Bahnfahrt mit Godot

Ich warte auf meinen Zug. Auf dem Bahnsteig sitzen zwei und reden. Der eine ein stämmiger Mann vielleicht Ende 50. Bedächtige Bewegungen, unauffällige Kleidung, kurze graue Haare, unauffälliger Bariton. Der andere deutlich jünger, vielleicht Mitte 40. Dünn, eher ungepflegte Erscheinung, nervöser Auftritt, weinerlicher Tenor.

Sie unterhalten sich über Fahrkartenkontrollen, Zugverbindungen und Fahrpläne, wer welchen Zug fährt, welche technischen und menschlichen Herausforderungen die dabei zu meistern haben. Der Tenor redet am meisten, der Bariton hört mehr zu.

Der Zug kommt, heute fast leer, die Pendlergemeinde steigt ein. Die beiden landen in der Sitzgruppe neben meiner. Erstmal müssen sie Den Rest des Beitrags lesen »

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Umweltschutz und Katzen

Großes Thema mit einem ganz breiten Spektrum an Meinungen dazu. Es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, was „Umwelt“ eigentlich alles beinhaltet oder was genau man daran schützen will. Oder weshalb und mit welchen Ziel man das wollen sollte.

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich James Rollins in Projekt Chimera (The 6th Extinction) sehr lesenswert und spannend (es ist kein Sachbuch).

Bewahren eines Status quo halte ich für sinnlos. Die mitteleuropäische Fauna und Flora etwa sind seit Jahrhunderten nicht mehr naturbelassen, der Mensch hat alle möglichen Pflanzen und Tiere eingeschleppt, die hiesige Natur durch Ackerbau, Jagd manipuliert und „verfälscht“, da ist nichts mehr „authentisch“. Welchen Stand sollte man also (wiederherstellen und) konservieren wollen – den von 2019? 1871? 1618? Und mit welcher Begründung?

Der Hirsch gehört eigentlich nicht nach Mitteleuropa, habe ich gehört, den habe man seinerzeit als jagdbares Wild zur Unterhaltung des Adels aus Fernenost importiert. Das aus Amerika eingeschleppte graue Eichhörnchen droht, das einheimische braune Eichhörnchen zu verdrängen, und schwarzgelbe Marienkäfer aus China den einheimischen schwarzgepunkteten roten Marienkäfer. Der giftige und für Menschen schon bei Berührung gefährliche Riesenbärenklau macht Feldraine und Uferbiotope kaputt, der japanische Staudenknöterich und das Indische Springkraut breiten sich aus und verdrängen alles andere (Quelle).

Der Wolf kommt mit beträchtlicher Unterstützung wieder zurück nach Deutschland in ein Ökosystem, das über 200 Jahre gut ohne ihn ausgekommen ist, und wirft hier einiges seit seiner Ausrottung im 18. Jahrhundert gewachsene durcheinander. Wie gefährlich er wirklich ist, kann ich nicht beurteilen, aber dass die Neuansiedlung nicht auf ungedämpfte Gegenliebe stößt, kann ich gut verstehen.

Irgendwelche Mücken, die Malaria übertragen, können dank Klimawandel in immer weiteren Teilen Mitteleuropas (wieder) Fuß fassen, usw. Die genannten Pflanzen sind praktisch nicht mehr einzudämmen. Soll man wirklich wertvolle Ressourcen auf absehbar vergebliche Versuche verwenden, solche Eindringlinge draußenzuhalten?

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Dann, wie sinnvoll ist es, bedrohte Arten zu schützen? Der Juchtenkäfer mag selten sein, aber zum Schutz einer der letzten Kolonien einen Bahnhofsneubau abblasen? (Von der Sinnhaftigkeit des betreffenden Bahnhofs reden wir vielleicht wann anders.) Wenn tatsächlich jeden Tag zwischen 3 und 130 Arten aussterben (also zwischen 1.200 und 47.450 Arten im Jahr), müsste die Tierwelt eigentlich ziemlich bald auf das reduziert sein, was man in Bilderbüchern für Vorschulkinder sieht. Es ist schwer, sich die Zahlen und Proportionen vorzustellen.

