Flächendeckende Verglasung

Bahnchef Richard Lutz hat eben erzählt, die klassische gedruckte Fahrkarte könne in absehbarer Zeit entfallen. Man wolle einfach anhand der Handys feststellen, wer in den Zug eingestiegen und wie weit gefahren sei und dann den Fahrpreis automatisch vom Konto des betreffenden Fahrgastes abbuchen. Das wirft Fragen zum Datenschutz, zur informationellen Selbstbestimmung und überhaupt zu den Implikationen solcher Technik auf.

Ich finde das Vorhaben einigermaßen beunruhigend. Nicht, weil ich grundsätzlich was gegen elektronische Tickets hätte (die gibt es ja schon seit geraumer Zeit, und sie erfreuen sich einiger Beliebtheit), sondern weil man irgendwann gezwungen werden könnte, sie zu benutzen. Dann müsste man auch ein Smartphone (oder, scheint’s, sonst irgendein Handy) haben, um bahnfahren zu können. Man müsste sich von einem Unternehmen überwachen lassen, müsste Zugriff auf das eigene Konto gewähren usw. Das tut man anderweitig natürlich auch längst, aber normalerweise hat man die Wahl.

In Zukunft will die Bahn (die übrigens immer noch dem Bund gehört) also Bewegungsprofile aller Fahrgäste erstellen. Im Rahmen der wiederbelebten Vorratsdatenspeicherung werden die Daten dann sicher auch eine Weile gespeichert. Passenderweise steht derzeit eine hübsche Erweiterung der Vorratsdatenspeicherung an. Auch werden seit je immer mal wieder Vorstöße gemacht, etwa die Zugriffsmöglichkeiten der Justiz auf Mautdaten zu erweitern, obwohl das meiner Erinnerung nach bei Einführung der Maut seinerzeit ausdrücklich ausgeschlossen worden war. Besonders brisant wird das durch die bevorstehende Einführung einer ziemlich flächendeckenden Pkw-Maut.

Gleichzeitig wird regelmäßig der massive Ausbau der Videoüberwachung des öffentlichen Raums gefordert. Dabei werden die Bahnhöfen oft als natürlicher Schwerpunkt ins Spiel gebracht, natürlich gern auch mit Gesichtserkennung udn sonstigen technischen Spielereien. Passenderweise will man jetzt auch gleich den Geheimdiensten und sonstwem niederschwellig Zugriff auf die Daten der Einwohnermeldeämter Zugriff auf die Daten der Einwohnermeldeämter geben (was ganz beläufig die namentliche Identifizierung der von Überwachungskamera beispielsweise in Bahnhöfen erfassten Personen ermöglicht).

In ihrer Gesamtheit lassen diese Maßnahmen eine sehr weitgehende anlasslose Überwachung praktisch aller Personen möglich machen, die den öffentlichen Raum betreten. (Die anderen kann man natürlich immer noch durch Hacken ihrer Handys oder von IoT-Geräten in den Wohnungen drankriegen, sodass fast vollständige Lückenlosigkeit machbar sein dürfte.)

Dass Strafverfolger sich da schon die Finger lecken wundert nicht (und ja, es ist deren Aufgabe, die machen da nichts falsch, wenn sie die vorhandenen Möglichkeiten nutzen wollen). Aber irgendwie ist mir mulmig bei dem Gedanken. Auch wenn noch nicht Armeen von Datenauswertern an den Monitoren sitzen und rund um die Uhr schauen, was gnaddrig so treibt, wacht mir da deutlich zuviel potenzieller Großer Bruder über dem Gläsernen Normalbürger. Da bin ich ganz klar gegen.

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6 Kommentare on “Flächendeckende Verglasung”

  1. Wenn es das statt des Handys mit einer Guthabenkarte gäbe, so wie mancherorts für den ÖPNV fände ich das gut. Natürlich nur, wenn ich entscheiden kann, ob ich das System überhaupt benutzen möchte. Und genau da ist auch mit allen tollen Smartphone-Anwendungen oft mein Problem, der Kunde wird zu gewissen Systemen schlichtweg gezwungen. Meistens gibt es praktische Apps, so wie jetzt schon bei der Bahn das Handyticket, nur für Apfelmännchen oder Androiden. Und wenn ich keins von beiden sein will, oder gar kein Mobiltelefon habe, habe ich Pech gehabt. Ich möchte mich also nicht nur gegen die Überwachung wehren sondern auch gegen den stärkeren Zwang, bestimmte Techniken bestimmter Firmen nutzen zu müssen, um voll partizipieren zu können.

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  2. Yadgar sagt:

    …oder „Data Haram“: nur ein kaputter Computer ist ein guter Computer!

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  3. Vorläufig ist die Akzeptanz der Lutzschen Idee noch gering, vor allem wenn die Bahn fast gleichzeitig mit der Pressemeldung vom Ende der Fahrkarte Opfer eines Hacker-Angriffs wurde.Aber wenn ich sehe, dass ein junger Mann morgens um 11 Uhr betrunken eine Dose Bier kauft und mit Karte bezahlt, fürchte ich, dass man es irgendwann wird durchsetzen können, weil Generationen heranwachsen, denen das Problembewusstsein fehlt.

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  4. gnaddrig sagt:

    Das befürchte ich auch. Wenn ich mir überlege, was für ein Aufstand bei der Volkszählung damals gemacht wurde…

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  5. Lakritze sagt:

    Mh. Wie die Bahn das anstellen will, alle Fahrgäste zum Erwerb eines klugen Telefons zu bewegen, möchte ich gar nicht wissen. Andererseits sterben die Saurier aus, und den Kindern, die ab der Wiege von wohlmeinenden Mächten überwacht wurden, macht es vielleicht gar nichts aus, daß die Bahn/der Staat damit weitermacht.
    Jedenfalls: in den kommenden, na, zwanzig Jahren sehe ich das nicht.

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  6. gnaddrig sagt:

    Also, ich kann mir schon gut vorstellen, dass die Handybezahlmöglichkeit recht bald eingeführt wird, aber für den kompletten Wegfall des Papiertickets ist es in Deutschland ganz sicher noch viel zu früh.

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In den Wald hineinrufen

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