Verbalsystematische Verdrehungen

Vor einer Weile habe ich The Unfolding of Language von Guy Deutscher gelesen. Ein sehr lesenswertes Buch, wenn man sich für Sprache interessiert. Der Mann treibt in dem Buch eine Art Paläolinguistik und zeichnet nach, wie die menschliche Sprache sich vom Du-Jane-ich-Goethe-Stadium in grauer Vorzeit bis zum heutigen Stand entwickelt haben könnte oder mutmaßlich entwickelt haben dürfte.

Dabei behandelt er auch die verbreitete Ansicht, Sprache sei ständig im Verfall begriffen, da fortwährend Strukturen verschwinden, Formen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen werden, Differenzierungen verblassen bis nur noch amorpher Sprachbrei übrigbleibe und die Sprache irgendwann zur Kommunikation gar nicht mehr zu gebrauchen sei, so jedenfalls die gängige Sicht zu Humboldts Zeiten.

Irgendwo in dem Buch gibt er ein Gedicht wieder, das er als Schüler geschrieben hatte, um seinen Verdruss über die unregelmäßigen Verbformen im Englischen zum Ausdruck zu bringen. Das Gedicht spielt mit den Unregelmäßigkeiten englischer Verbformen und ist ziemlich lustig.

Als deutscher Muttersprachler kann man sich sehr schön über die chaotische englische Rechtschreibung amüsieren (das beste aus drei Welten, sozusagen), weil das bei uns ja lange nicht so schlimm ist. Und die unregelmäßigen Verben sind durchaus ein dicker Brocken, wenn man sie lernen muss, wovon Deutschers Verse beredtes Zeugnis geben.

Bei uns ist das natürlich ganz anders. Klar, wir haben auch ein paar unregelmäßige Formen, aber die fallen doch sicher nicht so ins Gewicht. Haben wir ja eigentlich nie besondere Probleme mit gehabt.

Mal schauen. Früher hieß es: Ich frug, buk, stak, troff, heute: Ich fragte, backte, steckte, tropfte. Früher: Ich sog, jetzt: Ich saugte. Da erkenne ich eine gewisse Tendenz weg von den Überresten starker Konjugation zu den alle nach demselben Muster gebildeten schwachen Formen. So ganz sind wir noch nicht angekommen.

Ganz regelmäßig sähe so aus:
Ich gehte ins Kino und sehte einen Film. Letzten Sommer fliegte ich nach Malle und liegte faul am Strand. Obwohl, …

In Wirklichkeit ist es dagegen so:
Ich gah ins Kino und sing einen Film. Letzten Sommer flag ich nach Malle und log dort faul am Strand. Obwohl, nein, eben fog ich Wort an Wort und lügte dabei dreist. In echt koff ich zuviel Bier und saufte mich voll. Dann schwab auf einer Wolke und gebte schlechte Witze zum Besten. Auf dem Heimweg lachte ich das Auto in den Graben und denkte, das war jetzt nicht so gut. Ich sug viele schlimme Wörter und schlagte dabei leicht über die Stränge. Die Polizei fund das auch, und meine Ausreden schanden wenig Eindruck. Ernüchtert flog ich nach Hause ins Bett und zoh mir die Decke über den Kopf.

Deutsch als Fremdsprache muss echt Spaß machen…

 

** * **

Hier als Spielzeug noch ein paar Verben zum Verrühren:

gehen ging gegangen
sehen sah gesehen
drehen drehte gedreht

fliegen flog geflogen
liegen lag gelegen
siegen siegte gesiegt

leben lebte gelebt
heben hob gehoben
geben gab gegeben

saugen sog gesogen
taugen taugte getaugt

schwimmen schwamm geschwommen
stimmten stimmte gestimmt

schlagen schlug geschlagen
sagen sagte gesagt

lügen log gelogen
fügen fügte gefügt

werden wurde geworden
erden erdete geerdet (warum nicht gegerdet wie gegessen?)


9 Kommentare on “Verbalsystematische Verdrehungen”

  1. Ich schrub mal vor Jahren etwas dazu passendes, was ich nun ausgrabte: https://weblog.hundeiker.de/item-769.html (Kopfrotbedeck). Grauenhaft.

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  2. gnaddrig sagt:

    Grauenhaft, ja. Aber irgendwie auch klasse. So Sachen muss man manchmal ausprobieren. Bin ich ein großer Freund von!

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  3. Da frag ich mich, wieso manche Leute angeblich perfekt mehrere Sprachen sprechen können.