Ob es in einem Flecken an irgendeinem Ende der Welt nun 1927 oder 1926 Arten Käfer, Würmer oder Amphibien gibt, merkt normalerweise niemand, der Laie kann die sowieso nicht alle auseinanderhalten und das Leben geht ja weiter. Vermutlich fällt es erst wirklich auf, wenn in der Natur irgendwas für uns wichtiges nicht mehr funktioniert, weil die dazu nötigen Viecher weg sind und auch keine anderen, ähnlichen Arten mehr vorhanden sind, die einspringen können. Beim rätselhaften Bienensterben kann man sich auch als Fachfremder eine ungefähre Vorstellung von den Auswirkungen machen.

Den Regenwald, die sibirischen Ströme und sonstige größere Ökosysteme zu erhalten erscheint sinnvoll, da hängt imerhin das Weltklima dran. Wenn dazu auch der Schutz irgendwelcher Käfer, Schmetterlinge, Amphibien o.ä. nötig ist, bitteschön. Wie weit ins Detail der nötige Umweltschutz dann reichen muss, kann ich als Laie natürlich wieder nicht beurteilen. Da mögen dann manche überzogen erscheinende Maßnahmen durchaus sinnvoll sein. Dafür haben wir ja auch einschlägige Fachleute, dass nicht jeder Hinz und Kunz über Dinge entscheiden muss, von denen Hinz und Kunz nichts verstehen.

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Andere Seite der Medaille: Der Mensch hat eine Reihe von Tierarten praktisch überall eingeschleppt, wo er hinkam, nicht erst seit Europäer sich überall als Kolonialherren niederließen. Seither krempeln diese eingeschleppten Arten dort die Ökosysteme um. Kaninchen, Hauskatze und Fuchs richten in Australien großen Schaden an. Allein auf das Konto der Hauskatze soll das Aussterben von zwei Dutzend Tierarten in den letzten Jahrzehnten gehen, weitere über 100 sollen gefährdet sein.

Die zuständige australische Behörde will von den geschätzt 10 Millionen verwilderten Hauskatzen in bestimmten Gegenden ungefähr 2 Millionen töten, um einheimische Tierarten zu schützen. Das ist aktiver Tierschutz, abgestimmt mit den wichtigsten australischen Naturschutzorganisationen. Prominente aus Europa und den USA melden sich lautstark zu Wortmelden sich lautstark zu Wort, um den geplanten „Katzenmord“ anzuprangern und die Aktion schlechtzureden.

Mit der Ausrottung der eingeschleppten Ratten auf einer isolierten Insel im Südatlantik hatte von diesen „Tierschützern“ niemand Probleme. Aber das waren auch keine süßen Kätzchen. Ich meine, KÄTZCHEN! UMBRINGEN!! MILLIONEN!!!

Vielleicht hatte diese Ausrottung der eingeschleppten Ratte am Ende der Welt auch kein Tierschützer mitgekriegt, denn hierzulande gehen sie auch bei Aktionen gegen Ratten wohl aus Prinzip auf die Barrikaden, wie die Geschichte von der Rattenplage in Würzburg zeigt.

Die ganze Debatte ist so emotional überfrachtet, da scheint es vielfach überhaupt nicht mehr um Fakten und rational begründbare Ziele zu gehen, um seriöse Feststellung  des Unvermeidbaren, oder um sinnvolle Abwägungen zwischen Wünscheswertem und Machbarem, sondern nur noch um gefühlte Wahrheiten. Klar, wenn es um Kätzchen geht, hört der Spaß auf, egal, was die einschlägigen Fachleute für sinnvoll halten.


Wesentlich

Hochglanz und Glitzerfassaden mögen ja ganz hübsch sein, aber eigentlich muss nicht immer alles ganz neu und makellos sein. Gebrauchsspuren sind kein Mangel, und wenn ein Buch, ein Gerät, ein Möbelstück ein bisschen abgewetzt oder angekratzt aussieht oder irgendwo geflickt ist, funktioniert es meistens immer noch. (Die Kunst ist vermutlich, sich mit Dingen zu umgeben, die abgeschabt, angedotzt und ältlich charmanter wirken als neu. Mit Dingen, die Patina ansetzen statt Gammel, die Charakter entwickeln statt Sperrmüll zu werden. Das ist übrigens längst nicht nur eine Frage des Geldes, das gibt es auch bei Manufaktum nicht automatisch.)

