Falscher Eindruck

Vor ein paar Jahren musste ich mal spät abends mit meiner Tochter ins Krankenhaus. Sie hatte samstagnachts plötzlich starke Schmerzen im Ohr, und – Nurofensaft hin oder her – da wollten wir sicherheitshalber einen Fachmann draufschauen lassen. Ich also meine damals Vierjährige mit erheblichen Schmerzen kurz vor Mitternacht ins Auto gepackt, zur Kindernotaufnahme gefahren, dort eine ganze Weile gewartet, drangekommen und irgendwann deutlich nach 1 Uhr mit einem Rezept für ein Medikament wieder rausgekommen.

Die nächste Apotheke mit Nachtdienst war am anderen Ende der Stadt, an einer ziemlich großen Kreuzung, wo damals seit Monaten eine große Baustelle war. Die ganze Kreuzung wurde grundlegend umgebaut, die beiden Straßenbahnhaltestellen verlegt und neu konzipiert, und wohl noch ein paar Sachen drumherum gleich mit aktualisiert.

An dem Ende der Stadt Weiterlesen „Falscher Eindruck“

Zusammenhänge

Neulich ist mir in der Straßenbahn ein Hinweis aufgefallen:

Gut festhalten – Gut ankommen!

Bahnen haben einen doppelt so langen Bremsweg wie Autos.
Bitte halten Sie sich gut fest und achten Sie auf Ihre Mitfahrer.

Es folgen noch ein paar Zeilen Text: Wir befördern mit Bussen und Bahnen täglich viele Leute sicher ans Ziel. Busse und Bahnen sind aber normale Verkehrsteilnehmer und müssen manchmal scharf bremsen. Damit dabei nichts passiert, sollten die Fahrgäste Weiterlesen „Zusammenhänge“

Die Lösung

Seit vielen Jahren treiben viele Industrieländer auf den Verkehrsinfarkt zu. Deutschland ist da als dicht besiedeltes Transitland ganz vorn mit dabei. Die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge steigt ständig, und die Folgen sind nicht so schön: Dreck und Lärm auf dauernd staugeplagten Autobahnen und in immer verstopfteren Städten. Mittlerweile ist immer überall alles vollgeparkt. Bürgersteige, Radwege und Einfahrten werden gewohnheitsmäßig als Kurzparkplätze zweckentfremdet. Der vorgeschriebene 5-m-Abstand zu Kreuzungen wird zumindest in Wohngebieten auch immer häufiger ignoriert, Parken in zweiter Reihe ist mancherorts auch praktisch üblich.

Immer mehr Kraftfahrzeuge benötigen immer mehr Platz. In der Folge asphaltieren wir immer mehr Land zu und stellen Autos drauf ab, die im Schnitt 23 Stunden pro Tag ungenutzt herumstehen und die übrige Stunde Weiterlesen „Die Lösung“

Abrupt

Straßenbahnschienen auf dem Casinoplatz zu Bern. Hören einfach so auf, völlig unvermittelt. Ein paar Meter vor Ende zwei weiße Striche von Hand zwischen die Schienen geschludert. Kein Signal, kein Schild, kein Überfahrschalter, kein Puffer, nichts. Mitten in der Stadt, praktisch direkt vorm Bundeshaus, nicht auf irgendeinem abgelegenen Rangiergelände im Nirgendwo.

Und es ist nicht so, als sei da generell Schluss. Nebendran läuft noch ein paar Schienen dran vorbei in Richtung Theaterplatz auf der einen und Kirchenfeldbrücke auf der anderen Seite.

In der Schweiz Weiterlesen „Abrupt“

Momente

Es gibt Momente, da steht man mit großen Augen und heruntergeklapptem Unterkiefer da und ist sich nicht ganz sicher, ob die Welt noch gerade hängt.

Neulich zum Beispiel. Ich bin zu Fuß in der Stadt unterwegs und stehe an einer Fußgängerampel an einer stattlichen und normalerweise recht vielbefahrenen Straße – zwei Fahrspuren in jeder Richtung, in der Mitte ein Grünstreifen mit Straßenbahnschienen. Es ist Samstagnachmittag und vergleichsweise wenig Verkehr. Gegenüber mündet eine schmale Wohnstraße ein. Von dort kann man über die Straßenbahnschienen fahren und nach links abbiegen.

moment_motorrad

Vielleicht fünfzig, sechzig Meter vor der Einmündung steht ein Motorradfahrer [1] mit laufendem Motor am Straßenrand, drückt auf ein paar Knöpfen rum, spielt am Gas, fährt langsam los in Richtung Kreuzung. Nach ein paar Metern reißt er plötzlich das Gas auf. Gerade, dass das Vorderrad nicht in die Luft steigt, kommt er auf die Kreuzung zugeprescht. Er hat rot, hält aber voll drauf.

