Kleingedruckt

Neulich habe ich die King-James-Bibel erwähnt, die ich vor Ewigkeiten in England gekauft hatte. Die ist 1855 gedruckt und ein bemerkenswertes Buch, weil sie so klein ist: Nur etwa 9,5 mal 13,5 mal 2,5 cm.

Entsprechend klein ist die Schrift. Bei gutem Licht kann ich das mit bloßem Auge noch einigermaßen lesen, aber es ist anstrengend. Mehr als ein paar Zeilen sind ohne Vergrößerungsglas nicht drin:

TexTextpassage aus dem Buch Jesaja im Alten Testament, Kapitel 5, Vers 14: "(...)Therefore hell hath enlarged herself,/and opened her mouth without measure:/and their glory, and their multitude, and/their pomp, and he that rejoiceth, shall/descend into it. (...)"; links neben dem Text steht ein Legomännchen, und ein Fuß des Männchens ist so breit wie die zitierte fünfzeilige Textpassage hoch ist.tpassage aus dem Buch Jesaja im Alten Testament, Kapitel 5, Vers 14: "(...)Therefore hell hath enlarged herself, and opened her mouth without measure: and their glory, and their multitude, and their pomp, and he that rejoiceth, shall descend into it. (...)"

Jetzt hat mich interessiert, wie viele Seiten das Buch hat, Seitenzahlen gibt es nämlich nicht – der geübte Bibelleser kennt die Reihenfolge der Bücher aus dem Effeff, und Zitate werden nicht mit Seitenzahlen genannt, sondern unabhängig von der Ausgabe, Übersetzung, Sprache usw. mit Buch, Kapitel, Vers. Gut, aber wieviele Seiten hat das Buch jetzt? Zählen kommt natürlich nicht in Frage. Hundert Seiten zählen und mit dem Lineal messen ist auch nicht besonders zuverlässig (eine gescheite Schieblehre für eine etwas präzisere Messung besitze ich nicht).

Also habe ich die alte Mikrometerschraube meines Großvaters rausgekramt und damit gemessen, wie dick das verwendete Papier ist. Ein Blatt ist ungefähr 0,05 mm dick. Zehn Blatt tragen 0,54 mm auf, 20 Blatt etwa 1,06 (jeweils andere Blätterstapel, zufällig ausgewählt). Das ergibt bei 2,5 cm Gesamtdicke rechnerisch gut 460 Blatt, also um die 920 Seiten.

Dann ist mir eine andere Methode eingefallen: die Triangulation über Textlängen. Ich habe also gezählt, wieviele Seiten das 1. Buch Mose hat (36). Dann habe ich in einer dankenswerterweise mit Seitenzahlen versehenen New International Version nachgeschaut, wie lang dort das 1. Buch Mose ist (55) und wieviele Seiten sie insgesamt hat (1261). Dann einfach per Dreisatz die Seitenzahl der King James ausgerechnet. Dasselbe noch einmal mit dem Matthäusevangelium (King James: 23 angefangene Seiten, NIV: 37). Nach 1. Mose hätte die King James ca. 825 Seiten, nach Matthäus nur 785. Beides deutlich weniger als nach Papierdicke, aber ich habe die Textlänge auch nur auf ganze Seiten gerundet, das kostet naütrlich Genauigkeit.

Aber gut, wir haben hier also irgendwo zwischen acht- und neunhundert sehr klein bedruckte Seiten. Und der Druck ist hervorragend: Ich bin kein Drucker, aber mir scheint, die Zeilen sind gerade, die Zeilenabstände regelmäßig, die Buchstaben überwiegend perfekt ausgerichtet. Und die Typen herzustellen muss ziemlich anspruchsvoll gewesen sein. Erstmal die Formen so genau hinzukriegen in der winzigen Größe, und dann die Typen so zu gießen, dass ein so sauberes Schriftbild dabei herauskommt. Das finde ich schon ziemlich beachtlich.

Dann das Setzen – diese winzigen Typen muss man wahrscheinlich mit einer sehr feinen Pinzette handhaben. Wird da mit Lupe gearbeitet, oder gibt es Merkmale, an denen man erkennt, ob eine Type richtigherum sitzt?

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass manche Buchstaben zu groß scheinen, das e und das w beispielsweise. Andere sind zu klein bzw. falsch dimensioniert, etwa das k. Es gibt auch geringfügig holperige Zeilen, aber das ist wohl schon Meckern auf hohem Niveau:

Aufnahme einer Stelle aus dem 1. Korintherbrief, mündend in Kap. 13, Vers 13: "And now abideth faith, hope, charity, these three ; but the greatest of these _is_ charity."

Zum Schluss noch ein paar Impressionen:


5 Kommentare on “Kleingedruckt”

  1. nömix sagt:

    Bei den falschen Buchstaben wie dem hochgestellten k (oder auch dem i und dem s in »is charity«) handelt es sich um Zwiebelfische ▶️
    Ob eine Type richtigherum sitzt, erkennt der Schriftsetzer an der Signatur ▶️ der Bleilettern.

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  2. Achim sagt:

    Mit welcher Präzision da Lettern gegossen und eingesetzt wurden, und das in der – nun ja – „Größe“, dazu noch der Anmerkungsapparat in der Marginalspalte – Hut ab!

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  3. gnaddrig sagt:

    Eben. Ich finde das vom Handwerklichen sehr beeindruckend.

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  4. Yadgar sagt:

    Schade, dass es so wenig fundamentalistische Werkstoffphysiker (nennt man die so?) gibt – sonst gäbe es wahrscheinlich längst die Nano-KJV, mit Buchstaben, die aus einzelnen Atomen (ich vermute mal Gold- oder Platinatome, die interagieren chemisch am wenigsten mit den Manipulatoren) aufgebaut sind… nur blöd, dass die in diesen Kreisen übliche tägliche Bibellese dann mindestens ein Rasterelektronenmikroskop erfordern würde! Und leider züchtigen sie ihre Kinder wohl nicht mit Nano-Ruten, sondern wie gehabt mit dem von führenden Televangelisten empfohlenen paddle… (sorry, aber bei „tägliche Bibellese“ fällt mir auf der Stelle „Tracht Prügel“ ein!)

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