Gewinn für die Menschheit

Wie zu erwarten war ist die katholische Kirche nicht begeistert vom Ausgang des Referendums zur Ehe für homosexuelle Paare in Irland. Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin lässt wissen, er sei sehr traurig über dieses Ergebnis. Die Kirche müsse diese Realität berücksichtigen, aber in dem Sinne, ihre Verpflichtung zur Evangelisierung zu stärken. Man könne, glaubt er, nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien sprechen, sondern von einer Niederlage für die Menschheit. Man müsse alles dafür tun, die Familie zu verteidigen, weil sie die Zukunft der Menschheit und der Kirche bleibe.

Peinlich ist erstmal, dass der Mann wieder die alte Leier von der Verteidigung der Familie anstimmt, als ob Den Rest des Beitrags lesen »


Davon noch mehr!

Gestern wurde in Irland ein Referendum über die Einführung der Ehe für Homosexuelle abgehalten. Das offizielle Ergebnis steht noch aus, aber wie es aussieht, haben die Iren mit ganz deutlicher Mehrheit dafür gestimmt, dass jetzt auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen sollen. Angesichts der hohen Wahlbeteiligung ist das eine ganz deutliche Absage an die konservative Nein-Fraktion.

Ich freue mich, dass in Irland jetzt ein schmerzliches Stück Benachteiligung für Schwule und Lesben abgeschafft und ein wenig mehr Gleichheit für alle in die Verfassung geschrieben wird.

Einerseits bin ich nicht ganz sicher, ob die klassische Ehe das sinnvollste Modell ist, die gängigen Lebensentwürfe angemessen abzubilden. Vielleicht sollte man bei der Gelegenheit den Personenstand vollständig neu organisieren (dazu gibt es ja auch in Deutschland viele Meinungen, jede Menge Vorschläge und endlose Diskussionen). Andererseits Den Rest des Beitrags lesen »


Vom Wesen der Dinge

Vor ein paar Tagen auf dem Weihnachtsmarkt im Vorbeigehen aus einer Gruppe teils Glühwein teils Bier trinkender Mittfünfziger gehört:

Eierpunsch, des is doch schwul, des trinkich net.

Jetzt ist ja wieder für ein Jahr Ruhe mit Eierpunsch, da muss der gute Mann erstmal keine Angst mehr um seine fragile Heteromännlichkeit haben.


Alex ist wieder da

Letztes Jahr hat die russische Staatsduma eine Ergänzung zum Gesetz “Zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihnen Schaden an Gesundheit und Entwicklung verursachen” verabschiedet hat, nach der Propaganda für “nichttraditionelle sexuelle Beziehungen” strafbar ist.

Die Auswirkungen dieses Gesetzes lassen sich mittlerweile gut beobachten. Es bilden sich überall im Land bürgerwehrartige Organisationen, deren Mitglieder aus Spaß, aus Sadismus, vielleicht auch aus Langeweile Schwule systematisch aufspüren, jagen, demütigen, verprügeln, vergewaltigen, totschlagen. Da mag manchmal sogar ein naives und tragisch fehlgeleitetes Bestreben mitschwingen, die Gesellschaft von schädlichen Elementen zu reinigen, ich weiß es nicht.

Dabei unternimmt der russische Staat gar nicht erst den Versuch, die unterstellten Schäden, die Homosexuelle bzw. deren „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ der Gesellschaft angeblich zufügen, mit rechtsstaatlichen Mitteln zu erfassen und zu ahnden. (Möglicherweise gibt es diese Schäden nämlich gar nicht, und mit der Rechtsstaatlichkeit war es in Russland noch nie besonders weit her.)

Stattdessen wird ganz offen der Selbstjustiz Vorschub geleistet, Den Rest des Beitrags lesen »


Toleranz? Indoktrinationsalarm!

Derzeit läuft ja der Streit um die Bildungsreform 2015 des baden-württembergischen Kultusministeriums(darüber hatte ich gestern schon geschrieben). Zentrales Ziel des zur Debatte stehenden Bildungsplans ist es, den Schülerinnen und Schülern Toleranz für alternative Lebensentwürfe zu vermitteln, über die ganze Schulzeit und fächerübergreifend.