Kurz vor dem Haltebalken [2] Weiterlesen „Momente“

Grün auf Anforderung

An Ampeln kann man immer wieder kuriose Beobachtungen machen. Da gibt es etwa die ungeduldigen Autofahrer, die die ganzen 90 Sekunden ihrer Rotphase über ständig mit dem Gas spielen. Wenn mehrere solche Gesellen gleichzeitig an einer Ampel stehen, kann die Geräuschkulisse stark an ein Formel-1-Feld kurz vor dem Start erinnern. Wenn die Ampel dann grün wird und jemand in der ersten Reihe nicht schnell genug über die Linie sprintet, wird gern gehupt.

Die Zeit zwischen Umspringen der Ampel und dem ersten Hupton ist übrigens als New York Minute definiert, und die ist sehr, sehr kurz. Es reicht den Hupenden auch fast nie, die Hupe kurz anzutippen, etwa ein kurzes Morse-i (also zwei kurze Töne) zu hupen, um den als zu reaktionsträge empfundenen Vordermann auf die geänderten Ampelfarben aufmerksam zu machen. Nein, es wird breit und fett sekundenlang gehupt, um dem dämlichen Lahmarsch da vorne richtig deutlich zu machen, dass wegen seiner unbegreiflichen Trägheit die Leute hinter ihm Probleme mit dem Blutdruck kriegen. An der Ampel nicht schnell genug wegzukommen wird von den dahinter Stehenden gern als persönliche Beleidigung verstanden und per Hupe auch so kommuniziert. Ungeduld scheint bei Autofahrern zur Grundausstattung zu gehören.

Bei Fahrradfahrern auch. Die leben ihre Ungeduld oftmals ganz ungeniert aus und ignorieren rote Ampeln gleich völlig. Bevor jemand reagieren kann, sind sie meist schon verschwunden. Bei Fußgängern ist das Bild gemischt. Wo es geht, laufen viele bei Rot über die Straße, anderswo warten sie aber erstaunlich lange. Heute morgen etwa an der Ampel, für die ich mir den Zebrastreifen 2.0 ausgedacht hatte. Weiterlesen „Grün auf Anforderung“

Männer am Steuer

Vor kurzem hat ein Kollege über die hakelige Gangschaltung eines Mietwagens geklagt, und da ist mir ein Erlebnis aus den mittleren 80er Jahren eingefallen. Ein Bekannter – ältester Sohn von Freunden meiner Eltern, an die zehn Jahre älter als ich – beschwerte sich über sein Auto.

Als echter Mann und guter Deutscher bildete er sich direkt ab Bestehen der Führerscheinprüfung einiges auf seine selbstverständlich überdurchschnittlichen Fahrkünste ein. Er war einer der unzähligen „einzigen gescheiten Fahrer unter lauter hirnamputierten Vollidioten“ auf deutschen Straßen (und ich bin sicher, dass dieses Phänomen nicht nur hierzulande zu beobachten ist). Und als besonders hochkarätiger Spitzenklassefahrer hatte er natürlich nicht irgendein profanes Spießerauto.

Er fuhr vielmehr etwas Sportliches aus Italien, Lancia glaube ich, vielleicht auch Alfa Romeo, das weiß ich so genau nicht mehr. Eine kleine Rakete jedenfalls, ähnlich motorisiert wie Golf GTI oder Audi quattro, die sich aber mit ihrem mediterran-heißblütigen Charme und den eleganten Linien natürlich in ganz anderen ästhetischen Sphären bewegte. Man sollte sich zur Illustration hier wahrscheinlich noch ein paar erhebende Zeilen mit Stichwörtern wie Herz, Emotionen, Bella Macchina u.ä. aus einer Autozeitschrift dazudenken.

Nun trat der Mann wirklich nicht wie ein ästhetisch ambitionierter Feingeist auf, sondern eher wie ein grober Klotz, dem es immer wieder gelang, Leute mühelos vor den Kopf zu stoßen. Er fuhr seinen Hobel mit dem erklärten Ziel, möglichst vielen Spießern (also allen anderen Verkehrsteilnehmern) seine Auspuffrohre zu zeigen. Dazu muss man natürlich Weiterlesen „Männer am Steuer“

Kurzsichtigkeit am Steuer

Dass viele Leute nicht besonders geschickt im Ein- und Ausparken sind, ist wohl keine Neuigkeit. Natürlich ist jeder, mit dem man drüber spricht, der beste Autofahrer des Landes (ich eingeschlossen!). Handwerklich schlecht fahren immer nur die anderen, das ist allgemein bekannt.

Manche können also nicht so gut ein- und ausparken. Enge, unübersichtliche und überfüllte Parkplätze machen es nicht eben besser. Wenn dann noch Dunkelheit, schlechtes Wetter und krakeelende Suffköppe dazukommen, die zwischen den Autos herumkaspern, kann das schonmal zu erheblichem Stress führen, und Stress macht Leute oftmals ungeschickt und fahrig. Wenn mehrere dieser Umstände zusammentreffen, sind das keine guten Voraussetzungen für filigranes Parkplatzmenuett.

Dass nicht wenige beim Autofahren jeden Zentimeter Platz ausnutzen, um vorwärts zu kommen, ist auch kein Geheimnis. Zwar geht es auf Deutschlands Straßen meistens deutlich ordentlicher zu als etwa im russischen Straßenverkehr. Dort Weiterlesen „Kurzsichtigkeit am Steuer“