Degeneriert

Neulich habe ich in so einem völkisch orientierten, fleißig „überfremdungskritisch“ trompetenden Hetzblog gelesen, Englisch sei nichts weiter als ein degenerierter deutsch/germanischer Dialekt. Die englische Kultur sei nichts weiter als eine auf einer [sic!] Abart germanischer Sprachen bezogene Randerscheinung der Germanen, und – natürlich – ohne den deutschen Vorfahren gebe [sic!] es die “englische” Kultur nicht. Englisch sei die Weltsprache der Degenerierten.

Kann man meinen, es wird davon aber nicht richtiger. Und wenn ich mir anschaue, mit was für Parolen derzeit in Deutschland spazierengegangen und marschiert wird, frage ich mich, wen man hier für degeneriert halten soll.

Erstmal zur Kultur: Mir liegt es fern, die „englische Kultur“ als besonders hochstehend oder nachahmenswert hinstellen zu wollen. Sie ist im Wesentlichen ein Fork der gemeinsamen, eigentlich noch nicht wirklich deutschen Vorgängerkultur. Seit der Übersiedlung der Angeln und Sachsen auf die britischen Inseln ist sie natürlich durch romanische, namentlich französische Einflüsse „verdorben“ worden. Andererseits müsste der langjährige dänische (also germanische!) Einfluss sie im Gegenzug veredelt haben, da könnte der Saldo am Ende einigermaßen ausgeglichen sein. So oder so Den Rest des Beitrags lesen »


„Musik“

Das Radio läuft. Ich wohne in einem Haushalt mit Leuten, die das Ding gern laufen haben. Ist auch ok. Meistens. Wir haben Internetradio, da ist man nicht an die paar lokal empfangbaren Sender gebunden, und wenn der gerade laufende Sender mal ins Unangenehme abdriftet, können wir fast immer was Konsensfähiges finden. Also was, mit dem wir alle in dem Moment einigermaßen leben können.

Diesen Text habe ich schon seit einiger Zeit herumliegen, murkse immer mal dran rum, bin nicht zufrieden und lege ihn wieder weg. Jetzt hat Kollege Lars Dithmarschen was über „Witzige“ Werbetexter im röhrenden Radio geschrieben, und da dachte ich dass das jetzt vielleicht eine gute Gelegenheit ist, das Machwerk hier mal rauszuhauen.

Das Radio läuft also, und ich habe das Gefühl, seit einer Viertelstunde dieselbe 2-Takt-Schleife zu hören. Irgendein Hirni wiederholt mit gequetschter Stimme dieselbe kurze Phrase eins ums andere Mal, bis es mir eine Spur ins Hirn fräst. Den Rest des Beitrags lesen »


Fachkräftemangel!

Das Kunstprojekt Die amtliche Bundescomedyshow Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“, auch bekannt als #BER, war eine Weile etwas aus dem Blick geraten. Andere Themen waren lauter und drängender. Auch schienen alle denkbaren Wendungen und Gags aufgebraucht, es war ein wenig die Luft raus. Jetzt nimmt die unendliche Geschichte aber wieder Fahrt auf.

Vor ein paar Wochen war ja bekannt geworden, dass jemand die Brandschutzwände mit dem falschen Mörtel gebaut hatte, weshalb mehrere Hundert dieser Wände verstärkt oder eingerissen und neugebaut werden müssen.

Dann hatte sich herausgestellt, dass zu schwere Rauchabzugspumpen oder Ventilatoren (oder was weiß ich, ich bin ja auch kein Fachmann) verbaut worden waren, die Plattformen für die Ventilatoren mussten 4 statt wie geplant 2 Tonnen Gewicht tragen. Das hatte Probleme mit der Statik nahegelegt und die Erstellung eines neuen statischen Standsicherheitsnachweises erforderlich gemacht (vulgo: Die betreffenden Decken könnten einsturzgefährdet sein oder die überladenen Plattformen absturzgefährdet. Der ganze Kram muss deshalb sicherheitshalber nochmal überprüft werden).

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Knackig?

