Verbalsystematische Verdrehungen

Vor einer Weile habe ich The Unfolding of Language von Guy Deutscher gelesen. Ein sehr lesenswertes Buch, wenn man sich für Sprache interessiert. Der Mann treibt in dem Buch eine Art Paläolinguistik und zeichnet nach, wie die menschliche Sprache sich vom Du-Jane-ich-Goethe-Stadium in grauer Vorzeit bis zum heutigen Stand entwickelt haben könnte oder mutmaßlich entwickelt haben dürfte.

Dabei behandelt er auch die verbreitete Ansicht, Sprache sei ständig im Verfall begriffen, da fortwährend Strukturen verschwinden, Formen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen werden, Differenzierungen verblassen bis nur noch amorpher Sprachbrei übrigbleibe und die Sprache irgendwann zur Kommunikation gar nicht mehr zu gebrauchen sei, so jedenfalls die gängige Sicht zu Humboldts Zeiten.

Irgendwo in dem Buch gibt er ein Gedicht wieder, das er als Schüler geschrieben hatte, um seinen Verdruss über die unregelmäßigen Verbformen im Englischen zum Ausdruck zu bringen. Das Gedicht spielt mit den Unregelmäßigkeiten englischer Verbformen und ist ziemlich lustig.

Als deutscher Muttersprachler kann man Den Rest des Beitrags lesen »


140

Ich bin zu Fuß in der Stadt unterwegs. In einer Hofeinfahrt ein paar Meter vor mir geht eine ältere Dame hektisch hin und her, sieht mich kommen, baut sich vor mir auf und brüllt mir ins Gesicht: Hundertvierzig!

Ich: Hundertvierzig? Was ist mit hundertvierzig?

Sie: Ja, wo ist die hier? Die Hundertvierzig?

Ich: ??

Sie, ungeduldig: Hausnummer 140, wo ist die?

Gute Frage. Wir stehen vor Nummer 142, das Haus nebenan steht an einer Kreuzung und müsste Den Rest des Beitrags lesen »


Konsequent

Neulich im Supermarkt. Eine Angestellte räumt Kaugummi in das Quengelregal an der Kasse. Eine alte Dame tattert vorbei, ohne Maske. Die Supermarktfrau fordert sie freundlich-resolut auf, doch bitte eine Maske aufzusetzen, es bestehe Maskenpflicht im Laden.

Die alte Dame darauf mit zittriger Stimme: Ich bin jetzt 86…

Die Supermarktfrau: Hier ist Maskenpflicht für alle, egal wie alt sie sind.

Derweil sitzt zwei Meter weiter eine Kassiererin, die mit ihrer Maske gewissenhaft Mund und Kinn bedeckt…


Umsonst?

Neulich im Elektronikmarkt. Ich schaue mir Kopfhörer an. Nach ein paar Minuten kommt ein junger Mann in Schwarz mit Namensschild auf mich zu und fragt mich in seltsam ruppigem Tonfall, was ich da mache.

Ich verkneife mir ein schnippisches „Nach was sieht es denn aus“, sage stattdessen, dass ich mir Kopfhörer anschaue.

Er deutet auf das Modell, das ich in der Hand habe: Wollen Sie das umsonst?

Ich: ??

Er: Wollen Sie das umsonst? Oder das [deutet auf einen anderen Kopfhörer] oder das?

Ich: Warum sollte ich das umsonst wollen?

(Was ich meine: Wie sollte ich übehraupt Den Rest des Beitrags lesen »


Und dann war da noch… (53)

… der Mann, der auf dem Dach des geparkten Wohnmobils sitzt und meterweise Kabel durch eine aufgeklappte Dachluke zieht. Als ich später auf dem Rückweg wieder dort vorbeikomme, hat er sich in eine Satellitenschüssel verwandelt.


Aschenbecher

Ein Dönerladen in der Fußgängerzone am Rand der Innenstadt, Straßenverkauf durch ein Fenster neben der Eingangstür. Unter dem Fenster ist irgendwo zwischen Knie- und Hüfthöhe eine Art Absatz in der Sandsteinfassade (ein elaboriertes Gebilde aus der Gründerzeit). Auf diesem Absatz stehen ein paar Serviettenspender und ein halbes Dutzend Aschenbecher, die sonst auf die Außentische gehören, aber zu dieser Zeit und bei diesem Wetter setzt sich niemand draußen hin, der Außenbereich ist schon abgeräumt für den Abend).

