Welches Boot?

Ich denke manchmal an Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda oder Mölln in den frühen 90er Jahren zurück, wo die kurz zuvor wiedervereinte, hm, gesunde Volksgemeinschaft den ganzen angeblich asylmissbrauchenden Schmarotzern aus aller Welt unmissverständlich klar gemacht hat, wie willkommen sie hier wirklich sind. „Die da oben“ haben geflissentlich zur Kenntnis genommen, wo der Hammer hängt und in der Folge das Asylrecht so stark eingeschränkt, dass man eigentlich kaum noch von einem Recht auf Asyl sprechen kann. Oder, besser gesagt, sie haben die Zugangsbedingungen zum Asylverfahren so umgebaut, dass viele gar nicht erst soweit kommen, einen Asylantrag stellen zu können, ohne vorher alle möglichen Regeln und Gesetze zu brechen und deswegen gleich wieder außer Landes gebracht zu werden.

Denen, die es dann doch ins Asylverfahren geschafft haben, zeigen auch die zuständigen Behörden immer wieder mit verschiedenen Methoden, wie sehr man sie als Menschen schätzt. Oft gibt man ihnen statt Geld Lebensmittelpakete, in denen, nun ja, eben deutsche Lebensmittel sind. Deutsche Wurst etwa und alles mögliche, mit denen Leute aus sonstwo nicht so viel anfangen können, sei es weil sie als Muslime kein Schwein essen, sei es weil sie eine ganz andere Ernährungsweise gewöhnt sind. Drei Viertel der Weltbevölkerung leiden etwa an einer Laktoseintoleranz, weshalb sie viele Milchprodukte nicht vertragen. Das betrifft hauptsächlich Leute aus Südamerika, Afrika und Asien. Sollte man wissen, wenn man als nicht betroffener Europäer Lebensmittelpakete für afrikanische oder asiatische Asylbewerber zusammenstellt. Aber man gängelt sie lieber, statt sie als erwachsene Menschen ihre Lebensmittel selbst kaufen zu lassen.

Dann ist da das Problem mit der praktisch nicht vorhandenen medizinischen Betreuung. Oft gibt es nur Notfallversorgung, wer keine handfesten Schmerzen hat, braucht es gar nicht erst beim Arzt zu versuchen (manche Mediziner behandeln sie dann unentgeltlich, weil sie das Elend nicht mitansehen können), von prophylaktischen Maßnahmen (Kinderzähne!) ganz zu schweigen.

Auch dass viele Flüchtlinge schwer traumatisiert hier ankommen, und zwar zumindest teilweise aufgrund der europäischen und deutschen Asylpolitik, die den Schleppern um das Mittelmeer in die Hände spielt, wird gern ignoriert. Viele dieser Flüchtlinge bräuchten wenigstens ein Mindestmaß an fachkundiger Betreuung, damit sie überhaupt eine Chance haben, sich hier einzupassen und nicht völlig vor die Hunde zu gehen.

Nun glauben viele auch im Jahr 2015 noch, dass so ein Trauma Pipifax ist, die Leute sich einfach nicht so anstellen sollen und man diesen Psychokram nicht überbewerten solllte (eine Meinung, die übrigens auch Mediziner vertreten!), und wer sich in psychologische oder psychiatrische Behandlung begibt, wird in der Folge oft stigmatisiert, entweder als verrückt oder als Schmarotzer, der sich auf Kosten der hart arbeitenden Allgemeinheit eine schöne Zeit macht. (Man sollte das mal jemandem mit gebrochenem Bein oder Krebs erzählen, da würde es sofort laut und ungemütlich. Aber psyschische Krankheiten sind natürlich nicht so schön einfach zu sehen, die lassen sich leichter als eingebildet abtun.)

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Der Wind geht allezeit über das Land

In rechtslastigen, rückwärtsgewandten, nationalchauvinistisch orientierten Kreisen wird immer mal wieder über Dinge wie den angeblichen Völkermord durch Überfremdung und Umvolkung gejammert, dem die armen Deutschen derzeit mal wieder zum Opfer fallen.