Fundstück vom Markt: Ein Fischhändler preist auf seinem Wagen u.a. Knackige Fischbrötchen an. Das kollokiert nicht. (Kollokiert nicht ist Übersetzerlatein für passt nicht zusammengehört da nicht hin, falsches Wort an der Stelle.)

Weder Brötchen noch Fisch sind nach meinem Empfinden knackig und sollten das auch normalerweise nicht sein, außer das Wort hat in der Gegend, wo der Mann herkommt, eine andere Bedeutung.

(Duden bietet als synonym knusprig an, das passt für mein Empfinden nicht recht. Ein frisches Brötchen ist knusprig, aber sicher nicht knackig, und Fisch ist weder noch. Ein anderer Vorschlag von Duden, frisch, passt schon eher, hat aber mit knackig nur zu tun, dass knackig auch frisch sein kann, frisch aber nicht unbedingt knackig sein muss. Eine andere von Duden angebotene Bedeutung, wohlgeformt, jugendlich frisch und dadurch anziehend und erotisierend, bringt uns in abwegiges Gelände, das passt auch nicht. Von daher Den Rest des Beitrags lesen »


Abscheußlichkeiten

Seit einiger Zeit sieht man vermehrt Hüte auf der Straße. Alle möglichen Leute tragen Hut. Nicht Basecap, nicht Stetson, nicht Touristenhut, sondern den altmodischen Herrenhut. Trilby heißt die Sorte Hut wohl, und ich fand die schon immer eher witzlos. Verschnarchtes Accessoire einer zum Glück kaum noch relevanten Tradition. Die Zeiten, wo der zivilisierte Herr das Haus nur in grauem Straßenanzug und selbstverständlich mit Hut verließ, sind lange vorbei. Über Fedoras mit etwas breiterer Krempe kann man reden, aber diese Hütchen finde ich einfach nur bescheuert.

Das muss eigentlich niemanden weiter interessieren, das ist ja alles eine Frage des persönlichen Geschmacks, und der Geschmack ist frei wie die Gedanken. Aber wenn Leute keinen haben, ist das leider nicht deren Problem, sondern das Problem der Allgemeinheit. Sie merken ja meistens gar nicht, was sie ihrer Umwelt da antun. Gewöhnlich ärgere ich mich im Stillen über solche Verirrungen, aber in den letzten Wochen waren es zu viele. Und gestern habe ich auf dem Weg zum Bahnhof einen gesehen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das muss jetzt einfach raus, Aufschrei der gequälten Kreatur und so.

Also: Den Rest des Beitrags lesen »


Sport im Fernsehen

Ein ganz wichtiger Grund für viele Leute, überhaupt einen Fernseher zu haben, dürfte die Übertragung von Sportereignissen sein. Fußball ganz vorneweg, egal ob Bundesliga, Champions League, Europa- und Weltmeisterschaften – zumindest für männliche Deutsche gehört es – vermutlich spätestens seit dem Wunder von Bern – fast zum guten Ton, Fußball zu kucken.

Dann hat Boris Becker Tennis in Deutschland populär gemacht, und Tennisturniere werden seitdem großflächig live übertragen. Michael Schumacher hat die Formel 1 in Deutschland wieder aus dem Dornröschenschlaf geholt, da geht auch erheblich Sendezeit für drauf. Golf ist in Deutschland nicht so wahnsinnig beliebt, aber wer Leute in komischen Schuhen auf grünem Gras herumstehen sehen mag, schaut sich wohl Golf im Fernsehen an. Mit Bernhard Langer haben „wir“ ja auch einen ansehnlichen Namen im Spiel.

Meine Begeisterung für alle diese Sportereignisse hält sich – man ahnt es sicher – in überschaubaren Grenzen. Am Fußball geht mir die Politik auf die Nerven, wenn fast täglich atemlos, entsetzt oder empört berichtet wird, wer denn nun wieder danebengetreten, falsch gepfiffen, was Dummes gesagt oder was Richtiges nicht gesagt hat. Wer jetzt für wie viel Geld von wo nach wo verkauft wird wechselt – Den Rest des Beitrags lesen »


Bis einer weint

Die geopolitische Situation sieht nicht schön aus derzeit. Gut, das tut sie eigentlich nie, wohl seit Menschengedenken. Zwar war es in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend stabil und friedlich, dafür ging es anderswo auf der Erde ordentlich zur Sache. Der Koreakrieg, das Schweinebuchtdesaster in Kuba, der Vietnamkrieg, der Afghanistankrieg der Sowjetunion, die Islamische Revolution in Persien sind nur ein paar Highlights der letzten Jahrzehnte.

