Altes Wissen

Neulich ist mir das Buch „Alte Berufe Niedersachsens“ in die Hände gefallen, eine 1926 von Ernst Bock herausgegebene Sammlung von Texten über untergegangene oder untergehende Berufe.

In vielen der Texte schwingt eine teils fast ins Weinerliche spielende Nostalgie angesichts der großen Umwälzungen mit, die die industrielle Revolution mit sich gebracht hat. Mit jedem aussterbenden Beruf geht ja neben dem (oft in der alten Form meist nicht mehr nötigen) handwerklichen Können und Fachwissen tatsächlich auch eine Menge Brauchtum unter, für das schnöde Industrieansiedlungen keinen Ersatz bieten können, und bei allen Verbesserungen des Lebensstandards wird der Alltag doch irgendwie farbloser und prosaischer. Dem Gewohnheitstier Mensch fallen diese Lücken häufig unangenehm auf, und der verfließenden (und oft genug nur vermeintlichen) Handwerksherrlichkeit wird in dem Band ausgiebig hinterhergetrauert.

Ein Text hat es mir besonders angetan, nämlich die Beschreibung des Heilkünstlers. Das Urteil des Autors fällt vernichtend aus.

Der Heilkünstler.

Wie sich heute noch hier und dort Heilkünstler finden, die ihre vermeintliche Kunst auf alle Art und Weise der leidenden Menschheit ankünden und aufdrängen, so war es in früherer Zeit schon genau so, wenn nicht gar noch schlimmer; denn früher kümmerte sich die Obrigkeit wenig um sie, und so konnten sie ungehindert ihre Heilkunst ausüben.

Die Hauptsache war, daß man die genügende Portion Frechheit dem  Publikum gegenüber besaß und daß man das Glück hatte, noch niemand aus dem Diesseits ins Jenseits befördert zu haben.

Mit der größten Kaltblütigkeit nahm der Marktschreier Bruchleidende usw. in seine Behandlung und wenn es sein mußte, sogar auch unter das Messer. Mancher dieser Heilkünstler hatte sich allerdings durch Talent und Erfahrung auch eine gewisse Sicherheit im Berufe erworben.

Auf allen Messen und Märkten stellte sich der Heilkünstler ein und lockte durch allerlei Firlefanz und blödsinnige Veranstaltungen das neugierige Volk vor seine Bude.

Die Wagen waren mit bunten Planlaken überzogen, und an den Seiten der Wagen prangten alle möglichen und unmöglichen Wappen. An großen Gerüsten hingen Bilder, die den „Doktor“ bei der Ausübung seiner Kunst darstellten.

Sobald sich genügend Menschen bei den Bildern eingefunden hatten, erschien plötzlich ein Hanswurst, der allein oder in Gemeinschaft mit anderen seine Dummheiten zum besten gab. Das alberne Volk konnte sich vor Freude nicht lassen, und immer mehr Leute strömten noch herbei.

Endlich stellte sich der große Meister selbst ein. Gewöhnlich kam er auf einem prächtig geputzten Rosse herbei. Einige Diener, darunter gewöhnlich auch ein Mohr, folgten ihm.

Er stieg ab, betrat die Bühne und wurde von seinen Hanswürsten aufs ehrerbietigste empfangen.

Nachdem er stolz wie ein Spanier mehrmals auf der Bühne hin und her geschritten war und dann einige Worte an seine Harlekine gerichtet hatte, wandte er sich an das Volk und rühmte in langer Rede mit schwülstigen Worten seine Kunst und seine riesigen und wunderbaren Heilerfolge.

Nun mußte einer der Diener dem Meister die Dose mit dem weltberühmten venetianischen Theriak reichen. Dies war ein Gemisch von unzählig vielen Arzeneimitteln, die aber alle völlig unschädlich waren!

Wer wollte, konnte dies kostbare Gut einmal ganz umsonst kosten.

Nun rühmte sich der Marktschreier der Kunst, einen viel schöneren und wirksameren Theriak herstellen zu können, der ein Universalmittel gegen alles sei.

Sofort eilten seine Diener mit mindestens einem Schock Dosen herbei. Aus jeder nahm der Meister etwas, vermengte alles gehörig und verkaufte nun an die dummgläubige Menschheit, die sich oft darum riß und schlug.

Es gab auch noch mehr zu verkaufen, z. B. Wundbalsam, der alle Wunden heilte, Eselsklauenringe, die das Sicherste gegen allerlei Krämpfe wären usw. usw.

Man konnte eben bei ihm alles kaufen; denn gegen alle Leiden hatte er etwas.

Reiche nahmen oft den Betrüger noch besonders in Anspruch gegen ihre mancherlei Beschwerden, die sich als Folgen ihrer Schlemmerei und ihres ausschweifenden Lebenswandels einstellten. Der Heilkünstler nahm sie dafür natürlich besonders hoch, nämlich mit ihrem Geldbeutel, denn darum war es ihm ja überhaupt nur zu tun.

Fairerweise muss man sagen, dass es hier nicht um irgendwo ortsansässige Heilpraktiker geht, sondern um reisende Schlangenölverkäufer, die sich auf Jahrmärkten u.ä. ihre Opfer suchten. Inwieweit es damals Überlappungen zwischen den beiden Gruppen gab, kann ich nicht sagen, und der Text gibt dazu auch nichts her.

Hier habe ich zur Illustration noch ein paar Seiten aus dem Buch abfotografiert:

 

 

Autor: gnaddrig

Querbeet und ohne Gewähr

2 Kommentare zu „Altes Wissen“

  1. eingangs deines textes fielen auch mir eine menge berufe ein, deren aussterben wahrlich betrauert werden kann: gürtelmacher, bürstenbinder, schriftsetzer, instrumentenbauer … (der „heiler“ war allerdings nicht darunter.)
    als wir in den 80er jahren alle angst vor allen möglichen verheerenden bomben hatten, gab es bücher und filme zuhauf, in denen von einer dystopischen, nachindustriellen zukunft die rede war. die menschen mussten mühsam wieder lernen, dinge selbst, mit ihren bloßen händen, herzustellen. am lebhaftesten in erinnerung geblieben ist mir die szene, in der ein händler seinen laden öffnet und eine nutzlos gewordene computertastatur als türstopper auslegt.

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  2. Das Inhaltsverzeichnis (Bild 3) ist sehr schön. Manche Bezeichnungen sind inzwischen komplett „dunkel“, manche kennt man noch als Familiennamen…

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