Es muss also nicht immer überall alles nagelneu sein. Ein in die Tage gekommener Friseurstuhl, ein ältlicher Rasenmäher oder eine elektrische Schreibmaschine aus den 70ern müssen noch lange nicht auf den Müll, solange sie funktionieren und jemand Verwendung dafür hat. Und bei Leuten, die versuchen, immer mit dem allerneuesten High-End-Equipment zu beeindrucken, bin ich fast immer misstrauisch, ob die nicht nur Den Rest des Beitrags lesen »


Schwarmintelligenz im Straßenverkehr

Seit Jahren wird an autonomen Autos geforscht, ständig gehen mehr oder weniger plausible Vorhersagen durch die Medien. Das Auto von morgen werde vollautonom sein, Verkehrssituationen mindestens so gut wie menschliche Fahrer einschätzen, die technischen Möglcihkeiten der jeweiligen Fahrzeuge besser ausnutzen, keine Fahrfehler machen. So ziemlich alles werde automatisiert geschehen, sogar Werkstatttermine könnte so eine Wundermaschine selbständig organisieren.

Das Auto von morgen wird natürlich voll vernetzt und allezeit online sein. Es wird ständig mit anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren, und die Flotte wird so Den Rest des Beitrags lesen »


Wortteilgrenzen

Es gibt eine Reihe von Wörtern, die unterschiedlich zusammengesetzt sein und damit unterschiedliche Dinge bezeichnen könnten:

Lebensmittelpunkt – Lebensmittel-Punkt (Ausgabestelle für Lebensmittel) oder Lebens-Mittelpunkt (Wohnort, Wirkungsstätte)

Heilerfolge – eine Serie von Heilern oder Erfolge bei der Heilung

Dann gibt es Wörter, die Den Rest des Beitrags lesen »


Blech (2)

Neulich habe ich in der Küche eine neue Arbeitsplatte eingebaut. Die alte war reichlich abgenutzt. Einmal hatte ich eine heiße Cafetera versehentlich draufgestellt, die Oberfläche hatte an der Stelle Blasen geworfen und war dann nach und nach abgebröckelt. Der Flickversuch war nicht wirklich erfolgreich gewesen. Die Silikondichtung der Spüle war auch undicht (hatte der Installateur beim Einbau versemmelt, hätte ich besser gekonnt, ging damals aber aus irgendwelchen Gründen nicht). Wir hatten das eine Weile vor uns hergeschoben, aber als der Herd dann auch noch kaputtging, war es Zeit.

Wir besorgen uns also eine Arbeitsplatte. Zuhause säge ich sie zurecht, reiße die alte raus und montiere die neue. Die Spüle mache ich diesmal selbst, und zwar mit genügend Silikon – der Rand der eben entsorgten Arbeitsplatte war im Bereich der Spüle ziemlich eklig, das will ich nicht nochmal in der Küche haben. Dann steht die Abdichtung der Fuge zwischen Arbeitsplatte und Wand an. Da nichts blöder ist, als wenn einen halben Meter vor Schluss das Silikon alle ist (natürlich spätabends oder am Wochenende, und die Tanke in der Nachbarschaft hat vieles, aber keine Silikonkartuschen), habe ich sicherheitshalber zwei Kartuschen besorgt.

Ich bereite alles vor, schneide eine der Kartuschen auf, lege noch schnell irgendwas anderes zurecht, spanne die Kartusche in die Spritze ein und fange an zu pumpen. Man muss ja Den Rest des Beitrags lesen »


Linksabbiegerlabyrinth

Neulich in der Schule meiner Tochter. Da gab es in einem Klassenzimmer eine fast saubere Tafel und ein Stück Kreide, beide gerade unbenutzt. Also habe ich was gemalt.

Diese Figur ist simpler als sie vielleicht aussieht. Sie besteht aus einem einzigen Strich, den ich ohne abzusetzen nur mit Linksknicken ziehe, bis ich am Ende wieder zu meinem Ansatzpunkt zurückkehre. Der Ansatzpunkt ist auf der senkrechten Linie, die über die ganze Höhe des Gebildes geht, ungefähr 1/5 vom oberen Rand des fertigen Gebildes.

