Reichsideologe in freier Wildbahn

Bisher habe ich mit Reichsideologen immer nur indirekt zu tun gehabt. Zum erstenmal gehört von ihnen habe ich im Internet, und bisher habe ich auch nur in Blogs mit ihnen diskutiert (v.a. beim Eisenfresser) und gelegentlich drüber geschrieben (erstmals hier, dann nochmal hier). Sicher werden ein paar der Leute, die ich im echten Leben gesehen habe, auch Reichsideologen gewesen sein, aber das weiß ich ja nicht. Die haben sich kein großes R auf die Stirn tätowiert, damit man sie erkennt.

Jetzt habe ich so jemandem live erlebt, im echten Leben in der Öffentlichkeit. Ein Straßenmusiker, ein mittelalterlich kostümierter Harfenist, unterhält sich mit einem bulligen Muskelshirtträger auf einem Mountainbike. Ein kurioser Anblick, aber gut, mittelalterliches Kostüm sticht eben im heutigen Straßenbild heraus.

Ich bin mit meiner Tochter unterwegs, wir beide mögen handgemachte Musik. Wir bleiben also stehen, um dem Mann beim Klimpern zuzuhören. Er ist ziemlich gut und lässt neben der Unterhaltung schöne Klänge aus seiner Harfe perlen. Wirklich hörenswert, den würde ich gern mal hören, wenn er mit voller Konzentration spielt!

Während wir der Musik zuhören kann ich Den Rest des Beitrags lesen »

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Reichkriegflagge

In den letzten Jahren sieht man immer wieder die Reichskriegsflagge in der Öffentlichkeit. Meistens eine der älteren Versionen aus der Kaiserzeit, also mit Eisernem Kreuz statt Hakenkreuz, letzteres zu zeigen ist ja in Deutschland strafbar. Inwieweit die Reichskriegsflaggenschwenker tatsächlich einer rechtsextremen oder revisionistischen Haltung anhängen, weiß ich natürlich nicht, aber es ist sicher nicht abwegig, hier einen gewissen Nationalchauvinismus zu unterstellen.

Dann gibt es noch die Leute, die sich das Deutsche Reich in irgendeiner Form zurückwünschen und dabei gelegentlich auf historische Staatssymbole und Flaggen zurückgreifen. Das sind vermutlich überwiegend Leute, die sich im derzeit vielbeklagten grünlinksliberalen Sumpf mit Lügenpresse, Überfremdung und Genderwahn marginalisiert fühlen. Die glauben, dass der aufrechte Deutsche im eigenen Land die Klappe halten muss, guten deutschen Wohnraum für Scheinasylanten freimachen und die faulen Griechen durchfüttern usw. Damals, als Deutschland noch als Deutsches Reich firmierte, hätte es das so nicht gegeben, und deshalb wollen sie dahin zurück.

Vor 70 Jahren hat die Wehrmacht kapituliert, sind der 2. Weltkrieg und die nationalsozialistische Diktatur zuendegegangen. Der jetzt anstehende Jahrestag ist vielleicht ein guter Anlass, sich diese Reichsträumereien nochmal kurz anzuschauen. Außerdem kann ich bei dieser Gelegenheit ganz unverfänglich meine Reichkriegflaggen (kein Tippfehler, da fehlen keine zwei s, s.u.) unterbringen. Deshalb Den Rest des Beitrags lesen »


Ohne Worte

Seit einiger Zeit kursiert bei sogenannten Reichsbürgern und anderen Verschwörungstheoretikern die Mär, dass man in Deutschland Standardbriefe ganz legal für sagenhafte 4 Cent Porto verschicken kann. Man müsse nur die Postleitzahl in eckige Klammern setzen, um sie als „Verwaltungsnummer“ zu kennzeichnen, damit die Besatzer wissen, wie sie mit dem Brief umzugehen haben, und ab die Post.

