Wir basteln uns ein Reich

Neulich hatte ich hier über ein paar Aspekte der grassierenden Reichsmeierei geschrieben, und ich muss auf das Thema nochmal zurückkommen. Das Deutsche Reich soll ja gar nicht richtig untergegangen sein, sondern durch die angeblich völkerrechtswidrige Verhaftung der Regierung Dönitz durch alliierte Streitkräfte in Norddeutschland seiner Handlungsfähigkeit beraubt und dann in eine Art Wachkoma gelegt worden sein, weil die Amerikaner auf dem heiligen deutschen Boden eine schnöde Firma aufziehen wollten, die das Vermögen des gescheiterten Herrenvolks abschöpfen und den Alliierten zur Finanzierung ihrer Extravaganzen zuspielen sollte.

(Apropos Handlungsfähigkeit: Welche Handlungsfähigkeit die Reichsregierung im Mai 1945 noch gehabt haben soll, erschließt sich mir nicht. Abdanken bzw. kapitulieren wäre so ziemlich das einzige gewesen, was sie damals noch hätte tun können, und selbst damit wäre man dem Unvermeidlichen nur um ein paar Tage zuvorgekommen. Als abzusehen war, dass nichts mehr ging, hatte Hitler den Schwarzen Peter ja schnell noch an Dönitz weitergereicht und sich selbst dann sozusagen durch die Hintertür aus dem Staub gemacht.)

Nunmehr führerlos war das Reich den bösen Alliierten natürlich schutzlos ausgeliefert, die sofort anfingen, das nach Kräften auszunutzen. Diesem schändlichen Treiben das verdiente Ende zu bereiten mühen sich seither unzählige aufrichtige Deutsche ohn‘ Unterlass, eben die Reichsbürger. Oft halbkonspirativ an Stammtischen oder in den einschlägig orientierten Ecken des Internet, meistens jedenfalls in irgendwelchen abgelegenen und versumpften Nebenarmen des großen Flusses der Weltgeschichte.

Sie bilden emsig kommissarische Reichsregierungen, sie machen den volksverräterischen Schergen der angeblichen Bundesrepublik in Deutschland GmbH das amtsanmaßende Leben schwer und hören nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Aufrecht, anständig, aufgewacht lassen sie sich nicht wie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von amerikanischer Mimikry blenden. Sie durchschauen die Chemtrail-Verschwörung, gehen den Handlangern des (imaginären, in diesem Zusammenhang aber natürlich unverzichtbaren) internationalen Finanzjudentums nicht mehr auf den Leim und zeigen allen diesen freimaurerischen Bilderberger Illuminaten immer wieder ganz deutlich, wo die Nazikeule hängt.

Die Reichsmeier schreiben gigabitweise Blogs, Foren und Webseiten voll, reichen das von den vorgenannten Bilderbergern schändlich unterdrückte Wissen um die wirklich echte Wahrheit über Deutschland halbsubversiv von Blog zu Blog weiter, verticken nebenbei noch Rezepte für Perpetua mobilia zur grenzenlosen Erzeugung umsonstener Energie für alle.

Aber da all dieses Wissen ja von den Bilderdingens, Illumi, na, eben wusste ich’s noch, oben hatte ich doch aufgeschrieben wie die heißen. Jedenfalls weil das ja unterdrückt wird, ist dieses wertvolle Wissen dazu verdammt, von Blog zu Blog rebloggt zu werden und niemals zur Anwendung zu kommen. Das ist gewissermaßen der bloggewordene Zyklus der ewigen Wiedergeburt, nur dass es am Ende kein Nirwana gibt, weil sie die Quantenmechanik ihrer tachyonenbeschleunigten Hydrinogeneratoren nicht in den Griff kriegen und ständig irgendein thermodynamischer Hauptsatz nachklappt und sich in der Maschine verklemmt.

** * **

Nun machen diese Reichsbesessenen das mit soviel Hingabe und Ausdauer, da muss irgendwas dran sein. Nicht inhaltlich natürlich, inhaltlich ist das völliger Quatsch. Die Bundesrepublik Deutschland ist keine Firma, sondern ein souveräner Staat, und sie ist die Fortsetzung des Deutschen Reichs. Nicht dessen Rechtsnachfolger, kein Ersatzalibistaat, sondern seine Fortsetzung, seine heutige Form. Deutschland, könnte man sagen, ist eben Deutschland. Wo Deutschland draufsteht ist auch Deutschland drin. Fertig.

Aber das ist natürlich keine Wahrheit, die der Reichsbürger hören mag, also ignoriert er sie und versucht, sie mit schwammigem Geschwafel einzuhüllen, damit man das hässliche Ding nicht mehr immer sehen muss. Ähnlich machen es Muscheln mit Sandkörnern, bloß entstehen dabei am Ende Perlen. In der Reichsbürgerszene muss man mit gelegentlichen Stilblüten Vorlieb nehmen, und sogar die lohnen sich nur selten.

