Reichsideologe in freier Wildbahn

Bisher habe ich mit Reichsideologen immer nur indirekt zu tun gehabt. Zum erstenmal gehört von ihnen habe ich im Internet, und bisher habe ich auch nur in Blogs mit ihnen diskutiert (v.a. beim Eisenfresser) und gelegentlich drüber geschrieben (erstmals hier, dann nochmal hier). Sicher werden ein paar der Leute, die ich im echten Leben gesehen habe, auch Reichsideologen gewesen sein, aber das weiß ich ja nicht. Die haben sich kein großes R auf die Stirn tätowiert, damit man sie erkennt.

Jetzt habe ich so jemandem live erlebt, im echten Leben in der Öffentlichkeit. Ein Straßenmusiker, ein mittelalterlich kostümierter Harfenist, unterhält sich mit einem bulligen Muskelshirtträger auf einem Mountainbike. Ein kurioser Anblick, aber gut, mittelalterliches Kostüm sticht eben im heutigen Straßenbild heraus.

Ich bin mit meiner Tochter unterwegs, wir beide mögen handgemachte Musik. Wir bleiben also stehen, um dem Mann beim Klimpern zuzuhören. Er ist ziemlich gut und lässt neben der Unterhaltung schöne Klänge aus seiner Harfe perlen. Wirklich hörenswert, den würde ich gern mal hören, wenn er mit voller Konzentration spielt!

Während wir der Musik zuhören kann ich die Unterhaltung der beiden nicht nichthören. Schon nach wenigen Takten Musik kommt ein reichsbürgerliches Schlüsselwort, sogenannte Staatsangehörigkeit war es wohl, dann noch eins. Ich höre genauer hin, und Herrschaftzeiten, was für einen Blödsinn die beiden reden!

Der Harfenmann „diktiert“ aus dem Gedächtnis ein Schreiben an die Behörden: …widerrufe ich das irgendwann durch Unterschrift gegebene Einverständnis mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Firma Einwohnermeldeamt und gebe die dadurch erworbene Staatsangehörigkeit der Firma Bundesrepublik Deutschland zurück… gemäß – glaube ich – Paragraf x Personalausweisgesetz oder so, weiß ich nicht mehr so genau… Handelsrecht… Besatzung… das ganze Programm.

Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber so ungefähr dürfte das hinkommen, die genannten Stichworte sind jedenfalls alle gefallen. Es war ein großmächtiges Schwurbelfest an der Harfe. Der mit dem Muskelshirt hat nur immer mal bestätigende Geräusche gemacht und gelegentlich ein paar reichsideologische Standards zum Besten gegeben. Im Zuge der Unterhaltung jubilierte der mit der Harfe: Das macht so Spaß mit dir zu diskutieren, du weißt so viel über diese Dinge!

Ich habe nichts gesagt, weil ich keinen Nerv auf die Diskussion hatte und mein Töchterlein müde war und nach Hause musste. Nach ein paar Minuten sind wir also weitergezogen.

** * **

Leider habe ich den Anfang der Diskussion nicht erlebt. Wie erkennen solche Leute sich auf der Straße? Die haben ja, wie gesagt, kein großes R auf der Stirn. Einer von beiden muss bei einer Begegnung mit einem Unbekannten irgendein erkennbares Schlüsselwort geäußert haben, auf das der andere dann angesprungen ist. Oder die tragen doch irgendwo ein Geheimzeichen, wie auch immer das aussehen mag. Vielleicht so ähnlich wie der Fisch der Urchristen oder die komischen Handschläge der Freimaurer, was weiß ich.

Oder man ist als Reichsideologe so durchdrungen von der Nichtstaatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, dass man nicht mal beim Brötchenholen oder beim Straßenmusizieren davon schweigen kann. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, wie es so schön heißt.

Vielleicht weist der Musiker beim Verkauf seiner CDs darauf hin, dass die Preise ohne Mehrwertsteuer sind, weil die ja nur an amtsanmaßende Staatsvortäuscher ginge. Oder der Kunde fragt, ob er als Staatenloser, Fitzekländer oder Bürger des Königreichs Preußen (zutreffendes bitte ankreuzen) von der Mehrwertsteuer befreit werden könne, weil die ja nur an amtsanmaßende, Ihr wisst schon. Keine Ahnung, wie das da lief, aber gehört hätte ich es schon gern.

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3 Kommentare on “Reichsideologe in freier Wildbahn”

  1. Yadgar sagt:

    Also, ich habe mich ja auch schon als Staatengründer hervorgetan:

    http://www.assoziations-blaster.de/blast/ichgr%FCndeeinenStaat.30.html

    und hier: http://www.assoziations-blaster.de/blast/Bergisch-Afghanistan.1.html

    oder, eingehender erklärt, hier: http://www.rock-o-data.de/khyberspace/bikeblog_2013-06.php (im Eintrag „2. Juni 2013“, durchscrollen!)

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  2. gnaddrig sagt:

    Bergisch-Afghanistan scheint aber ein Einmannstaat geblieben zu sein und dürfte den zuständigen Behörden eher wenig Kopfzerbrechen bereitet haben, anders als gewisse andere Gebilde im Lande Goethes…

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  3. […] muss der Neid ihm lassen, diese Erfahrung hat Kollege gnaddrig mir voraus. Er ist tatsächlich zwei ‚Reichsbürgern‘ live in echt und in Farbe […]

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