Und dann war da noch… (29)

… der Mann – vielleicht Ende fünfzig, volle Figur, guter Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte – der am Abend mit einem vollen Schnapsglas durch den Zug läuft. So ein schmales, hohes Schnapsglas vom Typ Wodkazylinder. Die Flüssigkeit hat etwas Farbe, sieht aus wie Aquavit. Nach ein paar Minuten kommt er mit leerem Glas zurück.

Werbeanzeigen

Ins Leere

Regionalbahn voller Pendler. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, vielleicht 20, und hört Musik. Das heißt, eigentlich hört er nicht Musik sondern beschäftigt sich intensiv mit seinem Smartphone. Wie es aussieht, chattet er mit jemandem. Aber dabei hat er einen Kopfhörer um den Nacken hängen, einen von diesen großen, extracoolen DJ-Kopfhörern, die viele jetzt spazierentragen, und während er online chattet, läuft nebenher seine Musik.

Man hört sie in gewissem Umkreis aus dem Kopfhörer kleckern. Nicht so zischelig wie bei normal getragenen Ohrknöpfen, die jemand zu laut eingestellt hat. Eher so dünn und etwas blechern wie bei den (nach im Physikunterricht erarbeiteten Schaltplänen) selbst zusammengelöteten Detektorradios ohne eigene Stromzufuhr, die man über einen dieser uralten „Knöpfe im Ohr“ aus hellem Hartplastik abhörte.

Wenn er nicht schon sehr schwerhörig war, musste er Den Rest des Beitrags lesen »


Über den Wolken

Drei Mädchen, so 13 oder 14 Jahre alt, flattern gutgelaunt durch den Zug, von einem Ende des Zuges ans andere und zurück, auf der Suche nach zusammenhängenden Sitzplätzen.

Auf dem Weg durch den Zug singen sie Über den Wolken von Reinhard Mey. Mit Lücken im Text. Mit angeschrägten Passagen, wo die Melodie an die Grenzen des verfügbaren Stimmumfangs geht. Mit Aussetzern und ungeplanten polyphonen Episoden, wenn die eine oder andere den rhythmischen Faden verliert oder über ein im Gang abgestelltes Gepäckstück stolpert, deswegen erschreckt aufhört zu singen und dann neu ansetzt. Umrahmt von Lachsalven und einer gleichzeitig geführten Unterhaltung über die Platzsuche, die weiteren Pläne für den Tag und Details zu Text und Melodie des gewählten Liedes.

Insgesamt eine ziemlich lebhafte Darbietung, nicht besonders laut, wirklich nicht aufdringlich, aber eben auch nicht gerade vornehm zurückhaltend. Und das beste ist: Kein böses Gesicht bis zum Horizont, dafür haben viele im Zug gelächelt. So gehört das.


Und dann war da noch… (6)

… das junge Mädchen auf dem Bahnsteig. Sie war ziemlich bunt angezogen: ein knielanges Kleid, oben knallrot, unten cremefarben, lilafarbene Leggins, gestrickte Gamaschen in demselben Rot wie das Kleid, dazu robuste knöchelhohe Wanderstiefel. Ihr Rucksack stand an den Schaukasten mit dem Fahrplan gelehnt.

Während sie wartete, machte sie auf dem fast leeren Bahnsteig Tanzschritte und Gesten mit den Armen, tanzte teilweise ganze Figuren wie im Ballett, und das erstaunlich mühelos und grazil angesichts des Schuhwerks…


Ansteckend

Es ist schon fast dunkel und ich bin froh, aus dem Schneeregen in die helle, warme Straßenbahn zu steigen. Die ersten Läden schließen, die Bahn ist ziemlich voll. Ich sehe viele müde Gesichter, ein paar gelangweilte, ein paar schlechtgelaunte. Irgendwo unterhalten sich welche angeregt über irgendwas. Ich habe es nicht weit, ein paar Stationen nur, und bleibe im Gang stehen.

Ein Stück weiter sitzt eine alte Frau allein, neben sich im Gang einen vollgepackten Hackenporsche, auf dem Sitz neben sich eine Handtasche. Sie ist einfach und etwas altmodisch gekleidet, Mantel und Kopftuch. Nicht abgerissen, aber ihre Sachen sind sichtbar nicht neu.

Sie löffelt Den Rest des Beitrags lesen »


Lebt in x, y und z

Erstaunlich viele Schriftsteller, Künstler, Musiker, Köche haben mehr als einen Wohnort. Meistens zwei, manchmal auch drei oder mehr. Woher ich das weiß? Wenn Zeitungen oder Zeitschriften eine solche Persönlichkeit porträtieren oder einen Artikel von so jemandem drucken, liefern sie oft einen kurzen Text über die Autorin mit. In ähnlicher Form gibt es das auch auf Klappentexten von Büchern und in Wikipedia.

Ganz oft enthalten diese Texte eine Formulierung dieser Art:

JANET EVANOVICH is the #1 bestselling author of the Stephanie Plum novels, (…) She lives in New Hampshire and Florida. (…) [Klappentext]

P. D. James is the author of eighteen books, most of which have been filmed and broadcast on television in the United States and other countries. (…) She lives in London and Oxford. [Klappentext]

Robert Theodor Betz (* 23. September 1953 in Troisdorf) ist ein deutscher Psychologe und Autor, der in München und auf Lesbos lebt. [Quelle]

Scholl-Latour lebt abwechselnd in seinen Wohnungen im Bad Honnefer Ortsteil Rhöndorf, Berlin und Paris und in einem Haus bei Nizza. [Quelle]

Martenstein lebt in Gerswalde (Uckermark) und in Berlin. [Quelle]

Botho Strauß lebt heute in Berlin und in der Uckermark. [Quelle]

Während Wikipedia oft einfach nur sachlich die Information mitteilt, wird auf Klappentexten u.ä. oft versucht, die jeweilige Person menschlich-zugänglich darzustellen. Da erwähnt man dann gern noch Kinder, Haustiere usw. Rachel Joyce lives in Gloucestershire with her husband and four children oder Victoria Thompson (…) lives in Pennsylvania with her family.

Aber mal im Ernst, Den Rest des Beitrags lesen »


Treffsicher

So gut wie leerer Zug, über 30 Sitzreihen á 4 Sitzplätze in jedem der beiden Zugteile. Ich bin früh dran, setze mich auf meinen Idealplatz, packe meinen Lesestoff aus. Ein paar Minuten später steigt in der Ferne, ganz am anderen Ende des Waggons, ein älterer Herr ein, geht durch die leeren Reihen, als ob er einen freien Sitzplatz sucht, und setzt sich mir gegenüber. Direkt gegenüber. Ich sitze am Gang, und er setzt sich nicht ans Fenster oder auf die andere Seite des Gangs, sondern so, das unsere Knie praktisch Den Rest des Beitrags lesen »