In einem Arbeitspapier zur Verankerung der Leitprinzipien wird das auf Seite 2 so zusammengefasst:

Verlangt werden in diesem Zusammenhang Kreativität, Kritik- und Kommunikationsfähigkeit sowie die Fähigkeit zu selbstbestimmtem, sozial und ökologisch verantwortlichem Handeln. Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen bzw. auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren. Das macht es auch erforderlich, die Perspektiven anderer Personen und Kulturen übernehmen zu können, Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können. Die Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, Perspektiven für und Möglichkeiten der künftigen alltäglichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung durchziehen daher den schulischen Alltag. (Quelle)

Das erscheint mir sehr vernünftig und sinnvoll. Ziel der Schulbildung sollen Sozialkompetenz und Alltagstauglichkeit sein, Toleranz- und Empathiefähigkeit. Alles Dinge, die unsere Gesellschaft lebenswerter und weniger engstirnig machen werden, wenn sie mehr Verbreitung finden. Dinge, von denen ich hoffe, sie meinen eigenen Kindern mitgeben zu können, Schule hin oder her.

Der heftige Widerstand gegen dieses Vorhaben war zu erwarten, immerhin geht es ja unter anderem auch um Homosexualität und ihre Wahrnehmung und Darstellung in Schule und Gesellschaft. Dass die christlichen Kirchen sich eher gegen den Entwurf des Bildungsplans stellen würden, war auch abzusehen.

Trotzdem geht mir der Hut hoch, wenn ich die gemeinsame Verlautbarung der beiden evangelischen Landeskirchen und der katholischen Diözesen Baden-Württembergs lese. Dort heißt es allen Ernstes: Den Rest des Beitrags lesen »


Toleranz in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg ist dabei, einen neuen Bildungsplan zu schreiben. Der sieht vor, dass die Schule in allen Schulformen über die ganze Schulzeit von der ersten bis zur letzten Klasse versuchen soll, den Schülerinnen und Schülern Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt fächerübergreifend zu vermitteln. Das beschränkt sich nicht auf die sexuelle Orientierung, sondern ist viel weiter gefasst. Die offiziellen Texte zur Bildungsplanreform 2015 findet man auf dem Kultusportal Baden-Württemberg. Besonders interessant ist das Arbeitspapier zur Verankerung der Leitprinzipien (dort ist vor allem die Vorbemerkung als Zusammenfassung interessant).

Gegen diesen neuen Bildungsplan hat es nach Bekanntwerden heftigen Widerstand gegeben. Unter Zeitungsartikeln zum Thema hat es zahlreiche Kommentare gegeben, die sich gegen eine Umerziehung der Schulkinder verwahren, gegen die Einrichtung einer Regenbogendenkpolizei. Der Tonfall geht von irritiert bis hasserfüllt, es geht hoch her. Auf Zeit Online ist der entsprechende Artikel der mit Abstand meistkommentierte Text zur Zeit, ein zweiter Artikel hat ebenfalls sehr viele Kommentare, und viele der Kommentare finde ich ausgesprochen verstörend.

Die Petition

Ein Lehrer aus Nagold hat eine Online-Petition gegen diesen Bildungsplan eingerichtet. Darin stellt er die folgenden Forderungen: Den Rest des Beitrags lesen »


Brief an Coca-Cola

Wer die zunehmend schwierige Lage „nicht klassisch Heterosexueller“ in Russland nicht egal findet, wird sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen wollen. Ich finde es nicht akzeptabel, dass ein willkürlich ausgewählter Teil der Bevölkerung ohne irgendeinen auch nur im entferntesten stichhaltigen Grund de facto zu Menschen zweiter Klasse degradiert wird.

Direkte Einflussnahme auf den russischen Gesetzgeber und die russische Gesellschaft ist kaum möglich. Aber indirekt geht einiges. Man kann beispielsweise Den Rest des Beitrags lesen »


Lücken

Die neue Rechtslage in Russland könnte dazu führen, dass viele Schwule versuchen werden, Russland zu verlassen. Ob ihnen das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die EU-Länder ihnen Asyl als politisch Verfolgte gewähren. Ich bin kein Jurist, aber ich könnte mir vorstellen, dass durch das Gesetz die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Ich könnte jedenfalls jeden Schwulen verstehen, der Russland verlassen will, um den ständigen Anfeindungen zu entgehen und nicht ständig Angst um Leib und Leben haben zu müssen. Die Heimat zu verlassen muss schlimm sein – ich selbst etwa würde Deutschland nur sehr ungern dauerhaft verlassen – aber in der Heimat nicht in Frieden und Freiheit leben zu können, ist auch nicht besser. Man wählt das kleinere Übel, und diese Wahl ist für die meisten herzzerreißend.

Die Schwulen, die in Russland bleiben, werden durch das neue Gesetz praktisch in den Untergrund gezwungen. Wer sich nicht der „Propagande für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ schuldig machen will, kann in Russland heute nicht offen schwul leben. Wer es trotzdem versucht, lebt mit einem Bein im Gefängnis und mit dem anderen im Krankenhaus.