Und es geht ja munter weiter, es brennt auch heute an allen Ecken und Enden. Da sind Syrien, die Kapriolen des IS dort und im Irak, dann die Pulverfässer Libyen, Ägypten, Israel vs. Hamas, Boko Haram, eine Reihe Länder auf -istan – da gibt es jede Menge verfahrene Situationen mit großem Schadenspotenzial, an denen die Welt noch lange zu kauen haben wird.

Dann haben wir die galoppierende Verbohrtheit in den USA, wo zu viele national relevante Akteure lieber die Karre an die Wand fahren, als auch nur einen Fingerbreit nachzugeben (die andere Seite könnte das ja als Erfolg verbuchen, und das darf nicht sein!), im Stil von Lieber Staatsbankrott und Weltwirtschaftskrise provozieren als mit der anderen Seite dem Feind auch nur vernünftig zu verhandeln. Man gibt vor, ergebnisorientiert zusammenarbeiten zu wollen, boykottiert aber aus Prinzip alles, was die anderen machen oder vorschlagen. In der EU sieht es teilweise auch nicht besser aus, und auch in Deutschland bewegt sich allzuviel Politik gefühlt auf Kindergartenniveau.

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Das ist alles schlimm genug und für die Betroffenen in vielen Fällen tragisch. Aber es wird im Moment zum Hintergrundrauschen, über dem jetzt die kernigen Orgeltöne des Streits um die Ukraine schweben.

Ich will gar nicht  Den Rest des Beitrags lesen »


Russisches Roulette

Die Masern gehen mal wieder um, Berlin erlebt einen hübschen Ausbruch mit bisher 400 Erkrankten. Die Masern hätten, wie ich mehrfach gelesen habe, in Deutschland eigentlich schon bis Ende 2010 ausgerottet werden sollen. Hat aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt, die Frist ist dann bis Ende 2015 verlängert worden. (Man kennt das – den Seitenhieb kann ich mir nicht verkneifen – vom Hauptstadtflughafen BER. Dessen Fertigstellung schwimmt auch immer weiter flußabwärts im steten Strom der Zeit.)

Ende 2015 wird aber auch nichts, wie es aussieht. Zu viele Leute sind nicht geimpft. Und zwar nicht nur Asylbewerber oder andere Zugewanderte aus Ländern, wo weniger bis gar nicht geimpft wird. (Dass man erstere medizinisch so gut wie gar nicht versorgt, also keinerlei Vorbeugung betreibt, sondern die Leute kaputtgehen lässt und ihnen dann widerwillig die kärglichstmögliche Behandlung gewährt, ist ein Armutszeugnis für die ethischen Standards in Deutschland und dürfte sich außerdem über kurz oder lang als Schuss ins eigene Knie erweisen, wenn sich nämlich Tuberkulose und alle möglichen anderen Krankheiten wieder einnisten, die man mit ein paar Spritzen zur rechten Zeit hätte verhindern können, aber das nur am Rande.)

Übersättigte Bildungsbürger und abgehängte Neoliberalisierungsverlierer erlauben sich den Luxus, Impfungen generell und die Masern-Mumps-Röteln-Impfung speziell abzulehnen. Sie machen einfach nicht mit, da geht nichts. Die Übersättigten unter den Impfgegnern bevorzugen eine als „natürlich“ empfundene Lebensweise ohne die vermeintlich giftigen Impfungen, die angeblich sowieso nur der Bereicherung der bösen Pharmaindustrie und der korrupten, geldgierigen Impfärzte dienen. (In diese „natürliche“ Lebensweise der Übersättigten passen neben biodynamischer Naturkost natürlich Bionade, Smartphone, Auto, Urlaub sonstwo und andere Natürlichkeiten problemlos rein. Muss man nicht verstehen.)