So oder so muss es aber irgendwie Spaß machen, das Spiel mit der BRinD GmbH und dem scheintoten Reich, das in irgendeinem alliierten Gerümpelkeller noch in der Ecke liegt und wartet wie weiland Barbarossa im Kyffhäuser, um sich zur Stunde der größten Not am eigenen Bart aus dem Sumpf zu ziehen. Und wenn manche Kinder Vater, Mutter und Kind spielen oder Räuber und Gendarm (bei Neonazis sollen sie Landser und Partisan spielen habe ich mal gehört), dann müssen die Erwachsenen ja auch ihren Spaß haben.

Deshalb bilden sie die bereits erwähnten kommissarischen Reichsregierungen, gründen auch mal eigene Reichlein in Vordergärten, Hinterhöfen oder alten Fabriken und spielen dort dann Deutsches Reich in den Grenzen von 1937, sogar Wahlen soll es manchmal geben. Es gibt da eine ganze Reihe Ersatzreiche, teils mit, teils ohne eigenen Boden. Wenn man ein paar Quadratmeter Land als Keimzelle des neuen alten Reichs hat, ist das ganz schön, um dort eine Reichsfantasieflagge aufzuhängen. Man kann aber auch ohne, weil eigentlich ist das Land als solches ja schon da, nur eben angeblich unter alliierter Fuchtel.

** * **

Das muss so toll sein, das will ich auch. Ich gründe also und rufe hiermit aus (Alle Anwesenden wollen sich bitte erheben, Hut ab, Kopf senken, andächtigen Blick): das Deutsche Demokratische Reich. Und weil gut ist gut, mehr ist besser gilt und demzufolge zwei Deutschlande besser sind als eines, mache ich gleichzeitig noch das Bundesreich Deutschland auf. Da kann man sich eins aussuchen und gegen die anderen wettern.

Ich selbst wäre der Oberreichsregierungsführer des DDR sowie der Reichshauptführungsleiter des BRD. Ich würde die Monate national umbenennen und die Wochentage auch. Sämtliche Maßnahmen, die von der BRinD GmbH seit ihrer Gründung durch die Alliierten durchgeführt wurden, werden rückabgewickelt. Das DDR und das BRD würden beim Kontostand vom 1. Mai 1945  (d.h. vor der umstrittenen Einsetzung der Regierung Dönitz) anfangen und alles neu rechnen.

Das wäre ganz nebenbei ein gigantisches Beschäftigungssicherungsprogramm, wir hätten auf Jahrzehnte hinaus Vollbeschäftigung in beiden Reichen. Jeder, der einen Taschenrechner und einen Kugelschreiber bedienen kann (Taschenrechnen und Kugelschreiben wären Hauptfächer der wiederherzustellenden achtjährigen Volksschule), müsste bei Volljährigkeit alternativ zum Dienst an der Waffe eine gewisse Zeit im Reichsrechendienst ableisten, damit die ganzen Neuberechnungen fachgerecht ausgeführt werden können.

Das von den Alliierten abgeschöpfte Vermögen würde natürlich mit entsprechenden Zinsen zurückgefordert werden müssen, schon um die Reichsrechenbrigaden finanzieren zu können.

Außerdem biete ich aargks die Ehrenbürgerschaft in beiden Reichen an sowie eine Führungsposition in einem davon. aargks sucht neuerdings ein Deutsches Reich, dessen Staatsangehörigkeit (Oder heißt es -bürgerschaft? Manche sind da empfindlich!) er erwerben kann, weil er es trotz anhaltender Bemühungen bisher nicht geschafft hat, eine Diskussion mit den Reichsmeiern zu gewinnen. Die Details können wir dann unterwegs klären…

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16 Kommentare on “Wir basteln uns ein Reich”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Hey, will auch mitmachen. Ich möchte auch so ein DDR-Mufti werden, muss ich jetzt ´ne Dachdeckerlehre absolvieren? Oder ist der Posten des Chemtrailabwehrminister noch unbesetzt? Vielleicht könnte ich ja auch die ständige Vertretung in einem Feindesland übernehmen, etwa in der Karibik. Longdrinks zahlt das Reich! Das sind ja rosige Aussichten…!

