Nie wieder loslassen…

Meine Tochter musste für die Schule das derzeit schwer angesagte Holocaust-Beschäftigungs-Buch Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne lesen (näheres hier). Nach dem völlig unerwarteten Ende war sie tief erschüttert. Sie war danach tagelang ziemlich durch den Wind und hat Wochen gebraucht, bis sie das verarbeitet hatte.

Ich bin stinksauer.

Auf die Schule: Da gab es keinerlei Vorwarnung, keinerlei Begleitung, einfach nur den Auftrag „Lest das über die Ferien“, dazu ein paar textbezogene Aufgaben.

Auf den Verlag: Es gibt keine Inhaltsangabe auf dem Einband, nur die reichlich idiotische Notiz des Autors, das sei ein sehr wichtiges Buch und anders als sonst üblich wolle man über den Inhalt nichts verraten, den solle das Publikum beim Lesen selbst herausfinden.

Auf den Autor: Für diese bescheuerte Notiz und für das Ende des Romans: Der reichlich einfältige Protagonist freut sich, seinen mysteriösen streifenpyjamatragenden Freund endlich im Lager besuchen zu können und mit ihm einen Platz im Trockenen gefunden zu haben; sie halten sich bei den Händen, endlich hat er überhaupt wieder einen Freund, sogar einen „besten Freund für immer“, und er wird dessen Hand nie loslassen; in dem Moment fallen die Türen der Gaskammer hinter ihnen zu.

Dem Zielpublikum von 12- oder 13-jährigen Kindern ohne Vorwarnung so einen Schlag unter die Gürtellinie unterzujubeln finde ich reichlich niederträchtig.

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Stiefelgeografisches

Meine Tochter neulich beim Blick auf die Weltkarte: Wieso wird eigentlich Italien „Stiefel“ genannt? Neuseeland sieht doch viel mehr wie ein Stiefel aus?!

Und so ganz unrecht hat sie da auch nicht:

Umrisse von Italien (ohne Sizilien und Sardinien) und Neuseeland (ohne Stewart Island) nebeneinander, nicht nach Norden ausgerichtet, um die stiefelähnliche Form beider Länder zu vergleichen

(Ich habe die Umrisse der beiden Länder im Interesse der Anschaulichkeit so gedreht, dass beide Sohlen auf demselben imaginierten Boden stehen; in echt ist Italien nämlich deutlich nach links gekippt, und Neuseelands Sohle zeigt eigentlich ungefähr nach Nordost, aber von Italien aus gesehen auf der Rückseite des Planeten. Komplizierte sphärische Geometrie wäre hier nicht zielführend, also weg damit und schön Den Rest des Beitrags lesen »


Richtig lesen

Irgendwann vor meiner Einschulung habe ich angefangen, mich für Buchstaben und Zahlen zu interessieren, habe mir welche zeigen lassen und versucht, sie nachzumalen und anzuwenden. Als ich zur Schule kam, konnte ich trotzdem noch nicht lesen oder schreiben. Das offizielle Lesen- und Schreibenlernen in der 1. Klasse habe ich brav (aber, soweit ich mich erinnere, ohne viel Enthusiasmus) absolviert und die so erworbenen Fertigkeiten vor allem in der und für die Schule angewendet.

Irgendwann im Lauf der zweiten Klasse habe ich mein erstes „richtiges“ Buch gelesen, also kein in Schreibschrift gesetztes Buch für Leseanfänger, sondern ein normales Kinderbuch. Abenteuergeschichte, irgendwas mit Dschungel. Ich weiß noch, wie ich das Buch sah und dachte, wer weiß, ob sich das lohnt? Ich habe halb skeptisch zu lesen begonnen und war dann fast erstaunt, als plötzlich die letzte Seite vorbei war. Ab da las ich so ziemlich alles, was ich in die Finger kriegen konnte (davon bin ich mittlerweile wieder ab, aber damals hatte ich auch nicht Zugriff auf derart viel Text wie heute).

