Über der ewigen Ruhe

Anfang der 90er Jahre war ich zum ersten Mal in Moskau, in den Semesterferien, um meine Sprechfertigkeit ein wenig anzustoßen. Ein paar Tage vor meiner Abreise nach Moskau war der bis dahin festgeschriebene Wechselkurs freigegeben wurden, und statt vorher 3,50 DM für einen Rubel zu bezahlen, kriegte man für eine Mark plötzlich 6 bis 7 Rubel bei gleichbleibenden Rubelpreisen. Das entspricht einer gänzlich unerwarteten Ver-mehr-als-Zwanzigfachung der Kaufkraft. Schon mit dem alten Rubelkurs hätte ich mir bei im voraus bezahlter Vollpension nicht allzuviele Geldsorgen machen müssen für die paar Wochen, aber so war alles praktisch umsonst.

Ich habe das billige Geld natürlich ausgenutzt, einen Koffer voll Bücher gekauft, und einen Stapel Schallplatten. Damals noch ganz klassisch im staatlichen Melodija-Laden auf der Mjasnitskaja Uliza. Ein großer, ziemlich leerer Raum mit Theke und einer der damals in Russland üblichen Kassenkabinen. An der rückwärtigen Wand standen LP-Hüllen auf Sicht. Man konnte sich Plattencover zur Ansicht geben lassen und manchmal sogar Platten auflegen lassen, jedenfalls wenn nicht zuviel los war und das Personal den Nerv dazu hatte.

Ohne Internet, ohne irgendwelche Ahnung von der russischen Musikszene und ohne sonst irgendwelchen einheimischen Input Den Rest des Beitrags lesen »


Alex ist wieder da

Letztes Jahr hat die russische Staatsduma eine Ergänzung zum Gesetz “Zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihnen Schaden an Gesundheit und Entwicklung verursachen” verabschiedet hat, nach der Propaganda für “nichttraditionelle sexuelle Beziehungen” strafbar ist.

Die Auswirkungen dieses Gesetzes lassen sich mittlerweile gut beobachten. Es bilden sich überall im Land bürgerwehrartige Organisationen, deren Mitglieder aus Spaß, aus Sadismus, vielleicht auch aus Langeweile Schwule systematisch aufspüren, jagen, demütigen, verprügeln, vergewaltigen, totschlagen. Da mag manchmal sogar ein naives und tragisch fehlgeleitetes Bestreben mitschwingen, die Gesellschaft von schädlichen Elementen zu reinigen, ich weiß es nicht.

Dabei unternimmt der russische Staat gar nicht erst den Versuch, die unterstellten Schäden, die Homosexuelle bzw. deren „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ der Gesellschaft angeblich zufügen, mit rechtsstaatlichen Mitteln zu erfassen und zu ahnden. (Möglicherweise gibt es diese Schäden nämlich gar nicht, und mit der Rechtsstaatlichkeit war es in Russland noch nie besonders weit her.)

Stattdessen wird ganz offen der Selbstjustiz Vorschub geleistet, Den Rest des Beitrags lesen »


Brief an Coca-Cola

Wer die zunehmend schwierige Lage „nicht klassisch Heterosexueller“ in Russland nicht egal findet, wird sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen wollen. Ich finde es nicht akzeptabel, dass ein willkürlich ausgewählter Teil der Bevölkerung ohne irgendeinen auch nur im entferntesten stichhaltigen Grund de facto zu Menschen zweiter Klasse degradiert wird.

Direkte Einflussnahme auf den russischen Gesetzgeber und die russische Gesellschaft ist kaum möglich. Aber indirekt geht einiges. Man kann beispielsweise Den Rest des Beitrags lesen »


Lücken

Die neue Rechtslage in Russland könnte dazu führen, dass viele Schwule versuchen werden, Russland zu verlassen. Ob ihnen das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die EU-Länder ihnen Asyl als politisch Verfolgte gewähren. Ich bin kein Jurist, aber ich könnte mir vorstellen, dass durch das Gesetz die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Ich könnte jedenfalls jeden Schwulen verstehen, der Russland verlassen will, um den ständigen Anfeindungen zu entgehen und nicht ständig Angst um Leib und Leben haben zu müssen. Die Heimat zu verlassen muss schlimm sein – ich selbst etwa würde Deutschland nur sehr ungern dauerhaft verlassen – aber in der Heimat nicht in Frieden und Freiheit leben zu können, ist auch nicht besser. Man wählt das kleinere Übel, und diese Wahl ist für die meisten herzzerreißend.

