Raspeln und Feilen

Blick auf die ausgeklappte, 6mm breite Nagelfeile eines winzigen Schweizer TaschenmessersWenn man mit Holz arbeitet, braucht man manchmal Raspeln. Spätestens wenn man Innenrundungen hat oder herstellen will, kommt man ohne eine halbrunde Raspel kaum aus. Das Symbolbild zeigt übrigens die Nagelfeile eines kleinen Schweizer Taschenmessers.

Ich habe schon lange eine halbrunde Raspel – das übliche Gerät aus dem Baumarkt für um die 12 Euro. Die sieht nicht sehr inspirierend aus, der Griff ist aus Plastik und liegt nicht wirklich gut in der Hand (ist aber immerhin ziemlich griffig und rutschfest), die Hiebe sind wulstig und nicht besonders scharf, und das Arbeiten damit macht keinen Spaß. Gerade beim Arbeiten mit hartem Holz muss man mit viel Druck arbeiten, die Raspel rumpelt dann über das Werkstück und reißt Fetzen aus der Oberfläche. Es ist unangenehme, zähe Schufterei, damit halbwegs nennenswerte Mengen an Material abzutragen. Drückt man zu wenig, kommt man nicht vorwärts. Drückt man zu viel, riskiert man, Brocken aus der Kante zu reißen und sich das Werkstück u.U. völlig zu versauen. Ich habe nie gern mit Raspeln gearbeitet.

Letztes Jahr habe ich mir eine Sägeraspel gekauft. Nicht von Shinto (das ist wohl die gängigste Marke, war aber ausverkauft), sondern von wem anders, habe die Marke allerdings vergessen und finde die Rechnung nicht. Egal, sie benimmt sich so, wie versprochen: Sie geht viel leichter und glatter über das Holz, nimmt mehr Material mit und verstopft nicht ständig, weil die Späne zwischen den hin- und hergehenden Sägeblättern genug Platz zum Herunterfallen haben. Im Vergleich zur Baumarktfeile ist das, als habe jemand dann doch mal die Handbremse gelöst. Der Griff ist nicht besonders schön, geht aber. Eine sehr angenehme Erfahrung. Man kann auch sehr präzise damit arbeiten, weil man insgesamt weniger Kraft braucht. Mit dem Gerät habe ich auf Anhieb Freundschaft geschlossen.

Jetzt bin ich zufällig auf andere Raspeln gestoßen und haben mir spontan zwei gekauft: Sogenannte Bildhauerfeilen von Iwasaki. Die kosten auch nicht die Welt, das Sortiment fängt bei etwa 20 Euro pro Stück an; meine halbrunde Raspel mit grobem Hieb schlägt mit knapp 28 Euro zu Buche. Gut, die Dinger kommen ohne Griff, das macht sie im Vergleich doch etwas teurer als der Kaufbetrag suggeriert.

Aber damit arbeitet es sich ganz anders, auch ohne Griff. Zwischen den Bildhauerfeilen und dem Zeug aus dem Baumarkt liegen Welten. Wo die Baumarktfeile unwillig über das Werkstück rumpelt, gleitet die Bildhauerfeile leicht und glatt, mit einem leicht rauhen Zischen. Man muss kaum Kraft aufwenden, um ordentlich Material wegzuschnitzen, auch bei Hartholz. Es regnet hübsche kleine Späne, und man hat hinterher eine schön glatte Oberfläche, die wenig Nachbearbeitung benötigt.

Es ist, als ob man von einem abgerittenen klassischen Herrenrad aus Großvaters Zeiten mit kaputter Torpedo-Dreigangnabenschaltung und Gummiklotzbremse auf ein modernes Tourenrad mit Kettenschaltung und Scheibenbremse umsteigt – dieselbe Fahrt geht plötzlich fast wie von selbst und man kommt nicht abgearbeitet und genervt an, sondern fast eher ausgeruht. Eine rundum erfreuliche Erfahrung bisher.

(Man kann natürlich ein Vermögen für nach alter Tradition von den letzten echten Feilenhauern handbehauene Raspeln ausgeben. Die sind dann sicher auch viel besser als die Baumarktmassenware. Aber so viel besser, dass man das sechs- bis achtfache dafür ausgibt? Bin mir nicht sicher. Und seit ich die Bildhauerfeilen für nur das Doppelte bis Dreifache gegenüber der Baumarktware ausprobiert habe, zweifle ich daran, dass sich das lohnt. Einziges Argument könnte die Standzeit sein – keine Ahnung, wie lange meine Wunderwerkzeuge scharf bleiben und wie lange die Goldstücke von Liogier im Vergleich halten.)

Nach der groben kommt noch die feine Bildhauerfeile. Die benimmt sich ähnlich, macht aber kleinere Späne und frisst sich nicht ganz so schnell in das Holz. Trotzdem fühlt sie sich nicht langsam an. Damit zu arbeiten macht einfach Spaß, nur habe ich derzeit gar nicht so viele Einsatzstellen für diese Werkzeuge. Vielleicht sollte ich mich auf die Holzbildhauerei verlegen…

So sehen die Werkzeuge im Ganzen aus, einmal die halbrunde Seite der Baumarktraspel zusammen mit den beiden Bildhauerfeilen, dann die flache Seite der Baumarktraspel zusammen mit der Sägeraspel:

Ausgewählte Details aus der Nähe:

Und das kommt raus, wenn sie benutzt:

Holzblock, an dessen Kante mit den verschiedenen erwähnten Werkzeugen Material abgetragen wurde; die einzelnen Stellen sind nummeriert; die Nummern sind im Text erklärt

1 – Baumarktraspel
2 – Bildhauerfeile grob
3 – Bildhauerfeile fein
4 – Sägeraspel grob
5 – Sägeraspel fein

Die Sägefeilen hinterlassen im echten Einsatz eine glattere Oberfläche als hier. Für diesen Musterblock habe ich mit jeder Raspel je zwei Striche gemacht. Die Bildhauerfeilen haben deshalb nicht mehr Material mitgenommen, weil ich mangels Griff nicht soviel Kraft aufbringen konnte wie mit der Baumarktfeile. Die flache Seite der Baumarktfeile habe ich nicht extra aufgenommen, weil die geraspelte Holzfläche ähnlich aussieht wie von der halbrunden Seite.

 


6 Kommentare on “Raspeln und Feilen”

  1. Achim sagt:

    Gutes Werkzeug ist schon ein Genuss!

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  2. gnaddrig sagt:

    Absolut. Und schlechtes Werkzeug nervt.

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  3. „Man kann natürlich ein Vermögen für nach alter Tradition von den letzten echten Feilenhauern handbehauene Raspeln ausgeben. “
    da stehen mir fast die tränen in den augen. mein vater war werkzeugmacher und all das zeugs auf unserem hängeboden (das sich nach vaters tod mein – handwerklich unbegabter – neffe unter den nage gerissen hat; was wollte der damit?) hat er selbst gemacht.
    erst viel später begriff ich, was für gutes zeugs da gelegen hat.

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  4. gnaddrig sagt:

    Sowas ist natürlich bitter…

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  5. Aebby sagt:

    Vielen Dank für den Erfahrungsbericht. An einem Update meiner Raspeln denke ich schon lange rum und hatte die Bildhauerfeilen auch schon im Blick – fürs nächste Projekt sind sie fällig.

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  6. gnaddrig sagt:

    Kann ich nur empfehlen, es macht wirklich Spaß, damit zu arbeiten.

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