Aber lesen ist ja nichts, was man einfach so machen kann oder soll. Neben dem rein Technischen – also Buchstaben kennen, die daraus zusammengesetzten Wörter erkennen, die aus denen gebildeten Sätze verstehen – gehört nämlich noch mehr dazu: Zwischen den Zeilen lesen, Stilmittel und andere Kunstgriffe erkennen, Den Rest des Beitrags lesen »


Statt Gemüseschnippeln

In einem Artikel zu der Frage, wie ungesund industrielle Lebensmittel denn nun sind, wurde als Vorteil von Fertigessen genannt, dass man da einiges an Zeit sparen kann, die dann für andere Beschäftigungen zur Verfügung steht:

Mütter, die nicht jeden Tag am Herd stehen, haben mehr Zeit für die Kinder, für Sport oder, um ein gutes Buch zu lesen.

Das ist ein ziemlich weitverbreiteter Ausdruck: Ein gutes Buch lesen. Das klingt so nach oberstudienrätlicher Vorstellung von Freizeitgestaltung, nach Bildungsbürgertum im Selbstvergewisserungsmodus. Wir die wir wissen…

Einfach so Den Rest des Beitrags lesen »


Immer wieder

Manchmal gibt es in einem Buch Wörter oder Ausdrucksweisen, die zu oft vorkommen. Ein flapsiger Ausdruck, eine phantasievoll treffende Formulierung, ein eher seltenes Wort – beim ersten Mal ist sowas oft klasse. Beim zweiten Mal, naja. Beim dritten Mal fällt es auf, danach fängt es an, mir den Lesefluss zu stören. Schlimmstenfalls sehe ich der nächsten Verwendung augenrollend beim ungeschickten Anschleichen zu.

Beispiel? Ich lese eben Children of the Revolution von Peter Robinson. Das ist der 21. Band der Serie mit DCI Banks als Hauptfigur. Banks, Kriminalpolizist in den Yorkshire Dales, wohnt allein in einem abseits gelegenen Haus. Der schon etwas wackelige Wintergarten dient ihm als Wohn- und Arbeitszimmer. Das eigentliche, auch als solches eingerichtete Wohnzimmer kommt praktisch nur als Standort der Stereoanlage vor und läuft im Buch als entertainment room.

Der Ausdruck ist mir schon bei der ersten Verwendung aufgefallen – es ist eine vergleichsweise junge und nicht besonders häufige Bezeichnung für ein Zimmer in einer englischen Wohnung. Der Zusammenhang legt nahe, dass es bei der Benennung tatsächlich um Entertainment im Sinne von Heimkino (bzw. -konzertsaal) geht und nicht um das, was auf Englisch auch to entertain heißt – jemanden zu sich einladen, bewirten, unterhalten. Banks wohnt allein und hat eher nicht so oft Besuch. Partys o.ä. scheint er keine zu geben. Entertainen in diesem Sinn tut er also selten bis nie.

Natürlich könnte man Den Rest des Beitrags lesen »


Schwedisches Elend

Vor einer Weile hat das Schicksal mir die Wallander-Romane von Henning Mankell vor die Nase gespült – in einem offenen Bücherschrank standen alle Romane der Serie in der dtv-Ausgabe. Nachdem mir seit Jahren immer wieder Erwähnungen Wallanders über den Weg gelaufen waren, überwiegend Empfehlungen, habe ich die Gelegenheit ergriffen, da mal einen Blick hineinzuwerfen.

Angefangen habe ich mit Wallanders erster Fall, eine Sammlung von kürzeren Geschichten aus der Zeit von Wallanders Jugend. Ich habe die ersten beiden Geschichten gelesen. Schlecht waren sie nicht, aber vom Hocker haben sie mich auch nicht gerissen. Ein Rezensent bei Amazon schreibt, man merke, dass dieser Band nach den übrigen Romanen entstanden sei und quasi rückdatiert daherkomme. Für Wallander-Fans sei das ganz nett, aber es sei sicher nicht das beste Wallander-Buch. Man möge egal welchen der übrigen Romane zum Einstieg nehmen, der Wunsch nach mehr werde sich dann von selbst einstellen.

