Ungeimpft

Neulich beim Einkaufen. Ich stelle mich am Supermarkt in die derzeit übliche Schlange vor dem Eingang. Die Dame vor mir dreht sich mit einem Seufzer um und spricht mich an: Ich hoffe ja, dass das bald vorbei ist und es wieder normal wird.

Ich: Ja, hoffe ich auch. Naja, spätestens wenn es einen Impfstoff gibt ist Ruhe.
Sie: Sie würden sich impfen lassen?
Ich: Natürlich, was sonst?
Sie: Ich auf keinen Fall.
Ich: Wieso?
Sie: Davon halte ich überhaupt nichts, da bin ich ganz dagegen. Ich lasse mich nie impfen, gegen gar nichts. Das muss ich auch nicht, mir passiert ja nichts.
Ich: Klar, Sie profitieren davon, dass alle anderen sich impfen lassen.
Sie: Überhaupt nicht. Aber ich wollte jetzt auch keine große Diskussion anfangen.
Ich: Ich auch nicht.

Deprimierend, aber man erreicht die Leute ja sowieso nicht, wenn sie schon überzeugt davon sind, dass Impfungen Unsinn sind. Davon, dass ich die jetzt gegen ihren ausdrücklichen Willen mit Fakten belästige, hat niemand was. Es gäbe nur Streit und sie wäre danach kein bisschen weniger impfgegnerisch eingestellt als vorher, wohl eher im Gegenteil. Und von den Umstehenden würde wohl auch kaum jemand Den Rest des Beitrags lesen »


Russisches Roulette

Die Masern gehen mal wieder um, Berlin erlebt einen hübschen Ausbruch mit bisher 400 Erkrankten. Die Masern hätten, wie ich mehrfach gelesen habe, in Deutschland eigentlich schon bis Ende 2010 ausgerottet werden sollen. Hat aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt, die Frist ist dann bis Ende 2015 verlängert worden. (Man kennt das – den Seitenhieb kann ich mir nicht verkneifen – vom Hauptstadtflughafen BER. Dessen Fertigstellung schwimmt auch immer weiter flußabwärts im steten Strom der Zeit.)

Ende 2015 wird aber auch nichts, wie es aussieht. Zu viele Leute sind nicht geimpft. Und zwar nicht nur Asylbewerber oder andere Zugewanderte aus Ländern, wo weniger bis gar nicht geimpft wird. (Dass man erstere medizinisch so gut wie gar nicht versorgt, also keinerlei Vorbeugung betreibt, sondern die Leute kaputtgehen lässt und ihnen dann widerwillig die kärglichstmögliche Behandlung gewährt, ist ein Armutszeugnis für die ethischen Standards in Deutschland und dürfte sich außerdem über kurz oder lang als Schuss ins eigene Knie erweisen, wenn sich nämlich Tuberkulose und alle möglichen anderen Krankheiten wieder einnisten, die man mit ein paar Spritzen zur rechten Zeit hätte verhindern können, aber das nur am Rande.)

Übersättigte Bildungsbürger und abgehängte Neoliberalisierungsverlierer erlauben sich den Luxus, Impfungen generell und die Masern-Mumps-Röteln-Impfung speziell abzulehnen. Sie machen einfach nicht mit, da geht nichts. Die Übersättigten unter den Impfgegnern bevorzugen eine als „natürlich“ empfundene Lebensweise ohne die vermeintlich giftigen Impfungen, die angeblich sowieso nur der Bereicherung der bösen Pharmaindustrie und der korrupten, geldgierigen Impfärzte dienen. (In diese „natürliche“ Lebensweise der Übersättigten passen neben biodynamischer Naturkost natürlich Bionade, Smartphone, Auto, Urlaub sonstwo und andere Natürlichkeiten problemlos rein. Muss man nicht verstehen.)

Und die Abgehängten zeigen denen da oben wenigstens, dass sie sich nicht für blöd verkaufen lassen und nicht alles mit sich machen lassen. (Wie kleine Kinder, die glauben, die Mama wird schon sehen, was sie davon hat, mich ohne Mütze rauszuschicken, dann friere ich nämlich und erkälte mich, das hat die dann davon, ätsch!)

Jedenfalls gibt es eine lebhafte und lautstarke Impfgegnercommunity und drumherum ein ganzes Ökosystem impfskeptischer Gruppen, Grüppchen und Einzelkämpfer, ideologisch unterstützt von allerhand Wirrköpfen mit esoterisch angehauchten und immer ziemlich realitätsfernen Vorstellungen von Biologie, Medizin und auch sonst ziemlich allem. Den Rest des Beitrags lesen »