Formeln, Komplexe, Technologien, Systeme

Körperpflege- und Kosmetikprodukte bevölkern eine ganz eigene Welt. Ihre Vermarktung ist eine besonders ergiebige Spielwiese für Wortschöpfer und Augenwischer. Was da so auf den Etiketten landet ist oft skurril.

Neulich ist mir aufgefallen, dass praktisch auf allen im Haushalt vorhandenen Gebinden mit irgendwelchen Formeln, Komplexen oder Systemen geprahlt wird, habe ich einen kurzen, völlig unsystematischen Streifzug durch zwei Drogeriemärkte gemacht und haufenweise Material geerntet. Bei sorgfältigerem Abgrasen der Regale hätte ich sicher noch ein paar interessante Funde gemacht, aber für den Anfang reicht es wohl auch so. (Außerdem wird man irgendwann schräg angeschaut, wenn man mit der Kamera durch die Gänge läuft und Produkte abfotografiert, darum habe ich die Aktion nicht allzusehr in die Länge ziehen wollen.)

Fangen wir mit Formeln an. Damit scheint übrigens nicht die nach bestimmten Regeln verdichtet dargestellte Information zur Zusammensetzung oder zum chemischen Aufbau bestimmter Inhaltsstoffe gemeint zu sein, sondern der betreffende Inhaltsstoff (oder die jeweilige, sagen wir, chemische Baugruppe) selbst. Jedenfalls kann man Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

Fernmündlich

Das klassische Festnetztelefon, das ab dem späten 19. Jahrhundert verwendet wurde, übertrug Geräusche in einem Frequenzband von 300 bis 3400 Hertz. Man hätte auch höhere Frequenzen übertragen können, das wäre aber wohl aufwändiger und damit teurer geworden. Also hat man es bei dem genannten Frequenzband belassen. Immerhin liegen die für die Verständlichkeit der Vokale wichtigen Formanten alle innerhalb dieses Frequenzbandes, theoretisch waren die akustischen Voraussetzungen für flüssige Kommunikation am Telefon also gegeben.

In der Praxis war das aber nicht so. Die bis mindestens in die 80er Jahre in Deutschland üblichen Telefone waren von der Klanqualität nicht eben überragend. Die Leitungen waren auch oft nicht so besonders gut. Je nachdem, von wo oder wohin man telefonierte, konnte es schon rauschen, knistern, pfeifen oder knattern in der Leitung, manchmal hörte man auch ein fremdes Gespräch leise mit, wenn irgendwo eine Isolierung nicht funktionierte, Feuchtigkeit eingedrungen war oder was weiß ich. Aber auch bei normalguten Verbindungen konnte man leicht s und f verwechseln, oder k, p und t. Außerdem waren die Hörer oft ziemlich leise (und nicht einstellbar), und viele Leute hatten Probleme, am Telefon alles richtig zu hören.

Diese widrigen Umstände haben zu gewissen Anpassungserscheinungen geführt – viele Leute sprechen bis heute am Telefon besonders laut und oft auch deutlich langsamer als normal.

Nun dürften Telefone heutzutage in aller Regel Den Rest des Beitrags lesen »


Ausgänge, Ereignisse, Erfolge

Das lateinische Verb succedere hat mehrere Bedeutungen. Eine davon ist vonstattengehen, gelingen, glücken. Dazu gibt es das lateinische Substantiv successus – Erfolg. Daher stammt auch das englische success – Erfolg. Dieses Wort gibt es auch im Spanischen: suceso, das hat aber die Bedeutung Ereignis, Geschehnis, Vorfall.

Diese Bedeutung leitet sich ebenfalls aus dem Lateinischen successus ab, nur ist hier das Vonstattengehen in den Mittelpunkt gerückt, während sich im Englischen das Gelingen als zentrale Bedeutungskomponente erhalten hat.

