Zahnbehandlung

Die Fotos des am 2. September 2015 ertrunkenen Ailan Kurdi am Strand von Bodrum in der Türkei haben weltweit Aufsehen erregt. Twitter hat tagelang hochemotional gewogt, der Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik soll eine Weile lang der aktivste Hashtag auf Twitter überhaupt gewesen sein. Es sind unzählige Fernsehreportagen, Zeitungs- und Blogartikel darüber erschienen.

Es wurde wieder darüber diskutiert, ob man solche Bilder überhaupt zeigen soll. (Ich finde, hier war es angebracht. Weshalb ich das denke, kann man hier nachlesen, oder kürzer gefasst hier). Jedenfalls zeigen die Bilder die Folgen unserer verfehlten Asyl-, Außen- und Entwicklungspolitik, holen das Drama aus dem Reich der anonymen Zahlen ins Anschauliche, Begreifbare. Hier geht es um konkrete Menschen in Not. Um konkrete Menschen, die auf der Strecke bleiben. Die sind nicht irgendwer, die sind nicht egal, jeder von ihnen hat einen Namen.

Wir (Deutsche, Europäer, „der Westen“) zwingen die Leute zwar nicht direkt selbst zur Flucht, das tun andere (oft genug allerdings mithilfe deutschen oder jedenfalls europäischen Geräts), aber unsere Regierungen sorgen mit ihrer Politik dafür, dass sie keinen anderen Weg in eine sichere Umgebung sehen als in überfüllten Seelenverkäufern über das Mittelmeer oder in zweckentfremdeten Lkw über Land. Dass wir damit indirekt die wachsende Schlepperindustrie alimentieren, ist für das rechtsstaatliche Selbstverständnis Europas und v.a. Deutschlands umso beschämender.

Die Bilder von Ailan Kurdi zeigen die Folgen von alledem, ganz schlicht und ergreifend.

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Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die „Asylkritiker“ sich der Angelegenheit annehmen würden, und tatsächlich Den Rest des Beitrags lesen »


#KiyiyaVuranInsanlik

Ich weiß, im Moment schreiben alle über Flüchtlinge. Die Mittelmeerroute ist schon seit Monaten ein zentrales Thema. Die vielen kleineren und größeren Schiffsunglücke mit Hunderten ertrunkener Flüchtlinge. Die feigen und gewissenlosen Schlepper. Die überforderten Küstenwachen der Mittelmeerländer. Das breite Spektrum zwischen Betroffenheit und Hilfsbereitschaft auf der einen und abgestumpfter Gleichgültigkeit auf der anderen Seite der Anwohner dort. Die Bevölkerung von Lampedusa als Lichtblick. Der Stacheldrahtzaun in Ungarn als das Gegenteil. Es ist ein Elend und eine Schande.

Immer wieder kommen, und in den letzten Wochen häufiger, Blogartikel, in denen ganz normale Leute von nebenan versuchen, Flüchtlingsschicksale nachzuempfinden (hier etwa, oder hier), weil die Schicksale sie berühren und nicht loslassen. Trauriger Höhepunkt war jetzt das Bild von dem ertrunkenen kleinen Jungen, Ailan Kurdi, am Strand von Bodrum in der Türkei, und die Geschichte hinter dem Bild. Der Vater hat erzählt, was passiert ist, und es zerreißt mir das Herz.

Ich habe selbst eine Frau und zwei Kinder, und es fällt nicht schwer ich kann es gar nicht vermeiden, das Schicksal der Familie Kurdi mit dem von Emilundida skizzierten Szenario zusammenzubringen. Das Kopfkino läuft von ganz alleine. Da auf dem Strand von Bodrum könnte statt Ailan Kurdi meine Tochter liegen. Die andere würde, auch längst ertrunken, wohl noch irgendwo im Mittelmeer treiben. Meine Frau auch. Ich würde sie auch nach Hause bringen und beerdigen wollen, und ich würde mich auch danebenlegen wollen ins Grab.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es in Abdullah Kurdis Kopf aussieht. Ich kann es mir nur zu gut vorstellen. Ich will es gar nicht wissen, aber ich kann es auch nicht einfach beiseitewischen. Es hat ihn und seine Familie getroffen, nicht mich und meine. Dafür bin ich dankbar und zugleich wünschte ich, er wäre mit seiner Familie auch davongekommen. Dieses Schicksal haben sie nicht verdient, nicht verschuldet, nicht zu verantworten.

Es ist, muss ich ehrlich sagen, schwer zu ertragen. Kinderschicksale gehen vielen besonders nahe, mir auch, gerade weil ich selbst Kinder habe. Und dieses Schicksal ist nur eins von vielen Tausend, die sich seit Jahren an den Rändern von Europa ereignen, und schon diese eine Geschichte ist kaum zu ertragen. Gut, dass ich die vielen anderen so genau nicht kenne.

Dass gerade der Tod von Ailan Kurdi so viele so anrührt, liegt sicher an den Bildern, die derzeit um die Welt gehen – das von Ailan am Strand, mit dem Gesicht im Wasser und das von dem Polizisten, der den kleinen Kerl aufgehoben hat und wegträgt. Vielleicht braucht es solche Bilder, um die Tragödie sichtbar zu machen. Jedenfalls ist Ailan Kurdi nur eine von vielen Tausend ähnlich schlimmen Geschichten, die sich seit Monaten rund um das Mittelmeer ereignen. Jede davon im Prinzip genauso herzerreißend, nur eben nicht so sichtbar.

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Ich möchte den Vater, Abdulla Kurdi, in den Arm nehmen und trösten, stellvertretend nur für all die vielen anderen, die auch Trost und Beistand gebraucht hätten und noch brauchen. Aber was sollte ich ihm sagen? Wird schon wieder? Frau und Kinder sind tot, die kommen nicht wieder. Das Leben geht weiter? Wo und wie denn, in Kobane unter der Knute des IS? Oder vielleicht in Freital, in Weissach, in brennenden Unterkünften, mit kostenloser Freihauslieferung von Faustschlägen, Pfefferspray und Backsteinen?

Überhaupt, diese Schicksale sind für sich schon starker Tobak. Es ist furchtbar, Den Rest des Beitrags lesen »