Hurra hurra die Schule brennt

Die Schule meiner Tochter liegt in einer Seitenstraße. Beide Straßenseiten sind normalerweise dicht zugeparkt, es ist also recht eng. Wenn Pkw sich begegnen, passen sie meistens knapp aneinander vorbei, aber wenn ein Lkw durch die Straße fährt, wird es schon sehr eng. Wenn dann noch jemand ungeschickt geparkt hat…

Das Schultor ist die einzige Zufahrt zum Schulhof, und vor dem Schultor ist absolutes Haltverbot, damit Rettungswagen und Feuerwehr im Notfall unverstellten Zugang haben. Einleuchtend – bei einem Norfall in einer Grundschule mit über 500 Schülern sollte man als Rettungsdienst schnell zugreifen können.

Nun müssen die Kinder ja morgens zur Schule kommen und mittags wieder weg. Erstaunlich viele Eltern bringen den Nachwuchs im Auto. Wir sprechen hier von einer Schule in der Innenstadt, wo die fernsten Ecken des Schulbezirks vielleicht einen Kilometer von der Schule entfernt liegen und nur eine Handvoll Schüler von außerhalb kommt. Die allermeisten wohnen deutlich näher an der Schule und könnten und sollten es eigentlich zu Fuß oder mit dem Roller oder Fahrrad zur Schule schaffen. Dass Eltern, die sowieso mit dem Auto losmüssen und sowieso an der Schule vorbeikommen, ihre Kinder wenigstens bei schlechtem Wetter mal mitnehmen, kann ich noch nachvollziehen. Aber so viele, wie da unabhängig vom Wetter jeden Morgen aufschlagen? Ich weiß nicht.

Egal. Die bringen also ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, und sie können die ja nicht im Vorbeifahren abwerfen. Sie müssen anhalten, um die Kinder aussteigen zu lassen. Wo tun sie das? Genau, vor dem Schultor im absoluten Haltverbot. (Bei jeder Einschulung wird mehrfach groß, laut und deutlich darauf hingewiesen, dass man dort doch bitte nicht halten möge und die Kinder entweder zu Fuß bringen möge oder, wenn schon mit dem Auto, man wenigstens um die Ecke halten möge, wo mehr Platz ist, die paar Meter werden die Kleinen ja nun wirklich schaffen. Fällt aber regelmäßig auf taube Ohren, der Appell.)

** * **

Sie halten also bequemerweise vor dem Schultor. Da passen drei SUVs hinterheinander, und in zweiter Reihe geht auch noch was. Sie kommen aus beiden Richtungen, manchmal bilden sich richtiggehende Schlangen wie an einer Hotelvorfahrt kurz bevor eine Tagung anfängt. Man hält an, steigt aus, geht ums Auto, öffnet dem Kind die Tür, pflückt den Schulranzen aus dem Kofferraum, bringt manchmal das Kind bis ans Tor, dann Küsschen links, Küsschen rechts, gern auch ein Schwatz mit anderen Eltern in Sichtweite. Dann einsteigen und wegfahren.

Naja, wegfahren wollen. Oft genug blockieren sie sich nämlich gegenseitig. Die Warteschlange steht oft so dicht, dass zum Rangieren kein Platz ist. Oder jemand versucht gerade, sich in der anderen Richtung  rein-, raus- oder vorbeizudrängeln. Das ist nicht ständig so, aber immer wieder mal geht da minutenlang nichts. Kennt man, die Sorte Situation. Kein Wunder – wenn man hinterm Steuer sitzt, fehlt gelegentlich der Überblick, wer wo steht und wohin will. Das ist so eine typische Scheuklappen-und-Ellenbogen-Situation, eine Art begehbares Schiebespiel.

Und jetzt, stelle man sich vor, kommen ein Rettungswagen und ein Notarzt mit klingendem Spiel angesegelt, vielleicht sogar aus verschiedenen Richtungen. Wie zügig werden die Elterntaxis es schaffen, die Einfahrt freizumachen? Da werden die Retter notgedrungen ein paar Dutzend Meter weiter parken und zu Fuß in die Schule gehen. Geht schneller. Schlimm genug, aber jetzt stelle man sich einen Feuerwehreinsatz vor. Der erste Löschzug mit drei Fahrzeugen steht an der Kreuzung, das Tatü-tata der Martinhörner macht erheblichen Stress und löst den Reh-im-Scheinwerfer-Effekt bei den Elterntaxis aus, da geht dann wertvolle Zeit verloren.

** * **

Ich erinnere mich an einen Feuerwehreinsatz in einem Hotel in der Gegend, den ich zufällig beobachtet habe. Eine Absteige für Geschäftsreisende, fünf oder sechs Stockwerke, gut 100 Betten. An einem späten Vormittag quillt Rauch aus einem Fenster im 1. Stock. Die Feuerwehr stellt ein Großaufgebot vor die Tür, bestimmt 10 Fahrzeuge, und zieht eine beeindruckende Show ab. Große Kreuzung abgesperrt, Materialschlacht vorbereitet, große Geschäftigkeit. Allerdings hatte nur ein Wäschetrockner das Genre gewechselt und war in Flammen aufgegangen. Den haben sie dann kurzerhand aus dem Fenster geschmissen, ein bisschen hinter sich aufgeräumt und sind wieder abgezogen.

Aber wenn in einem Hotel, in dem sich wochentags am Vormittag typischerweise nicht so wahnsinnig viele Leute aufhalten, schon so ein Auftritt veranstaltet wird, würde ich bei einem Alarm in einer vollbesetzten Grundschule ein eher noch größeres Aufgebot erwarten, und dann wären (und hätten) die Nur-mal-eben-schnell-Elterntaxis ein ernstes Problem.

