Zeichensetzung

Zeichensetzung ist wichtig, Fehler können erhebliche Missverständlichkeiten auslösen. Zur Illustration gibt ja diese hübschen Beispielsätze, in denen ein hinzugefügtes oder weggelassenes Komma eine deutliche Veränderung der Aussage des Satzes nach sich zieht (Komm, wir essen, Opa! vs. Komm, wir essen Opa!) oder die Aussage ins Gegenteil verkehrt (Nicht, aufhören! vs. Nicht aufhören!).

Manchmal gibt es sogar mehr als zwei Möglichkeiten:

Er versprach, mir jedes Jahr ein neues Auto zu kaufen.
Er versprach mir, jedes Jahr ein neues Auto zu kaufen.
Er versprach mir jedes Jahr, ein neues Auto zu kaufen.

Im ersten Fall sollte er mir jedes Jahr ein neues Auto kaufen. Im zweiten Fall wollte er jedes Jahr ein neues Auto anschaffen. Im dritten Fall schleppt er das Versprechen, ein neues Auto anzuschaffen, Jahr für Jahr mit, mutmaßlich ohne es zu erfüllen.

Manchmal kann man aber einen Satz nur durch Verschieben eines harmlosen Kommas in verschiedene Aussagen ummodeln, die am Ende auf dasselbe hinauslaufen, aber den Sachverhalt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen. Nehmen wir diesen Satz aus einer Filmrezension:

Dem Film gelingt es, zu keinem Zeitpunkt spannend zu sein

Da ginge alternativ auch:

Dem Film gelingt es zu keinem Zeitpunkt, spannend zu sein

In beiden Fällen hat man einen Film, in dem kein einziger spannender Moment vorkommt. Aber die erste Formulierung stellt das als Erfolg dar – dem Film gelingt etwas, als hätten die Macher tatsächlich angestrebt, einen Film ohne spannende Stellen zu produzieren. In der zweiten Fassung steht das Ergebnis als Fehlschlag da – dem Film gelingt etwas nicht, das die Macher des Films vermutlich gern zustandegebracht hätten, nämlich spannende Stellen.

Eigentlich steht in der Rezension also eine falsche Aussage. Allerdings muss ich zugeben, dass ich da selektiv zitiert habe. Vollständig lautet der Satz: Dem Film gelingt es, zu keinem Zeitpunkt spannend zu sein, was immerhin ein kurioses Kunststück ist. Der Film hat also durch seinen Misserfolg in Sachen Spannung ein kurioses Kunststück vollbracht. Der Misserfolg ist demnach gleichzeitig eine Art ironischer Erfolg, und das muss man erstmal schaffen.

 


6 Kommentare on “Zeichensetzung”

  1. Raul Katos sagt:

    Auch Getrennt- oder Zusammenschreibungen sind spannend:
    Ich kann gut mit Menschen umgehen
    Ich kann gut Mitmenschen umgehen.

    Gefällt 2 Personen

  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, da kann man auch schön mit spielen. Für Groß- und Kleinschreibung gab es auch ein paar hübsche Beispiele, die fallen mir aber grad nicht mehr ein.

    Gefällt mir

  3. aurorula a. sagt:

    Immer wieder gern genommen:

    Der Mensch dachte, Gott lachte.
    Der Mensch dachte Gott lachte.
    Der Mensch, dachte Gott, lachte.

    Gefällt 2 Personen

  4. gnaddrig sagt:

    Sehr schön, kannte ich noch nicht.

    Gefällt mir

  5. Achim sagt:

    Jetzt verstehe ich endlich, warum so viele meiner Mitmenschen immer weniger Kommas (Kommata? Anyone?) benutzen. Das ist nicht etwa Nachlässigkeit, sondern ein Akt der exogenen Emanzipation: Sie wollen uns nicht eine bestimmte Lesart des von ihnen Geschriebenen aufzwingen, sondern uns die Freiheit lassen, eigene Deutungen zu entwickeln!

    Gefällt mir

  6. gnaddrig sagt:

    😀

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.