Gut, ich also den Band beiseite gelegt und Die weiße Löwin angefangen. Dort derselbe Befund: Nicht schlecht, aber Den Rest des Beitrags lesen »


Theoretisch

Sherlock Holmes löst seine Fälle bekanntlich, indem er die Unmöglichkeiten eliminiert und so als letztes den tatsächlichen (und angeblich als einziger zu den Indizien passenden) Tathergang übrigbehält, glasklar herausgeschält, egal wie unwahrscheinlich er auch erscheinen mag.

Mir kommt das ziemlich weltfremd vor, weil sich praktisch immer eine unbekannte Teilmenge der für einen Sachverhalt relevanten Dinge unserer (und damit auch Herrn Holmes‘) Kenntnisnahme entzieht. Deshalb arbeitet der Ermittler zwangsläufig mit einer unvollständigen Datenbasis, deren Lücken er in den wenigsten Fällen überhaupt kennt, und kann mit seinem Ausschlussverfahren höchstens Näherungen oder Wahrscheinlichkeiten bestimmen. Ein wasserdichtes Ergebnis wird nur in seltenen Ausnahmefällen Den Rest des Beitrags lesen »


Der Regler

Vor ein paar Jahren gab es eine Art literarischer Sensation in Deutschland: Einen einheimischen Thriller. Also einen, der in Deutschland von einem einheimischen Autor geschrieben wurde, großenteils in Deutschland spielt (und teils in Südtirol, aber da spricht man wenigstens Deutsch, mehrheitlich) und einheimisches Personal als Protagonisten hat. Dass das geht, Wahnsinn.

Die Rede ist von Der Regler von Max Landorff. Kürzlich habe ich das Buch gelesen und, ja. Es ist schon spannend und hat einige unerwartete Wendungen. Es wirkt auf mich nicht provinziell oder verschnarcht, aber auch nicht krampfhaft auf weltläufig getrimmt. Von daher nicht schlecht, das Buch.

Ich habe einige Rezensionen quergelesen, und viele Rezensenten arbeiten sich an Inhalt, Genre, Pseudointellektualität ab. Daran, dass es viele gute Ansätze gebe, die aber nicht weiter verfolgt würden. Dass die Handlung arg konstruiert wirke und stellenweise abstrus sei. Dass die Personen unnahbar blieben und dass das Buch irgendwo ab der Mitte wie gekürzt oder zusammengeschnitten wirke. Dass das Ende unbefriedigend und unglaubhaft sei. Einiges davon kann ich gut nachvollziehen, das Buch hat wohl einige Schwächen. Mit denen kann ich ganz gut leben, da will ich mich gar nicht weiter mit aufhalten.

Was mir am Regler nicht behagt sind nämlich nicht Handlung, Charakterentwicklung oder etwaige lose Enden, sondern Sprache und Stil, und darüber sagt kaum jemand etwas. Dabei Den Rest des Beitrags lesen »


Lohnt sich Einweg?

Jean Paul soll mal geäußert haben: Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden,
ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.

Eine bedenkenswerte These, möchte man meinen. Leuchtet erstmal ein, glaubt man. Tut man ja immer, wenn jemand Gebildetes einen Kalenderspruch in die Runde wirft, da sind wir entsprechend konditioniert. Muss eigentlich was dran sein, wenn all die klugen Köpfe das so abnicken.

Aber warum eigentlich? Ich habe meterweise Bücher gelesen, wo die Lektüre Spaß gemacht hat. Bücher, die spannend waren, oft witzig, wo ich bestens unterhalten war und es nicht bereue, sie gelesen zu haben, wo ich die darauf verwendete Zeit gut angelegt finde. Bücher allerdings, von denen ich viele so bald nicht wieder lesen werde, wenn überhaupt je.

Bücher (und Filme), die wesentlich auf dem Spiel mit dem Unerwarteten beruhen, die mit überraschenden Wendungen und Doppeldeutigkeiten arbeiten, sind typische Kandidaten für nur einmaliges Lesen. Die funktionieren nämlich oft nicht mehr so gut, wenn man die Pointe schon kennt. Deshalb müssen sie aber nicht schlecht sein.

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