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  4. Achim sagt:

    Ein Irrtum ist dir unterlaufen: „troff“ ist das noch teilweise produktive Präteritum von „triefen“. Ja, Deutsch als Fremdsprache zu lernen ist manchmal eine Herausforderung. Wenn’s im Italienischkurs kompliziert wird, grinst die Dozentin immer und meint „ecco la vendetta dei studenti di tedesco“ 😉
    Wenn man erzählt, dass das alles im Mittelhochdeutschen noch ziemlich regelmäßig war und es Gesetzmäßigkeiten gab, nach denen man schließen konnte, wie sich bei der Bildung der Präteritumsform wohl der Vokal verändert, kriegen manche Menschen glasige Augen…

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  5. gnaddrig sagt:

    @ kopfundgestalt: Wie die das können, weiß ich auch nicht. Aber es gibt welche, die noch als Erwachsene Spracherwerb wie Kinder können, also ohne viel Paukerei scheinbar mühelos eine Sprache lernen und dann wie Muttersprachler beherrschen.

    @ Achim: Stimmt, troff gibt es noch, ist aber wie buk mittlerweile extrem selten. Kommt im Alltag einschließlich Presse praktisch nicht mehr vor, außer vielleicht in überambitionierten oder eher gewollt literarisch gehaltenen Feuilletontexten. Insofern zeigt das die von mir behauptete Tendenz zu schwachen Formen doch ganz gut 🙂

    Das Witzige an den Unregelmäßigkeiten ist für mich, dass die tatsächlich alle auf irgendwelche simplen und nachvollziehbaren Regeln zurückgehen. Nur gab es nie den idealen „sauberen“ Sprachstand, wo alles regelmäßig und ohne Ausnahmen war, sondern es haben immer alle möglichen Prozesse stattgefunden, und keine Änderung ist flächendeckend bis zum Ende durchgeführt worden. Die meisten sind irgendwo unterwegs versickert (etwa die hochdeutsche Lautverschiebung) und haben dann ein Spektrum verschiedener Sprachstände hinterlassen. Oder Änderungsprozesse, die bestimmten Regeln folgten, haben sich mit anderen, in anderer Richtung laufenden Änderungsprozessen überlagert und wieder andere Sprachstände erzeugt, die zwar genauso regelbasiert entstanden, wo der Laie aber die zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten nicht mehr erkennen kann. So entsteht der Eindruck, dass eine Sprache weitgehend chaotisch ist.

    Das ist eines der Kernthemen von Deutschers Buch, hochinteressant!

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  6. Solange Deutsch als lebendige Sprache gilt, müssen wir Sprachwandel akzeptieren, ohne kulturpessimistisch zu sein. Mit den aussterbenden starken Verben habe ich eine kleine Moritat gestaltet:

    Darum musste der Melker sterben. Eine schauerliche Moritat im Konjunktiv II

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  7. gnaddrig sagt:

    Eine sehr schöne Schauergeschichte. Diese Konjunktivformen haben was. Ich mag sie, aber man hat ja wenig Gelegenheit, sie anzubringen.

    Tröstlich ist, dass das Verschwinden solcher Formen immer mit der Entstehung neuer Strukturen einhergeht, die neue Möglichkeiten bieten, Dinge auszudrücken. Witzigerweise ist vor allem das als Verfall empfundene Verschwinden sichtbar, das Entstehen neuer Sprachmuster übersieht man dagegen leicht. Ich würde nur zu gern sehen, wie das Deutsche in 150 Jahren klingt und aussieht…

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  8. aurorula a. sagt:

    Für Deutschschüler hieß es schon immer: friss oder stirb, nimm keine Rücksicht, sondern stich Deine Kumpels in den Rücken und stiehl einfach ihre Arbeit
    … und als ich da so vor mich hin schrie(b) fiel mir auf: je mehr von dem unregelmäßigen Zeug da so kreuchte und fleuchte das ich auserkoren hatte* als ich die Phrasen hieb und drosch, umso falscher klang es – das focht mich dann aber auch nicht an.
    Nu, undsoweiter.

    *erkiesen. Doch, wirklich.

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  9. Achim sagt:

    @aurorula a.: Was denn sonst, wenn nicht „erkiesen“ (mittelhochdeutsch noch mit Diphthong, nicht mit langem i). In die gleiche Familie gehören die „Kür“ und der „Kurfürst“. Deswegen ist das Partizip von „niesen“ ja auch „genoren“. Oder nicht? 😉

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