Fahrspaß

Neulich habe ich irgendwo gelesen, Mercedes habe vor, sich langsam vom Schaltgetriebe zu verabschieden und in ein paar Jahren nur noch Fahrzeuge mit Automatikgetriebe anzubieten. Die klassische Handschaltung werde nicht mehr so viel nachgefragt, sei ohnehin nicht mehr auf der Höhe der Zeit und habe ausgedient. Heute lese ich, dass VW ähnliche Pläne verfolge, spätestens 2030 werde der letzte VW mit Handschaltung vom Bamnd rollen.

Das schlägt im Land der Autobahn natürlich Wellen. Die Zeit stellt unter der Überschrift Der Gruß vom Getriebe wird fehlen gleich die richtigen Fragen:

VW nimmt Abschied von der Handschaltung. Muss man sagen: endlich? Oder ist Fahren mit Automatik so lahm wie Kochen mit dem Thermomix? Ein Pro und Contra

Das ganze hängt hinter der Bezahlschranke, aber der Anreißer reicht mir schon aus. Der Vergleich zwischen Automatikfahren und „Kochen mit dem Thermomix“ zielt natürlich auf den vielbeschworenen Fahrspaß, den man beim Autofahren ja unbedingt haben soll (oder jedenfalls haben dürfen muss oder so). Das Auto, vor allem das eigene, ist ja nicht einfach ein Transportmittel, ein Werkzeug. Nein, es ist Projektionsfläche für alles mögliche, sichtbares Zeichen der Volljährigkeit, Selbstverwirklichungsmaschine, Männlichkeitsnachweis und manchmal angeblich Ausgleich für mutmaßlich zu klein geratene bzw. lebensstil- oder altersbedingt nicht mehr vollfunktionstüchtige Körperteile. Gebraucht wird das eigene Auto nicht selten wie ein fahrender gestreckter Mittelfinger, der pausenlos irgendwas zwischen „Eure Armut kotzt mich an“, „Ich habe immer Vorfahrt“ und „Mir scheißegal, ob es auch langsamer oder leiser ginge“ in die Welt wedelt, dazu meist noch „Heul doch!“

Ich finde nach wie vor, dass das Auto in erster Linie ein Werkzeug ist, ein Lastesel. Privatautos halte ich schon seit langem für wenig sinnvoll, weil sie die meiste Zeit zu groß sind (wenn Vatter damit allein zur Arbeit pendelt etwa und das Ding dann tagsüber ungenutzt den Betriebsparkplatz bewacht) und bei zu vielen Gelegenheiten zu klein (wenn die ganze Familie ins Möbelhaus fährt und hinterher das Sofa und der ganze Rest sowieso nicht reinpasst). Das ganze ist ziemlich oft eine groteske Verschwendung von Geld und Ressourcen (und ja, es gibt Leute, die auf das Auto angewiesen sind; die werden seit Jahrzehnten von der Politik im Stich gelassen – ein gescheit ausgebauter ÖPNV einschließlich Carsharing-Angeboten auch außerhalb von Großstädten könnte sehr vielen Menschen das Leben ohne eigenes Auto ermöglichen, will aber offenbar niemand dringend genug, um da mal was zu unternehmen.)

Aber der Thermomix-Vergleich zielt ja nicht auf die Leute ab, die notgedrungen ein Auto besitzen, weil sie ohne eigenes Auto nicht bezahlbar irgendwohin kommen. Der zielt ja auf die Spaßfahrer, die im Zweifel lieber das Modell mit dem übernächstgrößeren Motor nehmen, damit es auch ja ordentlich zieht, wenn man das Gaspedal durchtritt. Mancher klebt die Deutschlandfahne und den eigenen Namen ans linke und den Namen der aktuellen Freundin ans rechte Seitenfenster, baut vielleicht noch Rennsitze, spezielle Gurte und ein Rennlenkrad ein oder bringt sonstwie zum Ausdruck, dass man das Auto nicht als Transportmittel sieht, sondern als Waffe und Renngerät.

Kotflügel vorne rechts eines VW Golf mit dem aufgeklebten Schriftzug "Waffenschmiede Wolfsburg" und einem VW-Logo

Alles Dinge, mit denen man sich in meiner Sicht für die Teilnahme am Straßenverkehr oder wenigstens für das Führen eines Kraftfahrzeugs wahrscheinlich disqualifiziert. Für sowas sollte man mindestens zur MPU müssen, weil man offensichtlich im falschen Film ist.

