Lasst die Leute reden

Die Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache sind aufgerufen, den Sprachpanscher des Jahres 2013 zu küren. Nominiert sind dieses Jahr der Bundesminister der Finanzen, Wolfgang Schäuble, der Duden, die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, der Spielzeughersteller Playmobil und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider.

Das Muster, dem die Auswahl der Kandidaten folgt, hat Anatol Stefanowitsch im Sprachlog kurz skizziert, dazu muss ich gar nichts mehr schreiben. Die Nominierung des Dudens hat Erbloggtes in einer sehr erhellenden Meditation abgehandelt, dem habe ich auch nichts hinzuzufügen. Andrea Nahles, Playmobil und Nikolaus Schneider interessieren mich jetzt weniger. Ich hoffe nur, die lassen sich von der Wortschatzpolizei nicht ins Bockshorn jagen. Die Bundesagentur für Arbeit hat vor zwei Jahren vorgemacht, wie das geht, und das Beispiel sollte Schule machen.

Deutsch abschaffen mit Wolfgang Schäuble?

Interessant finde ich die Nominierung von Wolfgang Schäuble. Der, so heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung des VDS, mache mit seinen unbeholfenen Exkursionen ins Englische seit Jahren den Übersetzern (nicht den Dolmetschern?) in Brüssel Konkurrenz und falle damit allen Versuchen in den Rücken, Deutsch als echte Arbeitssprache in der EU zu verankern. Außerdem habe Schäuble einmal vorgeschlagen, bei den Sitzungen des Europäischen Rates in Brüssel die Dolmetscher (na bitte, geht doch!) und die deutsche Sprache zugunsten eines allgemeinen Englisch-Gebotes wegzulassen. Soweit der VDS.

Nachdem der Versuch, Deutsch als Nationalsprache ins Grundgesetz schreiben zu lassen, trotz lautstarker Unterstützung einer großen deutschen Boulevardzeitung vor zwei Jahren im Sande verlaufen ist, träumt man beim VDS jetzt anscheinend davon, das Deutsche in der EU ein bisschen höher hängen zu können. Und da kommt dieser Schäuble und hintertreibt das einfach so. Dass der sich nicht schämt! Genscher konnte dem Vernehmen nach immerhin gut Englisch, hat in offiziellen Gesprächen mit Anderssprachigen aber grundsätzlich nur durch Dolmetscher gesprochen. Der wusste noch, was sich gehört. Aber die jungen Hüpfer haben da kein Gespür mehr für.

Deutsch als EU-Arbeitssprache

Wenn der VDS das mit Deutsch als echter Arbeitssprache der EU ernst meint, sollte er vielleicht komplementär zum Sprachpanscher des Jahres einen Orden für Verdienste um die Bewahrung und Verbreitung der Deutschen Sprache stiften. Den könnte man nach den Gründungsvätern der Deutschen Philologie etwa Goldener Grimm nennen. Für den wäre qualifiziert, wer das Ansehen oder den Gebrauch der deutschen Sprache im In- oder Ausland fördert. Eine Millionenspende an das Goethe-Institut etwa könnte für eine Nominierung ausreichen. Oder öffentlichkeitswirksames Motzen über dumme Anglizismen. Oder eben alles, was zum Beispiel in EU-Institutionen den Wunsch weckt oder verstärkt, Deutsch dort als „echte Arbeitssprache“ zu etablieren.

Und da kommt Wolfgang Schäuble wieder ins Spiel. Der hat sich mit dem Vorschlag eines allgemeinen Englisch-Gebotes natürlich ganz klar disqualifiziert (er kriegt dafür bestimmt das britische Pendant zum Sprachpanscher des Jahres verliehen, weil sein Vorschlag bei Umsetzung die Qualität des in EU-Institutionen gesprochenen Englisch sicher merklich verschlechtern würde). Aber das deutschfördernde Element seiner unbeholfenen Exkursionen ins Englische ist den Herrschaften vom VDS offensichtlich völlig entgangen.

