Anspruch und Wirklichkeit

Man bemüht sich vielerorts, diskriminierende Sprache zu vermeiden. Frauen sollen genauso wie Männer direkt angesprochen werden und nicht mehr einfach mitgemeint sein. Rassistische Ausdrücke werden offiziell nicht mehr verwendet (und gelegentlich sogar aus weitverbreiteten Kinderbüchern weltberühmter Autorinnen entfernt). Auch gegenüber anderen Personenkreisen bemüht man sich um eine respektvolle Sprache. Ausdrücke wie Krüppel und Idiot für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen sind zum Glück seit längerem aus dem normalen Sprachgebrauch verschwunden.

Über die Wörter behindert und Behinderung wird gestritten. Man versucht vielfach, sie zu vermeiden, aber ein ähnlich kurzer und einfach verwendbarer Ersatz hat sich bisher nicht durchgesetzt. In der Praxis kann das zu einem gewissen Durcheinander bei der Verwendung einschlägiger Begriffe führen, etwa bei der Bahn.

Die Bahn stellt an den meisten Bahnhöfen Hebebühnen bereit, mit denen Leute in den Zug gehoben werden, die sonst die Stufen nicht überwinden könnten. Offiziell heißen die Geräte Rollstuhl-Lift, umgangssprachlich Den Rest des Beitrags lesen »

Werbeanzeigen

Kinderbücher und Gerechtigkeit

Derzeit wird viel über die Bereinigung von Kinderbüchern diskutiert. Mehrere Verlage entfernen Wörter wie Negerkönig, Negerlein u.ä. aus ein paar bekannten Kinderbüchern, etwa Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren oder Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Alle möglichen Leute sprechen sich strikt dagegen aus, beklagen eine angebliche Gesinnungsdiktatur der politisch Korrekten, barmen über den Verlust der Erinnerung durch Verstümmelung klassischer Texte und sehen überhaupt nicht ein, wieso jemand sich von rassistischen Ausdrücken herabgewürdigt oder beleidigt fühlen kann, wo diese Ausdrücke doch in den betreffenden Kinderbüchern sicher nicht in böser Absicht verwendet werden. Oder sie sehen es, halten es aber für irrelevant und argumentieren es aus dem Weg. Überhaupt finden sich in den Diskussionen erstaunlich oft Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, wie sie in Derailing for Dummies beschrieben sind. Ich finde das beunruhigend.

Dabei zwingt, wie Andrej Reisin in Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus schreibt, die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern die Eltern nicht biodeutscher Kinder immer wieder in schwierige Identitätsdiskussionen mit ihren Kindern und vermiest ihnen das Vorleseerlebnis, das „normale“ deutsche Kinder in Ruhe und Geborgenheit genießen können. Dass rassistische Wörter in Kinderbüchern damit in den geschützten Raum der Familie eindringen und tief in das Gefühlsleben von Menschen eingreifen, will aber vielen nicht in den Kopf. Dass Generationen von Kindern mit den unredigierten Texten aufgewachsen sind („Hat uns doch auch nicht geschadet, sind ja auch keine Rassisten deswegen“) ist dabei irrelevant. Ein erkanntes Übel ist nicht deshalb unschädlich, weil es lange unerkannt blieb oder ignoriert wurde.

Trotzdem werden die Auswirkungen von rassistischem Wortgut immer wieder beiseitegewischt. Das könne doch so schlimm nicht sein und stelle überhaupt eine wertvolle Gelegenheit dar, sich mit der Geschichte der betreffenden Wörter oder dem gesellschaftlichen Klima zur Zeit der Entstehung dieser Bücher zu beschäftigen. Das sei doch auch sehr sinnvoll. Dabei haben die meisten dieser Kämpfer gegen die vermeintliche Zensur Diskriminierung wahrscheinlich nie am eigenen Leib erfahren. Sie können deshalb gar nicht Den Rest des Beitrags lesen »