Umsonst?

Neulich im Elektronikmarkt. Ich schaue mir Kopfhörer an. Nach ein paar Minuten kommt ein junger Mann in Schwarz mit Namensschild auf mich zu und fragt mich in seltsam ruppigem Tonfall, was ich da mache.

Ich verkneife mir ein schnippisches „Nach was sieht es denn aus“, sage stattdessen, dass ich mir Kopfhörer anschaue.

Er deutet auf das Modell, das ich in der Hand habe: Wollen Sie das umsonst?

Ich: ??

Er: Wollen Sie das umsonst? Oder das [deutet auf einen anderen Kopfhörer] oder das?

Ich: Warum sollte ich das umsonst wollen?

(Was ich meine: Wie sollte ich übehraupt auf die Idee kommen, hier was umsonst zu wollen? Das ist hier nicht das Rote Kreuz, sondern ein Supermarkt, die verkaufen Sachen für Geld, und ich gehe hier mit der Erwartung hin, Geld auszugeben, nicht was geschenkt zu kriegen.)

Er: Wollen Sie das umsonst?

Ich: Wieso? Wer sollte mir das umsonst geben wollen?

(Ich habe immer noch nicht von „Ein Verkäufer will mich beraten“ zu „Jemand will mir was aufschwätzen“ umgeschaltet.)

Er:  … Sie haben nicht gefragt: Wie.

(Offensichtlich folge ich nicht dem Skript, das sie ihm auf der Drückerschule eingebläut haben. Bei „umsonst“ hätte ich wohl anfangen sollen, hilflos gierig zu sabbern. Aber jetzt fängt bei mir der Groschen an zu fallen.)

Ich, innerlich augenrollend: Ok, wie?

Er: Ich bin von [Firmenname], wir haben dahinten einen Stand, können Sie kucken kommen. Wir vergleichen Stromtarife. Wenn Sie Vertrag machen, kriegen Sie 100 Euro umsonst, können Sie egal was kaufen im ganzen Laden hier. Was für Stromanbieter haben Sie?

Da habe ich mich dann verabschiedet, weil es mir zu blöd wurde. Wenn ich was nicht ausstehen kann, dann ist es, so von der Seite angesabbelt zu werden. Zuerst hatte ich gedacht, das sei ein regulärer Verkäufer. Klar, dass er in der falschen Farbe gekleidet war, hätte mir auffallen sollen. Und der Tonfall passte auch nicht. Aber bei einem Lehrling, der er vom Alter fast hätte sein können, und noch dazu mit Deutsch als Fremdsprache, da kann sowas schon vorkommen. Ich will ja nicht allzu pingelig sein. Und als Verkäufer dort wäre es natürlich sein Job gewesen, potenzielle Kunden anzusprechen und Beratung anzubieten.

Aber das war hier ja was anderes. Ich kaufe nie was auf der Straße oder an der Haustür oder am Telefon (und Drückerkolonnen sind Drückerkolonnen, auch wenn sie mit Billigung des Hausherrn in irgendwelchen Läden ihr Lager aufschlagen). Keine Zeitschriftenabos, keine Mitgliedschaften in Fitnesstudios, keine Errettung und keine Stromtarife.

Und Leute, die mir auf der Straße egal was aufschwatzen wollen, gehen mir so gut wie immer tierisch auf die Nerven. Insofern Pech gehabt. Da hilft der schönste, nach jeweils aktueller customer engagement strategy eingepaukte Standardgesprächsablauf mit seinen Wegmarken nicht.


8 Kommentare on “Umsonst?”

  1. Mindsplint sagt:

    Alles richtig gemacht 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Im Nachhinein ist es ja sogar amüsant.

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  3. Mindsplint sagt:

    Absolut! 🤗

    Gefällt 1 Person

  4. dass die „jungs“ (ok, manchmal, aber nicht oft sind es auch mädchen) ums verrecken nicht lernen wollen, dass aggressive gesprächsführung in der regel nirgendwo hin führt.

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  5. gnaddrig sagt:

    Naja, irgendwann sollte es dämmern, oder?

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  6. vielleicht überspielt man auf diese weise die eigene hilflosigkeit, denn in wirklichkeit isses ja ein scheißjob.