    Im Ernst: eigentlich dachte ich ja, dass die Chemtrailtheorie die dümmste aller Verschwörungstheorien ist. Aber neeee, da gibt´s dann immer noch welche, die erfinden noch dümmere Theorien. Nichts ist wirklich so blöd, dass jemand dem nicht noch eins oben drauf setzen kann…

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  2. gnaddrig sagt:

    Herzlich willkommen! Wir stehen ja noch ganz am Anfang, da kann man vorläufig mehrere Posten in Personalunion haben. Such Dir was aus, allerdings würde ich aargks den Vortritt lassen. Chemtrailabwehrminister ist jedenfalls noch frei, im Feindesland sitzen wir ja alle, und über die Longdrinks müsste man sich noch unterhalten. Vielleicht die Rechnungen einfach der zuständigen US-Botschaft schicken.Die sind ja schuld, dass wird das Theater überhaupt veranstalten müssen. Hätten die damals ab Mai 45 korrekt gehandelt, säßen wir jetzt bequem daheim ohne Chemtrails im Reich und würden uns über irgendwelche Jünger des rechtmäßigen Kaisers von Amerika oder so beömmeln…

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  3. Marianne sagt:

    Dachdecker ist Voraussetzung um ein guter allseits geliebter Staatsmann zu werden.

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  4. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Wenn man dann noch vorsorglich Spanisch lernt, um am Altersruhesitz auch viele neue Freunde finden zu können, ist alles in Butter.

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  5. Reichsburger statt Hamburger! Reichsburgerking!

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  6. gnaddrig sagt:

    Genau, unter der Leitung des Reichsführers Schnellimbisswesen, Hans-Peter Klops, mit Ritterkreuz und Eichenlaub als Bling-Bling.

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  7. aargks sagt:

    da muss ich ja mal klugscheißen: Nicht gelang es mir, eine Diskussion zu gewinnen, vielmehr gelang es mir nicht, einen Reichsdachdecker zu einer Diskussion zu gewinnen.

    Denn gewinnen tät ich ja schon wollen, man müsst mich nur lassen tun, dann würd ich ja… Die trauen sich halt nicht.

    Geiler Artikel, gnaddrig!

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  8. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Ist aber auch ein inspirierendes Thema!

    Klar kannst Du nichts gewinnen, wenn keiner diskutieren kommt. Genau wie ich geschrieben habe, hast Du bisher keine Diskussion mit Reichsverfechtern zu gewinnen geschafft. Die Unterstellung, dass es an Dir liegen könnte oder Du in einer solchen Diskussion möglicherweise den Kürzeren ziehen würdest, habe ich dem unbedarften Leser zwar schlau angedient. Aber eine Behauptung dieses Inhalts wirst Du mir nicht nachweisen können, ich könnte mich immer auf die Schutzbehauptung einer versehentlich ungenauen Formulierung zurückziehen. (Ich glaube, ich werde mich gleich mal zum Chef der Reichswinkeladvokatenkammer berufen.)

    Die Unterstellung musste aber sein, sonst hätte ich Dir nicht so großzügig Reichsasyl bieten können, und das hätte mir sehr leid getan!

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  9. Pfeffermatz sagt:

    Das mit dem Taschenrechnerpflichtdienst kann ich natürlich nur unterstützen. Ich bewerbe mich hiermit um einen Posten im Reichsmathematikministerium.

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  10. gnaddrig sagt:

    Ok, dann kannste gleich mal Dein Busfahrerviererkartenrätsel in Reichsthaler und Heller umrechen, damit das reichskkompatibel ist.

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  11. aargks sagt:

    Ich bin schon die ganze Zeit am überlegen, in welchem Reich ich welche Führungsposition einnehmen würde *grübel* Welche Ämter stehen denn so an? Und über die Bezahlung haben wir auch noch nicht geredet. Und über die Währung. Sooo viele Fragen 😉

    Aber noch lässt das aargks nicht locker, hab vorhin mal Frühwald und die Germaniten angemailt, ob sie mitdiskutieren wollen.

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  12. gnaddrig sagt:

    Wir können ja Münzen werfen. Kopf – DDR, Zahl – BRD oder so. Als Führungsposition könnte ich mir Außenminister vorstellen, Du bist ja schon die Kommunikation mit diversen Kollegenreichen am Aufbauen (was heißt aufbauen, da kommt ja nicht mal ein Echo aus dem leeren Raum zurück wie es aussieht, ist aber natürlich nicht Deine Schuld). Weltanschaulich gefestigt scheinst Du auch zu sein, da ginge was im Propagandaministerium. Schreiben kannst Du, das könnte was werden.

    Die Rechnung schicken wir wie immer den Alliierten, die haben ja immer noch unser ganzes Geld!

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  13. aargks sagt:

    Auja, Außenreichsminister mit Reichsdiplomatenausweis – klingt gut 🙂

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  14. gnaddrig sagt:

    Klar Diplomatenausweis. Immunität und so, nie wieder Parkgebühren oder Bußgeld…

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  15. […] gnaddrig bloggt seither über Alltagserlebnisse in der Straßenbahn, aber auch über – da sind wir dann doch wieder – Skeptikerthemen wie homöopathische Gelddruckmaschinen oder Reichsdeppereien. […]

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  16. […] (v.a. beim Eisenfresser) und gelegentlich drüber geschrieben (erstmals hier, dann nochmal hier). Sicher werden ein paar der Leute, die ich im echten Leben gesehen habe, auch Reichsideologen […]

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