Ich will auch mal mitgemeint sein!

Seit Jahren wird an vielen Stellen im deutschsprachigen Raum versucht, eine weniger männerlastige, dafür gerechtere Sprache zu etablieren. Sehr verkürzt gesagt geht es darum, nicht mehr so oft männliche Formen zu verwenden, wenn Männer und Frauen angesprochen sind.

Das Bestreben ist, dass Frauen bei der Verwendung männlicher Formen nicht mehr einfach mitgemeint sein sollen, sondern dass man die Gemeinten direkt anspricht oder geschlechtsneutrale Formen verwendet, wo das geht. So schreibt man häufig nicht mehr Studenten, sondern Studentinnen und Studenten, verkürzt das zu Student/innen, Student_innen oder StudentInnen, oder man weicht auf neutrale Ersatzwörter aus, z.B. Studierende.

Dass viele Leute solche Schreibweisen nicht sofort gut finden und etwas fremdeln, kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Ich schaffe es auch nicht, hier durchgehend geschlechtergerecht zu schreiben. Anderseits ist gerade der Geschmack sehr wandelbar, das Empfinden kann sich unter Umständen sehr schnell ändern, wenn man sich erstmal drauf einlässt.

Da hakt es dann oft – das Problem ist kein Sprachliches, sondern eines der Denkweise. Solange das berechtigte Interesse der einen Hälfte der Menschheit, gleichberechtigt angesprochen zu werden, von einer maßgeblichen Mehrheit als überzogen beiseitegewischt wird, helfen Sprachregelungen nicht.

Andererseits kann ein innovativer Sprachgebrauch durch Einzelpersonen, Organisationen, Behörden usw. eine Entwicklung in Gang setzen, die am Ende vielleicht zu einer weniger diskriminierenden Grundhaltung führt und sich in einer weniger diskriminierenden Sprache niederschlägt.

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Solche Bestrebungen stoßen erfahrungsgemäß fast immer auf erbitterten Widerstand. Platt gesagt: Den Rest des Beitrags lesen »

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Kinderbücher und Gerechtigkeit

Derzeit wird viel über die Bereinigung von Kinderbüchern diskutiert. Mehrere Verlage entfernen Wörter wie Negerkönig, Negerlein u.ä. aus ein paar bekannten Kinderbüchern, etwa Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren oder Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Alle möglichen Leute sprechen sich strikt dagegen aus, beklagen eine angebliche Gesinnungsdiktatur der politisch Korrekten, barmen über den Verlust der Erinnerung durch Verstümmelung klassischer Texte und sehen überhaupt nicht ein, wieso jemand sich von rassistischen Ausdrücken herabgewürdigt oder beleidigt fühlen kann, wo diese Ausdrücke doch in den betreffenden Kinderbüchern sicher nicht in böser Absicht verwendet werden. Oder sie sehen es, halten es aber für irrelevant und argumentieren es aus dem Weg. Überhaupt finden sich in den Diskussionen erstaunlich oft Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, wie sie in Derailing for Dummies beschrieben sind. Ich finde das beunruhigend.

Dabei zwingt, wie Andrej Reisin in Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus schreibt, die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern die Eltern nicht biodeutscher Kinder immer wieder in schwierige Identitätsdiskussionen mit ihren Kindern und vermiest ihnen das Vorleseerlebnis, das „normale“ deutsche Kinder in Ruhe und Geborgenheit genießen können. Dass rassistische Wörter in Kinderbüchern damit in den geschützten Raum der Familie eindringen und tief in das Gefühlsleben von Menschen eingreifen, will aber vielen nicht in den Kopf. Dass Generationen von Kindern mit den unredigierten Texten aufgewachsen sind („Hat uns doch auch nicht geschadet, sind ja auch keine Rassisten deswegen“) ist dabei irrelevant. Ein erkanntes Übel ist nicht deshalb unschädlich, weil es lange unerkannt blieb oder ignoriert wurde.

Trotzdem werden die Auswirkungen von rassistischem Wortgut immer wieder beiseitegewischt. Das könne doch so schlimm nicht sein und stelle überhaupt eine wertvolle Gelegenheit dar, sich mit der Geschichte der betreffenden Wörter oder dem gesellschaftlichen Klima zur Zeit der Entstehung dieser Bücher zu beschäftigen. Das sei doch auch sehr sinnvoll. Dabei haben die meisten dieser Kämpfer gegen die vermeintliche Zensur Diskriminierung wahrscheinlich nie am eigenen Leib erfahren. Sie können deshalb gar nicht Den Rest des Beitrags lesen »