Wohltemperiert

Bei ganz vielen Dingen gibt es unerwartet abrupte Übergänge von einem Zustand in einen anderen. Das ist nicht nur bei Zahnpasta (nach dem ersten Öffnen sind die Tuben längere Zeit praktisch voll, um dann direkt zu fast leer zu wechseln, ein Zustand, den sie dann wochenlang unverändert beibehalten) oder Akkus (die sind oft Ewigkeiten lang halbvoll/halbleer, bis man die Ladeanzeige für kaputt hält und ignoriert, und in dem Moment schaltet sich der Apparat ganz unvermittelt wegen Strommangel aus) der Fall.

Auch bei Heißgetränken gibt es sowas, die haben fast nie die richtige Temperatur. Mein Lieblingsgetränk etwa geht fast übergangslos von „untrinkbar weil brühheiß“ zu „irgendwo zwischen lau- und handwarm“ über. Die wohl kaum ein oder zwei Minuten lange Phase der genau richtigen Trinktemperatur verpasst man im Alltag fast immer. Und selbst wenn nicht – wer mag sich schon einen ganzen schönen Pott Tee in ein paar kurzen Sekunden in den Hals schütten, sobald er nicht mehr zu heiß und bevor er schon zu kalt ist?

Ähnlich ist es mit Kaffee, Glühwein und Fischstäbchen. Und während ich abkühlenden Milchkaffee sogar noch ganz nett finde, ist mir schwarzer Tee in dem Temperaturbereich kaum genießbar.

Jetzt habe ich* zusammen mit Julian Reitz auf Twitter aus einer etwas abseitigen Art, Nuss-Nougat-Creme zu konsumieren, eine geniale Idee entwickelt, wie man die richtige Trinktemperatur sicherstellen kann:

Man baut eine kleine Heizspirale in das untere Ende eines Trinkhalms ein, um das Getränk beim Eintritt in den Trinkhalm auf die gewünschte Temperatur zu bringen. Ein ebenfalls anzubringender Sensor misst die tatsächliche Temperatur und regelt dann die Heizspirale so, dass der gewünschte Zustand erreicht wird, idealerweise unter Berücksichtigung der Durchflussgeschwindigkeit (damit große Schlucke nicht zu kühl, kleine Schlucke nicht zu heiß im Mund ankommen).

Am besten wird das ganze über eine App auf dem Telefon gesteuert, wo man dann alle möglichen weiteren Sachen einstellen könnte. Man könnte über Sensoren den Salz-, Zucker-, Koffein- oder Alkoholgehalt des Getränks messen, angebliche Veganität von Getränken verifizieren, auf verdorbene Bestandteile prüfen oder die Kalorienmenge berechnen und an die Diät- bzw. Ernährungsprotokoll-App weiterleiten.

Der Trinkhalm ist natürlich kabellos aufladbar, kennt man ja vom Handy. Könnte vielleicht per Solarzelle umweltfreundlichen Strom erzeugen. Das wird das absolute Must-Have für stylisches Leben.

Später könnte es auch eine Version mit Kühlspirale geben – auch am Pool in der brennenden Sonne immer eiskaltes Zeug, und das Non-Plus-Ultra wären dann Heiz- und Kühlapparat in einem Gerät kombiniert. Schöner heißer Caffe Latte? Jederzeit. Oder spontan doch Iced Latte? Kein Problem, der ist nur einen Knopfdruck und einen Zug am Trinkhalm entfernt. Wohl bekomm’s.

P.S.: Wenn der Trinkhalm knickbar ist, kann man damit bestimmt auch ein Knatterboot improvisieren: Einfach den Strohhalm auf einem Bierdeckel befestigen, das Mundende rechtwinklig nach unten biegen, sodass es ins Wasser hängt, und das Heizelement auf volle Leistung drehen (die de-Luxe-Version hat vielleicht einen Boost-Modus, der ein paar Sekunden 120% Leistung bringt), dann müsste das Ding ein Weilchen gemütlich vorwärts tuckern. Rückwärtsgang per Kühlelement wird aber leider nicht funktionieren…

_______

*: Manche würden das „ich“ hier Dreistigkeit nennen, dabei ist es nur robustes Selbstvertrauen. Außerdem habe ich die Alltagstauglichkeit der Idee als erster gesehen und mir die ganzen Details ausgedacht. Aber stimmt schon, die Idee mit der Heizspirale stammt von Julian Reitz.


5 Kommentare on “Wohltemperiert”

  1. Wetten, dass schon morgen jemand, der eine App zum Aufspüren markttauglicher Ideen auf dem Handy hat, Deine Idee geklaut hat und damit zum Patentamt rennt? Aber immerhin habe ich hier ein Ideechen für lauwarmen Kaffee. In den Kühlschrank stellen und richtig kalt werden lassen. – Mache ich im Sommer immer.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ach was, bisher hat hier noch nie jemand Ideen geklaut. Und stimmt, mit richtig kaltem Kaffee kann man natürlich wirklich wieder was anfangen.

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  3. Yadgar sagt:

    Als ich noch Schokoholiker war, gab es für mich bei Ritter Sport Nougat auch genau eine optimale Ess-Temperatur, nämlich 24°C! Darunter entfalteten sich die Nuss-Aromen nicht richtig, darüber fing die Schokolade an, matschig zu werden… und ganz schlimm war sommerlich-matschige Ritter Sport Nougat, die man zum Erstarren in den Kühlschrank gelegt hatte, die bekam nämlich eine fies bröselige Konsistenz, die mit richtiger Schokolade nicht mehr viel zu tun hatte!

    Ich schreibe in der Vergangenheitsform, weil derartige Genüsse mittlerweile für mich diabetesbedingt auf Lebenszeit verboten sind… und Diät-Ritter Sport Nougat wird seit Ende 2012 nicht mehr verkauft!

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  4. Achim sagt:

    Wäre ich ein alter Griesgram, würde ich sagen „Wer solche Sorgen hat, der hat keine“. Da ich aber noch nicht alt bin, sage ich das nicht 😉

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  5. gnaddrig sagt:

    Ich würde antworten: „Sorgen? Wieso Sorgen?“

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