Was passiert nämlich, wenn die Mitglieder von EU-Gremien mit jemandem zusammenarbeiten müssen, der sich unbeholfen und mühsam durch englischsprachige Texte und Diskussionen quält? Sowas strengt an, nervt, erregt unter Umständen Mitleid. Solche aufgrund sprachlichem Unvermögens mühsamen Diskussionen kosten Zeit, verursachen Verständnisprobleme und führen schlimmstenfalls zu fehlerhaften Schriftsätzen, Beschlussvorlagen oder Gesetzestexten.

Die Arbeit wird für alle Beteiligten insgesamt zäher und anstrengender. Das möchte man dann ändern oder gleich vermeiden, und wie geht das? Richtig, lasst die Person ihre Muttersprache sprechen, in diesem Fall also Deutsch. Das wird sie ja können. Und weil die EU-Kollegen mehrheitlich nicht Deutsch sprechen, holt man eben eine Dolmetscherin dazu und ist damit der Etablierung des Deutschen als „echte Arbeitssprache“ ein bisschen näher gerückt. Und das müsste doch ganz im Sinne des VDS sein.

Mehr Deutsch mit Günther Oettinger?

Wenn nun Wolfgang Schäuble für die Auszeichnung mit dem Goldenen Grimm nicht in Frage kommt, könnte man alternativ Günther Oettinger nominieren. Der Mann hat nämlich durch seine unbeholfenen Exkursionen ins Englische die Sprachmittler in Brüssel immer wieder an ihre Grenzen gebracht und die Zuhörer zur Verzweiflung. Das ist doch ein hervorragendes und überzeugendes Plädoyer für eine stärkere Gewichtung der deutschen Sprache in den EU-Gremien. Wer das mal gehört hat, muss doch alles dafür tun wollen, dass das nicht wieder passiert. Etwa dadurch, dass man solche Englischquäler dort also weiter (oder wieder) Deutsch sprechen lässt.

Da hätte der VDS endlich mal die Gelegenheit, Leistungen zur Reinhaltung der deutschen Sprache zu würdigen, Beiträge zur Rettung der deutschen Sprache vor dem wohl als unmittelbar bevorstehend gesehenen Aussterben zu honorieren oder Beispielen für die zukunftsweisende Verwendung der bildungsbürgerlichen Sprache des mittleren 20. Jahrhunderts eine Bühne zu bieten. Das wäre doch endlich mal was Positives statt dem ewigen Gemotze. Aber Meckern ist natürlich einfacher.

gnaddrig trotzt

Und wenn ich die Pressemitteilung des VDS lese, juckt es mich direkt, jetzt erst recht alle diese dummen Anglizismenneuen Wörter zu benutzen, von denen ich einige dort zum ersten Mal gesehen habe, obwohl ich ein paar davon selbst nicht mag (stylisch beispielsweise kommt mir im Leben nicht über die Lippen). Diese verkniffene Krittelei ruft in mir (bin ich da der Einzige?) ausgesprochen kindische Reflexe hervor, denen nicht nachzugeben gar nicht so einfach ist. Andererseits ist das gut für die Charakterbildung. Trotzdem wäre es mir lieber, die würden das lassen und die Leute einfach sprechen lassen, wie sie nun mal sprechen.


2 Kommentare on “Lasst die Leute reden”

  1. tinyentropy sagt:

    Noch ein Kandidat: Herr De Maiziere mit seiner „richtigen Entscheidung“:

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  2. gnaddrig sagt:

    Oh ja, das war ein schönes Stück Sprachakrobatik (ich habe in Mathe für das auf falschem Wege gewonnene richtige Ergebnis, glaube ich, meistens nicht so viele Punkte gekriegt). Die Kandidatenliste ist überhaupt beachtlich, und es kommt immer neues Grimm-Material nach, da braucht man sich keine Sorgen zu machen…

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In den Wald hineinrufen

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