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Egal ob Schwule nun Russland in großer Zahl verlassen werden oder ob sie dort bleiben und abtauchen, beides wirft Probleme in Russland auf, bzw. es verschärft ein bestehendes Problem, das direkt aus der von allen möglichen Nationalisten und der orthodoxen Kirche nach Kräften angeheizten homophoben Stimmung in Russland entspringt und das von diesem unwürdigen und menschenverachtenden Gesetz weiter befeuert wird: Heranwachsende Schwule sind mehr als ohnehin schon auf sich gestellt. Dieses Problem ist nicht, wie man denken könnte, allein das Problem der unmittelbar betroffenen Schwulen, das zieht Kreise in die ganze Gesellschaft. Den Rest des Beitrags lesen »


Kinderschutz auf Russisch

Kürzlich ist in Russland ein Gesetz in Kraft getreten, das ein bereits bestehendes Gesetz „Zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihnen Schaden an Gesundheit und Entwicklung verursachen“ ergänzt. Dieser Ergänzung zufolge sind Kinder nicht nur vor pornographischen Inhalten zu schützen, sondern auch vor „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen“. Sämtliche Handlungen, die irgendwie als Propaganda für egal welche Formen „nichttraditioneller sexueller Beziehungen“ gewertet werden können, sind jetzt bei empfindlichen Geldstrafen verboten.

Auch wenn Apologeten des russischen Vorgehens gern betonen, Homosexualität (und Bi- und Transsexualität) selbst seien ja deshalb nicht verboten und es könne darum auch keine Rede von Diskriminierung sein, macht diese Gesetzesänderung das Leben für nicht traditionell heterosexuelle Menschen in Russland schwieriger und gefährlicher, vor allem wohl für Homosexuelle. (Es ist schwierig, sich da lesbar und gleichzeitig korrekt auszudrücken. Das Gesetz trifft alle „nicht traditionellen sexuellen Beziehungen“, beschränkt sich also ausdrücklich nicht auf Homosexuelle, obwohl diese wohl Hauptzielgruppe sind und de facto den meisten Ärger kriegen). Es fällt mir schwer, dahinter keine Absicht zu sehen.

De facto vogelfrei

Als offen Homosexueller muss man in Russland schon jetzt damit rechnen, auf der Straße beschimpft, tätlich angegriffen und zusammengeschlagen zu werden. Man muss auch damit rechnen, dass niemand eingreift. Sogar die Polizei schaut weg, oder gelegentlich schaut sie auch nicht weg, greift aber nicht ein. Den Rest des Beitrags lesen »


Viel Glück und viel Segen

Neulich ist mir in der Stadt ein Pärchen begegnet, wie aus dem Bilderbuch. Sie gingen Arm in Arm, die Köpfe aneinander gelehnt, praktisch miteinander verschmolzen. Sie waren beide ziemlich jung, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, und so wie sie völlig versunken und strahlend durch die Stadt schwebten, waren sie sicher noch nicht lange zusammen. Vielleicht war es der erste gemeinsame Gang als Pärchen. Die beiden waren so offensichtlich so glücklich, es war einfach herzerwärmend.

Als sie an mir vorbei waren, habe ich mich umgedreht und ihnen nachgesehen, und sogar von hinten war offensichtlich, wie glücklich sie waren. Während ich den beiden noch gerührt hinterhersah, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich denen vielleicht in etwas Abstand folgen sollte, damit ihnen nichts passiert. Damit ich eingreifen könnte, wenn jemand sie anmacht oder angreift.

Woher kommt jetzt dieser Gedanke? Gut, ich habe eigene Kinder, und an deren Sicherheit denke ich natürlich auch. Wenn die in dem Alter sind, hoffe ich auch, dass sie nicht angepöbelt werden, weil irgendjemandem ein Detail an ihnen nicht passt. Von da ist der gedankliche Sprung zur Sicherheit anderer junger Leute nicht so groß. Aber Liebespärchen auf offener Straße sind nun wirklich keine Seltenheit, und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit schon lange kein Tabu mehr. Außerdem waren die beiden, von ihrer beinahe unanständigen Glücklichkeit mal abgesehen, sehr dezent, die sind sich nicht an die Wäsche gegangen oder so. Nichts, über dass sich jemand hätte aufregen müssen.

Warum also Angst haben um die beiden? Nun, auch in Deutschland Den Rest des Beitrags lesen »