Besonders beim Gedanken an diese Klientel finde ich, man sollte möglichst viel tun, damit Autofahren so lahm ist wie Kochen mit Thermomix oder wie, sagen wir, Strampeln auf dem Heimtrainer. Dabei ist der Umstieg auf Automatikgetriebe sicher nicht das Mittel der Wahl – auch mit sowas kann man rasen, aggressiv fahren und in jeder Hinsicht die automobile Sau rauslassen. Man müsste eher an Geschwindigkeitsbegrenzungen schrauben und am Bußgeldkatalog. Bei der Geschwindigkeit geht übrigens Volvo den ersten Schritt und kündigt den langjährigen Konsens der meisten Hersteller, nach dem Autos bei 250 km/h abgeregelt werden, und will die Fahrzeuge dann schon bei 180 l/h drosseln, das sei auf alle Fälle schnell genug. Recht haben sie. Und was den Bußgeldkatalog und überhaupt die Straßenverkehrsordnung angeht, vielleicht kriegt die Bundesrepublik nach der Bundestagswahl ja einen echten Verkehrsminister, der sowas tatsächlich anpackt…


9 Kommentare on “Fahrspaß”

  1. Achim sagt:

    Seit wir den Wagen vom Schwiegervater übernommen haben, fahren wir Automatik. Ich will nix anderes mehr. (Auch der Tempomat ist eine klasse Erfindung.) Aber ich bin auch so einer, der im Auto ein Werkzeug sieht, das seinen Zweck erfüllen soll.

    Was den Bußgeldkatalog angeht: Solange es Menschen gibt, die bei der ja durch das eigene Verhalten provozierten Erhebung von Geldbußen von „Abzocke durch den Staat“ reden, wird da in DE nichts Nennenswertes passieren. Meinetwegen kann das alles um den Faktor 10 erhöht werden. Vielleicht lernt die Gattin dann auch, dass diese komischen Blechdinger am Straßenrand nicht „Kunst am Bau“ sind 😉 und nimmt die darin verpackten Botschaften zur Kenntnis…

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  2. gnaddrig sagt:

    Ich habe auch nichts gegen Automatik, im Gegenteil. Schon seit Jahren schalten die sanfter und besser als ich das von Hand könnte. Man muss sich in schwierigen Situationen nicht noch um die Schalterei kümmern, schont Motor und Getriebe, alles bestens. Technisch spricht mittlerweile fast nichts für Handschaltung und fast alles für Automatik.

    Und Tempomaten sind eine ganz feine Sache. Obwohl, die ersten, wo man nur die Geschwindigkeit einstellen konnte, waren für deutsche Autobahnen nicht so gut, weil man da fast nie ein bestimmtes Tempo einfach durchhalten kann. Fast immer ist es zu voll und man muss entweder immer mal beschleunigen, um nicht hinter einem Lkw zu versacken, oder eben abbremsen, wenn man es doch nicht mehr auf die Überholspur geschafft hat. Schön sind die etwas smarteren Versionen, die vorausfahrende Fahrzeuge erkennen und bei Bedarf abbremsen oder vom Gas gehen und einen sinnvollen Abstand halten, Spurwechsel nach links erkennen und dann gleich wieder beschleunigen, so Sachen. Damit fährt es sich sehr gut.

    Aber was diese komischen Blechdinger am Straßenrand sind, habe ich mcih auch schon gefragt, für Deko ist es zu wenig und auch nicht sehr hübsch…

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  3. früher war alles viel besser, kann ich dazu nur sagen. als der vater mit dem ersten trabbi voll auf die tube drückte und bergab mit rückenwind auf 120 kmh kam, war die welt total cool. wer braucht mehr? 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Das ist auch was anderes 😀

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  5. warte, wir kommen genau da noch hin.

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  6. Achim sagt:

    Hach früher. Als ich mit dem für 1500 DM (!) gekauften R4 mit immerhin 34 PS die Wahl hatte zwischen 80 km/h und 110 km/h. Dazwischen hat die Kiste so vibriert, dass man um sein Gehör fürchten musste. Und mehr als 110 km/h gingen nur mit dem erwähnten Rückenwind bergab.

    Unangehm wurde es nur, wenn man bergauf in den Kasseler Bergen die LKW hochhausgroß im Rückspiegel hatte.

    So, das Sentimentalitätszeitfenster ist geschlossen.

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  7. gnaddrig sagt:

    Oh ja, die Kasseler Berge, zuverlässiger Quell interessanter Erlebnisse…

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  8. Yadgar sagt:

    Renault Twingo bergab (A3 Richtung Köln, kurz vor Mantaboah, äh, Montabaur) mit Rückenwind und Vollgas schafft sogar 196 km/h, 1995 als Beifahrer selbst erlebt!

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  9. gnaddrig sagt:

    Hm, das ist aber schon grenzwertig für so’n Elefantenrollschuh, oder?

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