Weitergedacht

Die Tochter sitzt am Klavier und gibt eine hakelige Version von Old MacDonald Had a Farm zum Besten. Ich glaube, sie verliert gelegentlich den Faden und verzählt sich dann bei der langen Reihe gleicher Töne in der zweiten Hälfte der Strophe. Später probiert sie verschiedene Klangfarben und Instrumente durch, die man auf dem Klavier einstellen kann. Immer mit einer Strophe Old MacDonald Had a Farm.

Meiner Meinung nach sollte der Urheber dieses Liedes zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt werden. Der Urheber von Jingle Bells und des Flohwalzers ebenso. Außerdem alle geschäftsfähigen Interpreten der beiden Lieder. (Der Flohwalzer spielt meiner Erfahrung nach im klassischen Musikbetrieb praktisch keine Rolle, wird von Klavierlernenden aber trotzdem bis zum Abwinken gespielt. Für den sollte deshalb der Vollständigkeit halber dasselbe gelten.) Außerdem alle, die die obengenannten Stücke zur Musikerziehung benutzen und Kinder diese auf Blockflöte, Geige, Klavier o.ä. spielen lassen. Und Verleger, die diese Stücke in ihre Lehrwerke einbauen.

Für jedes Mal, das eines der obengenannten Stücke von Musikschülern auf egal welchem Instrument intoniert wird, sollten die Verantwortlichen eine Gebühr bezahlen müssen, ähnlich wie die GEMA-Gebühr für die öffentliche Aufführung urheberrechtlich geschützter musikalischer Werke. Es gibt wenig effektivere Methoden, Gehirne in Brei zu verwandeln, als eine Viertelstunde Old Mac Donald oder ein paar Durchgänge Jingle Bells. Oder die ersten drei Takte des Flohwalzers. Die Gebühr sollte in einen Fonds eingezahlt werden, der die Opfer dieser Praktiken betreut und in schweren Fällen Therapien und Resozialisierungsmaßnahmen bezahlt.

Ist doch wahr, das ist unerträglich!

Ach, und ein Nachgedanke, wo wir doch jetzt im Zeitalter beinahe unbegrenzter Rechenkapazität leben, wo jeder billige Radiowecker schon mehr Rechenleistung liefert als ein High-End-PC vor 20 Jahren: Elektronische Instrumente sollten diese Melodien erkennen und einfach nicht an die Lautsprecher ausgeben. Fehlt nur noch die elektronische Blockflöte als Standardmusiklerninstrument…

Noch ein Nachgedanke: Natürlich sind solche Big-Brother-Fantasien völlig verfehlt. Niemand hat mir (oder meinen Kindern oder sonstwem) ins musikalische Steuer zu greifen. Ich kann ja schlecht meckern, dass Apple eigenmächtig Versionen von Stücken auf den Geräten von iTunes-Nutzern austauscht und selbst genau solch eine Bevormundung fordern. Also finde ich mich in mein Schicksal und ertrage Old Macdonald seine abwechslungsreiche Melodie, damit die Kinder ihr Interesse am Musizieren nicht verlieren. Da muss man wohl durch, im Interesse der Freiheit und, ironischerweise, der Liebe zur Musik. Seufz…

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14 Kommentare on “Weitergedacht”

  1. Ich würde gern „Für Elise“ noch in die Liste aufnehmen. Vor allem, wenn mein Mann die immer ersten Töne ohne Gefühl 1000x am Stück klimpert. Da bekomme ich spontane Mordgelüste. 😂

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  2. gnaddrig sagt:

    Oh ja, das ist auch so ein alter Schlager, den eigentlich niemand mehr zu spielen braucht.

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  3. Achim sagt:

    Saisonal auch noch die Top 20 der deutschen Weihnachtslieder, vor allem die Instrumental-Arrangements, die in den Konsumtempeln abgenudelt werden.

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  4. gnaddrig sagt:

    Stimmt, aber das versteht sich fast von selbst, oder?