Ich setze also die Kreide an und male einen senkrechten Strich nach unten, biege dann rechtwinklig nach links ab (immer „in Fahrtrichtung“ gesehen), wieder links, sodass ich aufwärts male, und wieder links, sodass ich meine erste Linie kurz unterhalb meines Ansatzpunktes schneide. Nach zwei weiteren Linksschwenks Den Rest des Beitrags lesen »


Motorhaube

Ist das ein ein schnell hingekritzeltes Diagramm auf der Motorhaube, Teil eines auf dem Parkplatz improvisierten Meetings? Oder doch ein Roboter?

Für R2D2 ist der zu eckig und vielleicht nicht kompakt genug. Ich muss eher an WALL·E denken, obwohl der ja die beiden Kamera-Augen nicht „im Kasten“ hat sondern oben drüber.

Egal, passt so oder so ganz gut – moderne Autos sind schon lange nicht mehr einfache fahrbare Untersätze sondern fast eher Roboter. Spätestens die seit einer Weile regelmäßig für „in ein paar Jahren“ angekündigten vollautomatischen autonomen Autos als Grundlage eines carsharingartigen Mobilitätskonzepts für alle werden Den Rest des Beitrags lesen »


Probeabo

Vor Jahren habe ich im Urlaub ein Probeabonnement bei einer dortigen Lokalzeitung abgeschlossen. Das kam so: An unserem ersten Urlaubstag hatte das Blatt einen Stand am Ausgang „unseres“ Supermarktes. Sie boten zwei Wochen Probeabo umsonst, endet automatisch. Vorgesehene Bearbeitungszeit (d.h. Zeit bis zur Zustellung der ersten Zeitung) drei bis vier Arbeitstage, höchstens eine Woche. Klasse, dachte ich, lokale Tageszeitung in der zweiten Urlaubswoche, warum nicht. Mein Hinweis, dass ich nur Urlauber war und das Blatt sowieso nicht dauerhaft abonnieren würde, wurde mit einem freundlichen Macht nichts quittiert. Vermutlich wurden die Anwerber pro Probeabo bezahlt. Wieviele reguläre Abonnements daraus am Ende wurden, hat die darum nicht interessiert. Mir kam’s zupass.

Was allerdings den ganzen Urlaub lang nicht kam, war die Zeitung. Fand ich ein bisschen schade, war aber auch kein großer Verlust – wir hatten ja nichts bezahlt, und wenn die Zustellung nach unserer Abreise zustandekäme könnte der nächste Urlaubsgast Den Rest des Beitrags lesen »


Blech

Vor Jahren habe ich mal einem Bekannten beim Umzug geholfen. Wir sind mit einem Lieferwagen voller Möbel und Kartons auf der Autobahn unterwegs, als ein Reifen unerwartet ziemlich schnell plattgeht. Also ab auf den Standstreifen zum Reifenwechsel. Eigentlich, denn es stellt sich heraus, dass unser Wagenheber nicht funktioniert. Irgendein wichtiges Teil fehlt. Der Wagen ist nicht mehr ganz frisch, den hatte ein Freund von einem anderen Bekannten organisiert, also ein klarer Fall von selbst Schuld. Jedenfalls kein Reifenwechsel ohne Wagenheber und wir im Ausland mit einem reichlich beladenen Sprinter an der Autobahn gestrandet.

Wir stehen ratlos rum, weil wir es mit dem Reifen keine fünf Kilometer zur nächsten Ausfahrt schaffen, und von da noch wer weiß wie weit zur nächsten Werkstatt schon gar nicht. (Wir hatten ziemlich lange gebraucht, den Standstreifen zu erreichen: Mit 110 auf der mittleren von drei urlaubsanfangsvollen Fahrspuren, als der Kasten anfängt zu rappeln wie blöd. Der Fahrer geht vom Gas, schaltet die Warnblinker ein und versucht, sich nach rechts zu drängeln. Wegen der vielen Lkw Den Rest des Beitrags lesen »