten, sondern Daten angeschaut: „DVR-Präsident Walter Eichendorf sagte der F.A.Z.: „Deutschland ist bei der Autobahnsicherheit nicht das Schlusslicht in Europa, aber es ist auch noch viel Luft nach oben.“ In eineinhalb Jahren mühevoller Arbeit habe man alle verfügbaren Fakten und Studien zum Tempolimit aus dem In- und Ausland zusammengetragen und ausgewertet.“

    Außerdem war nie die Rede davon, „dass tödliche Unfälle primär auf Autobahnen bei Höchstgeschwindigkeit resp >130 km/h passieren.“ Es geht um wesentliche Effekte.

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