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  5. aurorula a. sagt:

    Achim kommt mir zuvor; grade wollte ich noch ein amerikanisches Weihnachtslied vorschlagen, das schlimmer ist als Old McDonald und F.Loh zusammen:
    Nennt sich ‚Little Drummer Boy‘, klimpert schier endlos ‚pa-ra-pa-pam-pam‘ auf lediglich drei oder vier Tönen – und der britische Autor D. Blythe hat es einmal als ‚akkustisches Äquivalent der chinesischen Wasserfolter‘ bezeichnet…
    ‚Lady in Black‘ ist auch ein Vorschlag, aber nicht ganz so schlimm Dafür passt der Text: Ah Aah Aaaah ah ah ah Aah Aah Aaaaaaaaaaaaaaah!!!! 🙂

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  6. gnaddrig sagt:

    Little Drummer Boy kannte ich noch nicht. Ich verstehe, wie man auf den Vergleich zur Wassertropfenfolter kommt. Aber das wird, genau wie Lady in Black, wenigstens nicht zum Klavier-, Geige- oder Blockflötelernen benutzt, hierzulande jedenfalls nicht.

    Was Lady in Black angeht, das erinnert mich an den britischen (?) Musikhändler, der in seinem Laden ein Schild aufgehängt hatte, wo er ausdrücklich verbietet, ein anderes von allen, die drei Akkorde auf der Gitarre hinkriegen, totgenudeltes Stück Musik anzuspielen: Smoke on the Water glaube ich. Und Stairway to Heaven erfreut sich auch nicht mehr ungebrochener Beliebtheit, sogar die Urheber mögen das nicht mehr spielen („That fucking wedding song“). So kanns gehen…

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  7. Pfeffermatz sagt:

    Heutzutage gibt es ja auch so nette Musikchips, die in Geburtstagskarten oder McDoof-Spielzeug eingebaut IN EINEM FORT DAS GLEICHE LIED DUDELN. Und zwar in schmerzhafter Qualität.

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  8. gnaddrig sagt:

    Oh ja, das kann auch furchtbar sein.

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  9. aurorula a. sagt:

    sogar die Urheber mögen das nicht mehr spielen
    da sind sie in guter Gesellschaft; ein Album mit nur Hits die die Urheber nicht mehr spielen mögen würde ziemlich lang:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/BlackSheepHit
    smokeonthewaterstairwaytoheavennothingelsematterswhenseptemberendsnewworldmanwindofchangedustinthewindaboutagirleverybreathyoutakeidontwannamissathingmorethanafeelingwakemeupwhenseptemberendsmoneybittersweetsymphonyshinyhappypeopleblackholesuneyeswithoutafacesweetchildofmineiwasmadeforlovingyoulovefool……

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  10. gnaddrig sagt:

    Klasse, der Link, vielen Dank. Man lernt nie aus 🙂

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  11. W3bm45t3r sagt:

    Juhuu – bals isses wieder so weit! Läääst Krissmess ei gäf ju mei haart….

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  12. Skeptiker sagt:

    Ich spiele den Flohwalzer als Boogie Woogie. Läuft.

    Old MacDonald könnte ich mir gut von Motörhead vorstellen: Stark beschleunigt und irgendwo zwischen altem Rock’n’Roll und einem der Metaldialekte. Im Original ein bisschen zu melodiös dafür, aber die würden das hinbiegen.

    Was war noch? Ah, Jingle Bells –> Status Quo. Für Elise übrigens auch, wenn nicht besser.

    Und schon macht das alles wieder Spaß. Rock And Roll Forever!

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  13. gnaddrig sagt:

    Ja, wenn man das als Musik spielt, kanns funktionieren 😀

    Flohwalzer als Boogie Woogie könnte gehen, wenn man ihn nicht schon ungefähr tausendmal mechanisch in jedes verfügbare Tasteninstrument gehämmert gehört hätte…

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  14. Skeptiker sagt:

    Die transzendierende, tanatalisierende, meditative Wirkung von Musik und anderer Rituale ist ja oftmals erwünscht und beruht zum Gutteil auf ewiglicher Wiederholung – aber nur wenn es nicht individuell nervt („He ich zersäge nicht meine Möbel! Das ist MUSIK!!“), da machste nix und dann klappt das auch nicht mit der Versenkung. Wenn Du aber aktiv zuhören und unterhalten werden willst, sind Dauerschleifen N-E-R-V-T-Ö-T-E-N-D

    Insoweit Übereinstimmung *5

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