Erfolg gibt es natürlich auch auf Spanisch, heißt éxito. Das stammt vom Lateinischen exitus, – das Hinausgehen, Ausgang, Ablauf, Lebensende, Schicksal, Resultat, Erfolg, hängt zusammen mit dem Verb exigere – (u.a.) vergehen, ablaufen, zu Ende gehen. Im Spanischen hat sich v.a. die Bedeutung glücklicher Ausgang, Erfolg erhalten, im Englischen exit eher das Lebensende und der Ausgang (im Gegensatz zum Eingang).

Das illustriert in meinen Augen sehr schön, dass Lateinkenntnisse beim Fremdsprachenlernen nur sehr bedingt von Vorteil sind. Latein hilft nicht einmal wirklich beim Erlernen romanischer Sprachen, genausowenig beim Englischen, dessen Wortschatz etwa zu einem Drittel lateinischen/romanischen Ursprungs ist. Zu wissen, dass success, suceso, exit und éxito Den Rest des Beitrags lesen »


Reime

Reime, die nur im Norddeutschen funktionieren und im südlichen Teil des deutschen Sprachraums meist eher Unverständnis auslösen:

Billig will ich [Billich – willich]

Buch macht klug [Buch macht kluuch]

Bremen erleben [Brehm erlehm]

Ähnlich kann man als Exilnorddeutscher Verwirrung stiften, wenn man von Hefeteich spricht oder Fluchhäfen erwähnt. Tja, ist schon nicht leicht, so in der Fremde…


Freinacht

Eine Sache, die ich an der deutschen Sprache manchmal nützlich und durchaus liebenswert finde und die mir trotzdem ganz oft erheblich auf die Nerven geht, ist das Maß an pedantischer, gestelzter Überpräzision, das man mit etwas Übung erreichen kann. Obwohl, was mir auf die Nerven geht ist eher das Maß an pedantischer, gestelzter Überpräzision, das viel zu viele Leute zu erreichen versuchen, wo es gar nicht nötig ist. Oder das sie nicht erreichen, wo es eigentlich sinnvoll und nötig wäre.

Juristendeutsch ist eine beliebte Spielart dieser Disziplin. (Dort ist es mit der Präzision oft gar nicht so weit her, wenn man sich das Hickhack um ziemlich viele neue Gesetze so anschaut, wo sich dann – wie etwa beim sogenannten Leistungsschutzrecht – vorher kaum jemand sich festlegen mag, wie es denn nun wirklich wirken wird und wo es danach erstmal lange Rechtsstreitigkeiten um die Auslegung gibt, wenn nicht sowieso Verfassungswidrigkeit festgestellt wird. Ob das ein primär sprachliches Problem ist, lasse ich mal dahingestellt sein, es passt mir nur grad so schön hierher.)

Behörden spielen das Spiel in ihrer eigenen Liga, und gut ausgebildete Verwaltungfachangestellte oder -wirte kann man als Laie auf dem Gebiet kaum je schlagen.

Ich bin vor kurzem auf den Begriff Freinacht gestoßen. Mir als Preuße war das nicht geläufig, deshalb habe ich mich bei Wikipedia schlaugemacht. Dort heißt es, Den Rest des Beitrags lesen »


Wörter

Vor Jahren hatte ich aus einem längst vergessenen Anlass angefangen, eine Liste mit Wörtern zusammenzustellen, die ich nicht mag. Und dazu eine mit Wörtern, die ich mag. Seitdem haben diese unvollendeten Listen halbvergessen auf meiner Festplatte gelegen und elektronischen Speicherstaub gesammelt, bis Onkel Michael Ende vergangenen Jahres seinen genau gleich überschriebenen Artikel über genau solche Wörter gebracht hat.

Ich nehme das zum Anlass, meine beiden (jetzt noch schnell Den Rest des Beitrags lesen »


Wo hochfrequent Öffentlichkeit passiert

Standarddeutsch (umgangssprachlich: Hochdeutsch) ist eine halbkünstliche Sprache. Anders als Italienisch, (Aristobulus hat recht, s.u.) Französisch oder Spanisch ist es nicht die zur Amtssprache beförderte Sprache der Hauptstadt(region), sondern eine Art zunächst für die Schriftlichkeit geschaffene Ausgleichssprache. Luthers Bibelübersetzung wird als Meilenstein in der Entstehung des Standarddeutschen angeführt, und deshalb ist es sicher kein Zufall, dass die von Luther mitgeprägte Sprache stark von ostober- und ostmitteldeutschen Elementen geprägt ist und gewisse Anlehnungen an die sächsische Kanzleisprache aufweist.