Und die Abgehängten zeigen denen da oben wenigstens, dass sie sich nicht für blöd verkaufen lassen und nicht alles mit sich machen lassen. (Wie kleine Kinder, die glauben, die Mama wird schon sehen, was sie davon hat, mich ohne Mütze rauszuschicken, dann friere ich nämlich und erkälte mich, das hat die dann davon, ätsch!)

Jedenfalls gibt es eine lebhafte und lautstarke Impfgegnercommunity und drumherum ein ganzes Ökosystem impfskeptischer Gruppen, Grüppchen und Einzelkämpfer, ideologisch unterstützt von allerhand Wirrköpfen mit esoterisch angehauchten und immer ziemlich realitätsfernen Vorstellungen von Biologie, Medizin und auch sonst ziemlich allem. Den Rest des Beitrags lesen »


Alles für die Kunst

Klar, war ja nur eine Frage der Zeit, bis es mich treffen würde. Jetzt hat mir Carmen von UmamiBücher ein Blogstöckchen hingeworfen. In einem Kommentar. Öffentlich. (Und völlig off topic noch dazu!)

Meine erste Reaktion: Oh Schiet, hat jemand einen Eimer Sand, wo ich den Kopf reinstecken kann? Zweiter Gedanke: Löschen, bevor das jemand sieht. Aber Carmen wüsste dann doch bescheid, und ich will ja keine befreundeten Bloggerinnen vergrätzen.

Hätte ich, wie manche Blogger, alle Kommentare in die Moderation laufen lassen und nach Einzelprüfung freischalten sollen? Dann könnte ich jetzt so tun, als ob das Stöckchen im Spamordner gelandet wäre und ich es gar nicht gesehen hätte. Da ich bei Carmens Blog gelegentlich und gern vorbeischaue, es aber nicht ständig lese, könnte ich den Artikel über das Blogstöckchen dort auch gut übersehen. Und wenn ich sowas sehe, lese ich es meistens gar nicht. Naja, manchmal schon, aber das weiß ja auch wieder niemand. So tun als wäre nichts gewesen wäre also durchaus einigermaßen plausibel machbar.

Das wäre allerdings ausgesprochen stillos. Und davon abgesehen wäre eine Kommentarpolitik, wo alle erstmal in die Moderation kommen, auch diskussionshemmend. Nicht, dass bei mir besonders viel diskutiert wird, aber trotzdem, glimmender Docht und so. Moderation für alle würde das Blog, sagen wir, abweisender machen, weniger einladend. Bisher hatte ich auch keinen rechten Anlass, so restriktiv dranzugehen, etwa wegen ausufernder Trollerei und so. Und in Sachen Blogstöckchen würde es ja sowieso erst beim nächstenmal greifen, dieses Kind liegt ja jetzt schon im Brunnen, sozusagen.

Vielleicht lässt sich schon erahnen, dass ich kein großer Freund von Blogstöckchen bin. Ich mag die nicht, finde sie fast immer doof. Schon das Wort ist bescheuert. Blogstöckchen, blärgs. Klar, das ist eine gute Gelegenheit, neue Besucher abzukriegen, und man kann gleichzeitig Den Rest des Beitrags lesen »


Kalendersprüchlichkeit

Dass ich Kalendersprüche nicht besonders mag, ist hier ja schon gelegentlich angeklungen. Über die Masche, irgendwelche (irgendwie witzigen) alten Fotos mit irgendwelchen oft in kräftigen Farben handgeschriebenen (irgendwie witzigen) Kommentaren zu versehen, habe ich mich dagegen noch nicht geäußert. Die finde ich auch eher nervig, spätestens seit an jeder Ecke solche Postkarten verkauft werden.

Gut, grundsätzlich sehe ich den Witz, aber praktisch finde ich die Dinger dann doch fast durchweg doof. Ganz aufhören tut es für mich dann, wenn die mehr oder weniger witzigen Kommentare zu den alten Fotos durch Kalendersprüche ersetzt werden, wie hier: kalenderspruechlichkeiten So eine bescheuerte Sammlung von Unsinn, nur um ein sechzig Jahre altes Bild einer leichtbekleideten jungen Frau zeigen zu können! Den Rest des Beitrags lesen »