Die Schwulen, die in Russland bleiben, werden durch das neue Gesetz praktisch in den Untergrund gezwungen. Wer sich nicht der „Propagande für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ schuldig machen will, kann in Russland heute nicht offen schwul leben. Wer es trotzdem versucht, lebt mit einem Bein im Gefängnis und mit dem anderen im Krankenhaus.

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Egal ob Schwule nun Russland in großer Zahl verlassen werden oder ob sie dort bleiben und abtauchen, beides wirft Probleme in Russland auf, bzw. es verschärft ein bestehendes Problem, das direkt aus der von allen möglichen Nationalisten und der orthodoxen Kirche nach Kräften angeheizten homophoben Stimmung in Russland entspringt und das von diesem unwürdigen und menschenverachtenden Gesetz weiter befeuert wird: Heranwachsende Schwule sind mehr als ohnehin schon auf sich gestellt. Dieses Problem ist nicht, wie man denken könnte, allein das Problem der unmittelbar betroffenen Schwulen, das zieht Kreise in die ganze Gesellschaft. Den Rest des Beitrags lesen »


Kinderschutz auf Russisch

Kürzlich ist in Russland ein Gesetz in Kraft getreten, das ein bereits bestehendes Gesetz „Zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihnen Schaden an Gesundheit und Entwicklung verursachen“ ergänzt. Dieser Ergänzung zufolge sind Kinder nicht nur vor pornographischen Inhalten zu schützen, sondern auch vor „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen“. Sämtliche Handlungen, die irgendwie als Propaganda für egal welche Formen „nichttraditioneller sexueller Beziehungen“ gewertet werden können, sind jetzt bei empfindlichen Geldstrafen verboten.

Auch wenn Apologeten des russischen Vorgehens gern betonen, Homosexualität (und Bi- und Transsexualität) selbst seien ja deshalb nicht verboten und es könne darum auch keine Rede von Diskriminierung sein, macht diese Gesetzesänderung das Leben für nicht traditionell heterosexuelle Menschen in Russland schwieriger und gefährlicher, vor allem wohl für Homosexuelle. (Es ist schwierig, sich da lesbar und gleichzeitig korrekt auszudrücken. Das Gesetz trifft alle „nicht traditionellen sexuellen Beziehungen“, beschränkt sich also ausdrücklich nicht auf Homosexuelle, obwohl diese wohl Hauptzielgruppe sind und de facto den meisten Ärger kriegen). Es fällt mir schwer, dahinter keine Absicht zu sehen.

De facto vogelfrei

Als offen Homosexueller muss man in Russland schon jetzt damit rechnen, auf der Straße beschimpft, tätlich angegriffen und zusammengeschlagen zu werden. Man muss auch damit rechnen, dass niemand eingreift. Sogar die Polizei schaut weg, oder gelegentlich schaut sie auch nicht weg, greift aber nicht ein. Den Rest des Beitrags lesen »


Großer Sieg für die Demokratur

Am Sonntag war in Russland Wahl. Wie erwartet hat Wladimir Putin sich mit großer Mehrheit wieder zum Präsidenten wählen lassen. Die Russische Föderation hat also ihren Präsidenten wieder, und die westlichen Regierungschefs gratulieren dem lupenreinen Demokraten artig zur Wiederwahl oder wünschen ihm wenigstens Erfolg. Russland ist immerhin ein wichtiger Verbündeter und strategischer Partner. Da schaut man lieber nicht so genau hin, um Irritationen zu vermeiden.

Das hat sich schon im Umgang mit China, Saudi-Arabien, Mubaraks Ägypten, Gaddafis Libyen und anderen Ländern bewährt. Die sind alle recht empfindlich, wenn es um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte geht. Immerhin lässt Angela Merkel ihren Regierungssprecher ein paar vorsichtige Worte in Richtung von “freie und faire Wahlen wären aber auch ganz schön gewesen, da müsste man noch dran arbeiten” äußern.

So ganz sauber waren die Wahlen in Russland wohl wirklich nicht. Russische und ausländische Beobachter der Wahl Den Rest des Beitrags lesen »