Alter Wein

Immer wieder passiert es, dass irgendein Trend durchs Internet weht und Medien und Autoren, die sich mit Lifestyle-Dingen beschäftigen, mit atemloser Begeisterung darüber berichten. Oft genug sind das aber gar keine so neuen Dinge, sondern nur uraltes, reichlich bekanntes Zeug, für das nur jemand einen neuen, schicken Namen gefunden hat.

Ein hübsches aktuelles Beispiel ist das sogenannte Cash-Stuffing. TikTok schäumt über vor Begeisterung für die geniale Idee, mit der man Überblick über die eigenen Ausgaben gewinnen und behalten und dabei sogar Geld sparen können soll. Lifestylemedien berichten enthusiastisch (InStyle etwa, oder Jolie), und sogar eher beschauliche Medien wie Zeit Online springen auf den Zug auf und klären über diesen sagenhaften neuen Finanzhack aus dem Neuland auf.

Tolle Sache, Cash Stuffing klingt ja auch modern und weltläufig, dabei ist es nur die ganz ordinäre altmodische Budgetierung: Man ermittelt, wieviel Geld man z.B. pro Monat zur Verfügung hat und teilt das dann auf die verschiedenen Ausgabetöpfe auf, und mehr als in einem Topf drin ist, gibt man dann in dem vorgesehenen Zeitraum nicht aus. Wenn man das mit tatsächlich vorliegendem Bargeld macht, hat man auch ohne viel Buchführung jederzeit leicht im Blick, wieviel Geld noch in jedem Topf liegt.

Das nicht nur theoretisch auf Papier, sondern praktisch mit Bargeld zu machen, das man vorab in die verschiedenen Töpfe (oder Umschläge o.ä.) legt und dann nach Möglichkeit beim Einkaufen auch bar bezahlt, verhindert möglicherweise tatsächlich, dass man wegen Kartenzahlungen den Überblick verliert und u.U. zuviel ausgibt. Allerdings braucht es auch dafür eine Menge Disziplin – Online-Käufe kann man ja nicht direkt mit Bargeld aus der entsprechenden Dose bezahlen, und nicht immer wird man alle Einkäufe vollständig durchgeplant machen, will heißen, oft genug hat man eben kein Bargeld aus Topf A oder B dabei, wenn man eher spontan entsprechende Dinge findet und kauft. Man muss dann hinterher die Cash-Stuffing-Installation zuhause aktualisieren.

Dabei will ich weder die Methode an sich noch die aktuelle Cash-Stuffing-Welle schlechtmachen. Wenn Leute es mit dieser Methode schaffen, Überblick über ihre Finanzen zu behalten und nicht versehentlich zu viel auszugeben, ist das ja nur gut. Da bin ich voll dafür. Aber den atemlosen Enthusiasmus für diese, hm, gänzlich unerwartete Neuentdeckung kann ich nicht ganz nachvollziehen. Allerdings bin ich wohl auch nicht unbedingt Teil der Zielgruppe.

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Autor: gnaddrig

Querbeet und ohne Gewähr

5 Kommentare zu „Alter Wein“

  1. Ja, das mit den Umschlägen haben meine Eltern auch schon vor Jahrzehnten gemacht. Ich bin mir aber sicher, dass sie dafür keine englische – oder überhaupt eine gezielte – Bezeichnung hatten…

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  2. Als ich solche Methoden zuletzt nötig hatte, gab es noch keine Onlineinkäufe. Also habe ich mir ausgerechnet, wie viel ich nach Miete, Monatskarte etc. noch ausgeben darf und entsprechend Bargeld abgehoben und zugesehen, dass ich damit über den Monat komme. In der Zeit kamen aber allmählich Kartenzahlungen mit EC-Karte auf, das war natürlich gefährlich. (Jetzt wisst ihr alle, wie alt ich bin 😉 )

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  3. hat meine mutter schon vor mehr als einem halben jahrhundert gemacht. (damals gabs die gehaltszahlungen noch in bar, was die sache mit den umschlägen vereinfachte.) wenn die mit ihren nunmehr 100 jahren (die sie leider nicht erlebt hat) geahnt hätte, wie hipp sie anno 2023 sein würde …

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  4. Hach, wie hip! Und dazu wummern Technobässe und eine gebotoxte Plastiktussi (Hauptqualifikation Oberweite) plärrt in Autotune dazu, wie cooooooool das doch alles sei, Cash-Stuffing, Cash-Stuffing, yeeeeeaaaaaah… die Klickzähler glühen, die Anzeigenabteilung hat Dollarzeichen in den Augen, und der Andenpuder für die Afterwork-Party geht klar… Rodriguez, ein Kilo!

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