Da muss man sich offensichtlich aber eigentlich keine großen Gedanken drüber machen. Man bringt ja nur schnell das Kindchen zur Schule. Man hält da ja nur zwei Sekunden und ist ganz, ganz sofort gleich wieder weg. Und die anderen machen das ja auch alle. Da ist ja auch genug Platz. Und überhaupt. Kann man scheint’s nichts machen, muss wohl erst was passieren.


10 Kommentare on “Hurra hurra die Schule brennt”

  1. Stefan R. sagt:

    Jaaa, das kenne ich, allerdings als Schwimmer. Vor dem Hallenbad, in dem im Anschluss an den öffentlichen Schwimmbetrieb Schwimmkurse für Kinder veranstaltet werden. Wenn da der Familienvan-Korso einfällt, wird mal eben der ganze Parkplatz blockiert. Bittet man eine der Superchauffeusen, einen Meter weiter zu fahren, damit man aus seiner Parklücke kommt, kassiert man einen Blick als habe man sich gerade vor ihr entblößt. Haben Sie Kinder? Tss, tss, da müssen wir halt alle mal ein bisschen Rücksicht nehmen! Alle außer mir natürlich.
    Ich hasse Prinzipienreiterei und bin wirklich für einen flexiblen, der Situation angemessenen Umgang mit Regeln, aber Feuerwehrzufahrten und Rettungswege zustellen ist definitiv nicht witzig und geht mal gar nicht.
    Eigentlich wäre es ganz einfach: Karre ins absolute Halteverbot stellen und Rettungswege blockieren kostet 60 bzw. 65 Euronen Bußgeld und gibt jeweils einen Punkt beim KBA. Man bräuchte an der Penne nur ein paar Tage lang zu Schulbeginn und Schulschluss konsequent zu kontrollieren, danach sporadisch. Ich wette, danach ist das Problem erledigt. Mir scheint es nur zuweilen am rechten Willen zu fehlen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Vielleicht sollte ich mal ganz harmlos beim Ordnungsamt nachfragen, wie die das sehen…

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  3. Yadgar sagt:

    Vielleicht gibt es demnächst helikoptermuttigerechte Designerkinder ganz ohne Beine, denn alleine laufen ist doch viiiiiiel zu gefährlich, und wenn es doch mal sein muss kann man sich dann wieder möglichst teure Gehmaschinen kaufen und damit rumprotzen…

    Manchmal wünsche ich mir wirklich, vor urtümlicher Lebenskraft strotzende Barbarenvölker aus zentralasiatischen Steppen würden uns überrennen und diesen ganzen dekadenten Zuvielisationsrotz restlos hinwegfegen…

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  4. gnaddrig sagt:

    Och ich weiß nicht, ich lebe eigentlich ganz gern (erstens überhaupt, zweitens warm, trocken und satt) und erfreue mich auch sonst an vielen Errungenschaften der Zivilisation. Unter den Barbaren wäre das erstmal alles weg, und es würde auch sonst in nichts wirklich besser werden – derselbe Scheiß nur ohne Strom und Klopapier sozusagen.

    Eine Art Schuss vor den Bug der egozentrischen Überflussgesellschaft wäre vielleicht nützlich, ich wüsste aber nicht, wie so was aussehen könnte, dass es auch ankommt und was bewirkt, ohne unnötig viel kaputtzuschlagen. Allerdings: Wenn ich mir die Missgunst anschaue, die überall wabert und gedeiht, stimmt mich das auch nicht eben zuversichtlich was die Erfolgschancen so eines Warnschusses angeht. Bleibt Keep calm and carry on

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  5. Yadgar sagt:

    …oder wie man schon Anfang der 1990er Jahre im „Wiener“ lesen konnte: „Die Katastrophe, die allen einleuchten würde, wäre die, die niemand überlebt.“

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  6. gnaddrig sagt:

    Konsequent zuendegedacht käme man wohl fast zwangsläufig da raus. Wäre aber nicht so mein Ding, dann schon lieber weiterwurschteln.

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  7. Achim sagt:

    Ich wohne in Steinwurfweite einer Grundschule und weiß genau, wovon du schreibst. Es gib da ein feines Buch über Autofahren und Zu-Fuß-Gehen: „Boje Maaßen geht los“, steht bei mir im Regal, ist auch noch erhältlich: http://amzn.to/1OPw56t

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  8. gnaddrig sagt:

    Klingt interessant, das Buch, danke für den Hinweis!

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  9. Achim sagt:

    Ja, ist spannend. Zum Thema: Maaßen zeigt Zeichnungen von Schulkindern, die ihren Schulweg aufmalen sollten. Das Ergebnis ist so traurig wie vorhersagbar: Während die Fußgänger Wimmelbilder produzieren, die Busfahrer immerhin noch einiges zu zeigen haben (der Weg zur Haltestelle, das Leben im Bus), besteht das Bild derer, die mit dem Elterntaxi kommen, aus zwei Gebäuden mit einem Strich dazwischen.

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  10. gnaddrig sagt:

    Einleuchtend und ernüchternd. Bin froh, selbst mit viel Eigenbewegung aufgewachsen zu sein. Man sieht ja tatsächlich viel mehr, wenn man läuft oder radfährt. Die Elterntaxileute wissen gar nicht, was sie ihren Kindern da vorenthalten.

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