Ein sehr energiegeladener junger Mann mit Bart und verkehrtherum aufgesetzter Basecap kommt angefedert, baut sich vor dem Fenster auf, reicht einen Zehn-Euro-Schein hoch: Den Rest des Beitrags lesen »


Wohltemperiert

Bei ganz vielen Dingen gibt es unerwartet abrupte Übergänge von einem Zustand in einen anderen. Das ist nicht nur bei Zahnpasta (nach dem ersten Öffnen sind die Tuben längere Zeit praktisch voll, um dann direkt zu fast leer zu wechseln, ein Zustand, den sie dann wochenlang unverändert beibehalten) oder Akkus (die sind oft Ewigkeiten lang halbvoll/halbleer, bis man die Ladeanzeige für kaputt hält und ignoriert, und in dem Moment schaltet sich der Apparat ganz unvermittelt wegen Strommangel aus) der Fall.

Auch bei Heißgetränken gibt es sowas, die haben fast nie die richtige Temperatur. Mein Lieblingsgetränk etwa geht fast übergangslos von „untrinkbar weil brühheiß“ zu „irgendwo zwischen lau- und handwarm“ über. Die wohl kaum ein oder zwei Minuten lange Phase der genau richtigen Trinktemperatur verpasst man im Alltag fast immer. Und selbst wenn nicht – wer mag Den Rest des Beitrags lesen »


Fehlt ein Brick in the Wall (2)

Rote, gut kopfhohe Backsteinmauer; in der Krone fehlen zwei Backsteine, und in der Lücke steht eine durchsichtige 500-Gramm-Schale mit Erdbeeren.

Da fehlt tatsächlich ein Backstein in der Mauerkrone. Genauer betrachtet sogar zwei. Jemand hat die Idee gehabt, die Lücke in der roten Backsteinmauer mit einer Schale Erdbeeren zu flicken. Sind ja zunächst auch rot. Das mit der Farbe ist natürlich nicht von Dauer, und die angebissene Nektarine stört den Gesamteindruck auch ein wenig. Aber gut, man kann Den Rest des Beitrags lesen »


Zeichensetzung

Zeichensetzung ist wichtig, Fehler können erhebliche Missverständlichkeiten auslösen. Zur Illustration gibt ja diese hübschen Beispielsätze, in denen ein hinzugefügtes oder weggelassenes Komma eine deutliche Veränderung der Aussage des Satzes nach sich zieht (Komm, wir essen, Opa! vs. Komm, wir essen Opa!) oder die Aussage ins Gegenteil verkehrt (Nicht, aufhören! vs. Nicht aufhören!).

Manchmal gibt es sogar mehr als zwei Möglichkeiten:

Er versprach, mir jedes Jahr ein neues Auto zu kaufen.
Er versprach mir, jedes Jahr ein neues Auto zu kaufen.
Er versprach mir jedes Jahr, ein neues Auto zu kaufen.

Im ersten Fall sollte er mir jedes Jahr ein neues Auto kaufen. Im zweiten Fall wollte er jedes Jahr ein neues Auto anschaffen. Im dritten Fall schleppt er das Versprechen, ein neues Auto anzuschaffen, Jahr für Jahr mit, mutmaßlich ohne es zu erfüllen.

Manchmal kann man aber Den Rest des Beitrags lesen »


Maischerz

Der heutige erste Mai, Tag der Arbeit, gelegentlich auch Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse genannt, seit einer Weile gesetzlicher Feiertag in Deutschland, fällt diesmal auf einen Samstag. Der sonst immer gern mitgenommene zusätzliche Urlaubstag wird dieses Jahr in sein Gegenteil verkehrt:

Nicht nur ist der Samstag in Deutschland seit den 50er Jahren normalerweise sowieso arbeitsfrei, sodass der gesetzliche Feiertag 2021 dem einzelnen Erwerbstätigen in dieser Hinsicht gar keinen Nutzen bringt.

Sondern im Gegenteil, Den Rest des Beitrags lesen »