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  7. Achim sagt:

    @ erphschwester: Ja, modernes Prekariat. Wahrscheinlich sind sie auch noch scheinselbständig und werden nach Abschlüssen bezahlt. Weswegen mir die „hello this is x I am calling from Microsoft“ auch eher leid tun.

    Vor vielen Jahren sind wir mal aus Jokus zu einer Timesharing-Ferienwohnungs-Verkaufssause gegangen. War auch interessant.

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  8. Raul Katos sagt:

    Wenn man Zeit hat, kann man ein schönes Spiel daraus machen. Das Ziel ist, die maximale Zeit zu erzielen, bis der Drücker merkt, dass man ihn verarscht. Eine Option wäre also, mit ihm so lange durch den Markt zu laufen, um eine passende Permutation zu finden, die auf genau 100 € rauskommt. Dann kommt das eigentliche Verkaufsgespräch.
    Hier sollte man sehr unpräzise Angaben zum bisherigen Anbieter parat haben. Sicher weiß der Drücker dann, welcher Anbieter es sein könnte. Punkt für ihn und dann sollte man ihn loben, wie gut er sich auskennt. Bei den bisherigen Konditionen darf man ruhig etwas zu hoch greifen, das bestärkt den Drücker darin, das er konkurrenzfähiges Produkt anbietet.
    Dann wird es irgendwann an ein Formular gehen. Evtl. muss auch etwas in den Computer eingegeben werden. Hier kann man sich zuerst als weit- oder kurzsichtig präsentieren (je nachdem, welche Brille man nicht dabei hat). Der zweite Schritt ist, dass man eine peinliche Situation erzeugt, an deren Ende rauskommt, dass man eine Schreib-/Leseschwäche hat. In dieser Situation ist es wichtig, eine unmotivierte Konfrontation zu starten in der Art: „Wollen Sie mich diskriminieren, weil ich nicht so gut lesen und schreiben kann?“ Gerne etwas lauter, damit es umstehende Personen mitbekommen. Wichtig ist es, dann ein Angebot zu unterbreiten, das dem Drücker das Gefühl gibt, dass man auf seine Hilfe angewiesen ist – man will ja die Prämie auf jeden Fall behalten. Man bittet ihn also z. B., das Formular auszufüllen bzw. vorzulesen. Beim Buchstabieren der fiktiven persönlichen Daten (Personalausweis haben wir natürlich nicht dabei!) ruhig zuerst sehr schnell sprechen, damit er nicht mitkommt, dann beim langsam sprechen etwas leiser, bestimmte Buchstaben wie m/n, p/b können genuschelt oder bewusst falsch ausgesprochen werden, um es dann zu korrigieren.
    Bankdaten haben wir natürlich nicht parat. Aber, weil wir die Prämie unbedingt abgreifen wollen, bieten wir an, den Beziehungspartner, der
    irgendwo im Laden unterwegs ist, aufzusuchen, weil der/die den Geldbeutel hat. In der Zeit kann man dann in Ruhe seine Einkäufe tätigen.
    Jetzt kommt das Finale: das kann man dann beliebig gestalten. Eine Variante ist, Geschäftsunfähigkeit zu erklären. Man hat die Bankverbindung nicht bekommen, weil die Partnerin in Vertretung unterschreiben muss. Andere Variante ist, wir kommen zurück und sprechen von einem ganz anderen Thema (also Gewinnspiel, Tierschutz, Patenschaft etc.) für die wir eigentlich die Daten angegeben hätten. Wenn alles den Bach runter gegangen ist, fragen wir, ob wir die Prämie trotzdem behalten dürfen, weil wir ja unsere Daten preisgegeben haben. Nun folgt
    eine Datenschutzdiskussion, bei der wir darauf bestehen, dass die erhobenen personenbezogenen Daten gelöscht / vernichtet werden müssen. Wahlweise kann hier auf eine schriftliche Erklärung bestanden werden, dass die Daten nicht verwendet werden.

    Wie gesagt: wenn man Zeit hat. Aber dann ist es total lustig.

    Mitleid für den Drücker gibt es nicht. Sorry.

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In den Wald hineinrufen

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