Jedenfalls gibt es keine Gegend, in der ursprünglich Hochdeutsch gesprochen wird, es ist überall mehr oder weniger fremd. An dem Ort, wo man angeblich das beste Hochdeutsch spricht (Hannover), spricht man in Wirklichkeit Dialekt, oder vielmehr spricht man das Hochdeutsche so aus, wie man vorher Niederdeutsch gesprochen hat. Und das bis ins frühe 20. Jahrhundert als bestes Hochdeutsch geltende Prager Deutsch war ebenfalls eine künstliche Ausgleichssprache, die aus politischen Gründen entstand und Verbreitung fand (näheres hier). Beide besten Hochdeutsche wurden ironischerweise von Leuten geprägt, die ursprünglich keine hochdeutschen Muttersprachler waren.

Aber egal wo es herkommt und warum es sich verbreitet hat, Hochdeutsch ist seit langem das Vehikel für Gesetze, Verordnungen und offizielle Verlautbarungen aller Art; es ist im Rundfunk, in Behörden und vielfach im Alltag gebräuchlich und wird überall im deutschsprachigen Raum (mehr oder weniger) verstanden. Es eignet sich gut zum Den Rest des Beitrags lesen »


Integration

Neulich in einem großen Elektronik-Markt. Zwei Kassiererinnen unterhalten sich auf Russisch, während sie ziemlich zügig die Kundenschlange abarbeiten. Sie sprechen über irgendwelche Standardsituationen in ihrem Team, wo es immer wieder Reibereien zu geben scheint.

Das Gespräch plätschert eine Weile vor sich hin: Dann sagt der x das, und der y hält dagegen, und dann meint der x wieder usw. Dann fällt der folgende Satz: А Марина всегда ауфрег…уется… (A Marína wsegdá aufrég…uetsja… – Marina regt sich immer auf…)

Wir haben also eine Konversation in russischer Sprache, in der ein deutsches Verb in russischer Flexion vorkommt. Sogar Den Rest des Beitrags lesen »


Zauberwörter

Manchmal werden Wörter aus ihrer ursprünglichen Wortart in andere Wortarten verpflanzt und sind dann mit gleichem Aussehen und Klang parallel in mehreren Wortarten vertreten. Das kommt vor allem im Englischen häufig vor, und dort treibt es manchmal kuriose Blüten, etwa to adhocimprovisieren oder to gaslight – jemanden durch psychologische Spielchen verunsichern und verrückt machen (Definition).

Auf Deutsch geht das nicht ganz so leicht, ist aber grundsätzlich auch möglich. Zaubern etwa muss kein Verb sein, es kann auch Den Rest des Beitrags lesen »


Entledigt

Pastoren, Motivationstrainer, Esoterikschwurbler u.ä. flechten immer wieder gern pseudo-etymologische Anmerkungen in ihre Ausführungen ein, wohl um bestimmte Aussagen gewichtiger erscheinen zu lassen.

Da werden Alltagswörter in ihre Bestandteile zerlegt, um die Bedeutung dieser Bausteine herauszustellen. Ent-Schuld-igen etwa, weil die Schuld weggenommen wird. Er-fahren, wenn es um durch Fahren/Reisen gewonnene Kenntnisse geht. Nach-denken entweder, weil man einer Sache „hinterherdenken“ soll, einen anspruchsvollen Gedankengang nachvollziehen. Oder weil nach dem Denken das Tun kommen soll, nach-denken wird dann also in der Bedeutung tun oder das Erkannte anwenden, umsetzen, verwirklichen verwendet.

Gern spielen sie auch mit der Herkunft oder der „ursprünglichen“, „eigentlichen“, mithin „echten“ Bedeutung von Wörtern. Kunst kommt von können. Weihnacht bedeutet Den Rest des Beitrags lesen »