Belege für die behauptete Höhe des Portos, für die Geschichte mit den eckigen Klammern usw. gibt es natürlich nicht. Sind auch gar nicht nötig, weil die Wahrheit anscheinend so offensichtlich ist. Anders gesagt: Man muss die Behauptungen einfach glauben.

Auf gezielte Nachfrage kommen entweder Mutmaßungen, man sei dumm, systemhörig, merkbefreit, lasse sich von DENEN einlullen usw. oder mehr oder weniger herablassende Aufforderungen, man solle sich doch bitte damit beschäftigen, Den Rest des Beitrags lesen »


Wir basteln uns ein Reich

Neulich hatte ich hier über ein paar Aspekte der grassierenden Reichsmeierei geschrieben, und ich muss auf das Thema nochmal zurückkommen. Das Deutsche Reich soll ja gar nicht richtig untergegangen sein, sondern durch die angeblich völkerrechtswidrige Verhaftung der Regierung Dönitz durch alliierte Streitkräfte in Norddeutschland seiner Handlungsfähigkeit beraubt und dann in eine Art Wachkoma gelegt worden sein, weil die Amerikaner auf dem heiligen deutschen Boden eine schnöde Firma aufziehen wollten, die das Vermögen des gescheiterten Herrenvolks abschöpfen und den Alliierten zur Finanzierung ihrer Extravaganzen zuspielen sollte.

(Apropos Handlungsfähigkeit: Welche Handlungsfähigkeit die Reichsregierung im Mai 1945 noch gehabt haben soll, erschließt sich mir nicht. Abdanken bzw. kapitulieren wäre so ziemlich das einzige gewesen, was sie damals noch hätte tun können, und selbst damit wäre man dem Unvermeidlichen nur um ein paar Tage zuvorgekommen. Als abzusehen war, dass nichts mehr ging, hatte Hitler den Schwarzen Peter ja schnell noch an Dönitz weitergereicht und sich selbst dann sozusagen durch die Hintertür aus dem Staub gemacht.)

Nunmehr führerlos Den Rest des Beitrags lesen »


Heim ins Reich, der Führer wartet!

Es gibt ja das reichlich kuriose Phänomen der Reichsbürgerbewegung. Die sogenannten Reichsbürger sind Leute, die aus welchen Gründen auch immer glauben, die Bundesrepublik Deutschland sei kein Staat, sondern eine von den Alliierten betriebene Firma. Das Deutsche Reich sei nicht untergegangen und bestehe wenigstens in völkerrechtlicher Hinsicht weiter, weshalb man dieser komischen Firma gegenüber zu nichts verpflichtet sei.

Das Grundgesetz gelte nicht, da es keine Verfassung sei (sonst würde es doch Verfassung heißen). Überhaupt gebe es ja auch gar keinen Friedensvertrag. Die bundesdeutschen Gesetze und Verordnungen seien samt und sonders ungültig. Sämtliche Amtspersonen, Mandatsträger usw. der Bundesrepublik seien nicht legitimiert und machten sich der fortwährenden Amtsanmaßung schuldig. Denen müsse man – als anständiger Mensch und rechter Deutscher – Widerstand leisten.

Es ist ein bizarres Weltbild mit fadenscheinigen, oft ausufernd verschwurbelten Begründungen, und es scheint um sich zu greifen. Folgerichtig gibt es verschiedene kommissarische oder provisorische Reichsregierungen, ein paar Gebilde mit dem Anspruch, ein alternativer Staat und Keimzelle eines besseren Deutschen Reichs zu sein wie das selbstgebastelte „Königreich“ in Wittenberg, eine offenbar gewaltbereite Polizeitruppe namens Deutsches Polizeihilfswerk und vieles andere mehr.

Zum ersten Mal habe ich von diesen Leuten ungefähr vor einem Jahr in der Reichsdeppenrundschau gelesen, einem sehr engagierten Watchblog für reichsbürgerliche Umtriebe. Die dort geschilderten bizarren Auftritte eines Geri Weber etwa hätte ich kaum für möglich gehalten. Den Rest des Beitrags lesen »