Überall türkische Gemüsehändler, vietnamesische Imbissbetreiber, italienische Eisverkäufer. Migranten aller Herren Länder drängen die bescheidenen Deutschen aus dem Geschäft, nehmen ihnen die Arbeit, die Wohnungen, die Kindergartenplätze und die Sozialleistungen weg. Die Zukunft natürlich auch. Dazu kommt noch jede Menge Unterwelt – albanische Zuhälter, rumänische Einbrecher, diverse Mafias, das Finanzjudentum, SIE, wer auch immer.

Aber der Ehrliche ist bekanntlich der Dumme, und der treuherzige deutsche Michel lässt sich das alles brav gefallen, bettelt geradezu nach mehr und merkt nicht, wie er an dem Ast sägt, auf dem wir alle sitzen. Nichtmal Neger oder Zigeuner darf man mehr sagen, während die als Flüchtlinge (Ha, Flüchtlinge, das sind doch in Wirklichkeit alles schmarotzende Faulpelze!) hier Den Rest des Beitrags lesen »


Kinderbücher und Gerechtigkeit

Derzeit wird viel über die Bereinigung von Kinderbüchern diskutiert. Mehrere Verlage entfernen Wörter wie Negerkönig, Negerlein u.ä. aus ein paar bekannten Kinderbüchern, etwa Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren oder Die kleine Hexe von Otfried Preußler.

Alle möglichen Leute sprechen sich strikt dagegen aus, beklagen eine angebliche Gesinnungsdiktatur der politisch Korrekten, barmen über den Verlust der Erinnerung durch Verstümmelung klassischer Texte und sehen überhaupt nicht ein, wieso jemand sich von rassistischen Ausdrücken herabgewürdigt oder beleidigt fühlen kann, wo diese Ausdrücke doch in den betreffenden Kinderbüchern sicher nicht in böser Absicht verwendet werden. Oder sie sehen es, halten es aber für irrelevant und argumentieren es aus dem Weg. Überhaupt finden sich in den Diskussionen erstaunlich oft Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, wie sie in Derailing for Dummies beschrieben sind. Ich finde das beunruhigend.

Dabei zwingt, wie Andrej Reisin in Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus schreibt, die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern die Eltern nicht biodeutscher Kinder immer wieder in schwierige Identitätsdiskussionen mit ihren Kindern und vermiest ihnen das Vorleseerlebnis, das „normale“ deutsche Kinder in Ruhe und Geborgenheit genießen können. Dass rassistische Wörter in Kinderbüchern damit in den geschützten Raum der Familie eindringen und tief in das Gefühlsleben von Menschen eingreifen, will aber vielen nicht in den Kopf. Dass Generationen von Kindern mit den unredigierten Texten aufgewachsen sind („Hat uns doch auch nicht geschadet, sind ja auch keine Rassisten deswegen“) ist dabei irrelevant. Ein erkanntes Übel ist nicht deshalb unschädlich, weil es lange unerkannt blieb oder ignoriert wurde.

Trotzdem werden die Auswirkungen von rassistischem Wortgut immer wieder beiseitegewischt. Das könne doch so schlimm nicht sein und stelle überhaupt eine wertvolle Gelegenheit dar, sich mit der Geschichte der betreffenden Wörter oder dem gesellschaftlichen Klima zur Zeit der Entstehung dieser Bücher zu beschäftigen. Das sei doch auch sehr sinnvoll. Dabei haben die meisten dieser Kämpfer gegen die vermeintliche Zensur Diskriminierung wahrscheinlich nie am eigenen Leib erfahren. Sie können deshalb gar nicht Den Rest des Beitrags lesen »


Vermischtes und Bier

Die Mär vom deutschen Herrenvolk ist irgendwie nicht totzukriegen. Der Gedanke hat anscheinend etwas Verlockendes – so mancher wäre wohl gern was Besseres. Rein und edel, mit dem besseren Erbgut ausgestattet, zum Herrschen bestimmt. Eine in Deutschland leider ziemlich virulente Subkultur lebt in oder von diesem Wahn und richtet damit ziemlich viel Schaden an.

Dabei sind die Deutschen ein eher bunt zusammengewürfelter Haufen auf westgermanischer Grundlage. Wie homogen diese Westgermanen als Volk so waren, weiß ich nicht. Sie (oder ihre Vorfahren) sind aber wohl wie der Rest der Menschheit zig Tausend Jahre lang in der Weltgeschichte herumgezogen Den Rest des Beitrags lesen »